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Deshalb trug er jetzt immer sackartige Sweater. In dieser einen Hinsicht hatte er sich gegenüber seiner Mutter durchgesetzt. Wenn an jenem Tag Beverly mit den anderen gekichert hätte, dann wäre er- so glaubte er- gestorben.

»Es war eine Freude, dich dieses Jahr zu unterrichten, Benjamin«, sagte Mrs. Douglas, als sie ihm sein Zeugnis überreichte.

»Danke, Mrs. Douglas«, sagte er, und aus dem Hintergrund des Klassenzimmers ertönte ein leises nachäffendes »Danke, Mrs. Douglas«. Das war natürlich Henry Bowers. Henry war im Vorjahr sitzengeblieben; das war der Grund, weshalb er nicht zusammen mit seinen Freunden Belch Huggins und Victor Criss die sechste Klasse besucht hatte. Ben vermutete, daß Bowers auch diesmal wieder Probleme mit der Versetzung hatte, denn sein Name war vorhin bei der alphabetischen Zeugnisverteilung nicht aufgetaucht.

Ben fühlte sich bei diesem Gedanken etwas unbehaglich. Während der schriftlichen Prüfungsarbeiten in Mathematik, Geographie und Rechtschreibung, die vor einer Woche stattgefunden hatten, waren sie von Mrs. Douglas umgesetzt worden - sie hatte die Plätze ausgelost -, und dabei war Ben in der letzten Reihe gelandet, neben dem von allen gefürchteten Henry Bowers. Er hatte sich wie immer tief über seine Blätter gebeugt und sie mit dem linken Arm abgedeckt, weil das seine Lieblingsposition war.

Etwa nach der Hälfte der vorgegebenen Zeit hatte Ben über den Gang hinweg einen geflüsterten Befehl gehört, so leise und meisterhaft vorgebracht wie von einem erfahrenen alten Sträfling im Gefängnishof: »Laß mich abschreiben!«

Er hatte bestürzt einen Blick nach links geworfen und direkt in die schwarzen, immer wütenden Augen von Henry Bowers geschaut. Henry war für einen zwölfjährigen Jungen sehr groß, mit kräftigen Arm- und Beinmuskeln ausgestattet - sein Vater, von dem es hieß, er sei verrückt, hatte eine Farm am Ende der Kansas Street, in der Nähe der Stadtgrenze von Newport, und Henry mußte 30 Stunden wöchentlich harken, Unkraut jäten, pflanzen oder ernten. Wenn es nichts anderes zu tun gab, ließ Mr. Bowers Henry Steine auflesen. Davon gab es auf den Feldern immer eine ganze Menge.

Henrys Haare waren so kurz geschnitten, daß seine weiße Schädeldecke durchschimmerte. Die vorderste Reihe seiner Haarstoppeln stand immer hoch, denn er bestrich sie mit einem Gel, das er stets in der Hüfttasche seiner Jeans bei sich trug. Er roch immer nach Schweiß und Kaubonbons und trug mit Vorliebe eine pinkfarbene Motorradjacke mit einem Adler auf dem Rük-ken, und als ein Viertkläßler es einmal gewagt hatte, über diese Jacke zu lachen, war Henry blitzschnell über ihn hergefallen und hatte dem unglückseligen Jungen seine schmutzige Faust ins Gesicht geschmettert und ihm drei Vorderzähne ausgeschlagen. Daraufhin war er für zwei Wochen vom Schulbesuch ausgeschlossen worden. Ben hatte damals die glühende Hoffnung der Unterdrückten und Terrorisierten gehegt, daß man Henry für immer von der Schule verweisen würde, aber dieses Glück war ihm nicht widerfahren. Zwei Wochen später war Henry wieder unheilverkündend auf den Schulhof stolziert, prächtig anzusehen in seiner pinkfarbenen Motorradjacke und mit den pomadisierten Haarstoppeln. Unter beiden Augen waren noch die Spuren der Prügel zu erkennen gewesen, die sein verrückter Vater ihm für >Kämpfen im Schulhof< verabreicht hatte. Aber niemals mehr hatte es jemand gewagt, über Henrys pinkfarbene Motorradjacke zu spotten.

Als Henry Ben während der Prüfung aufgefordert hatte, ihn abschreiben zu lassen, waren Ben verschiedene Gedanken durch den Kopf geschossen -sein Verstand arbeitete so schnell und präzise wie sein Körper fett und schwerfällig war. Wenn Mrs. Douglas bemerkte, daß Henry von ihm abschrieb, würden sie beide für die Prüfungsarbeiten Sechser bekommen, war sein erster Gedanke gewesen, und der zweite: Wenn er Henry nicht abschreiben ließ, würde dieser ihm nach der Schule auflauern und ihm die berüchtigten Fausthiebe verpassen, wobei Belch Huggins und Victor Criss vermutlich seine Arme festhalten würden.

Sein dritter Gedankengang war komplizierter gewesen, fast schon der eines Erwachsenen.

Vielleicht kann ich ihm in der letzten Schulwoche aus dem Weg gehen. Und vielleicht vergißt er die Sache im Laufe des Sommers. Ja. Er ist sehr dumm. Und vielleicht wird er dann wieder sitzenbleiben. Er wird nicht mehr in meiner Klasse sein und mich nicht mehr schikanieren können... Ich werde dann auch vor ihm auf die Junior High School kommen. Ich werde vielleicht... frei sein.

»Laß mich abschreiben!« hatte Henry wieder geflüstert, fordernd, mit blitzenden Augen.

Ben hatte leicht den Kopf geschüttelt und seinen Arm schützend über seine Blätter gehalten.

»Du kriegst es mit mir zu tun, Fettkloß!« hatte Henry in seiner Verzweiflung etwas lauter geflüstert. Sein Blatt war noch völlig leer gewesen. »Laß mich abschreiben, oder du kriegst es mit mir zu tun!«

Ben hatte wieder den Kopf geschüttelt, unglücklich, aber - zum erstenmal in seinem Leben - fest entschlossen. Er hatte seinen Entschluß gefaßt und würde daran festhalten.

»Spricht jemand da hinten?« hatte Mrs. Douglas plötzlich laut und scharf gerufen. »Das muß sofort aufhören!«

In den folgenden zehn Minuten hatte absolute Stille geherrscht, und die jungen Köpfe hatten sich eifrig über die vervielfältigten Prüfungsblätter gebeugt. Dann hatte Ben wieder Henrys Flüstern vernommen, kaum hörbar, aber rasend vor Wut: »Du bist ein toter Mann, Fettkloß!«

Jetzt dankte Ben Mrs. Douglas, nahm sein Zeugnis entgegen, entfernte sich und dankte sämtlichen Göttern, die es für fette elfjährige Jungen geben mochte, daß Henry Bowers nicht vor ihm das Klassenzimmer verlassen hatte und ihm deshalb auch nicht auflauern konnte.

Er rannte nicht den Korridor entlang - er konnte rennen, aber er war sich überdeutlich bewußt, wie komisch er dann aussah -, aber er ging raschen Schrittes zur Tür, trat in die helle Junisonne hinaus und wandte ihr einen Augenblick das Gesicht zu, dankbar für die Wärme und für die vor ihm liegende Freiheit. Der September schien ihm eine Ewigkeit entfernt zu sein. Der ganze Sommer gehörte ihm, und er hatte das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.

Jemand stieß ihn kräftig an. Die angenehmen Gedanken an einen Sommer, der so jungfräulich unberührt vor ihm lag wie frisch gefallener Schnee auf einer Wiese, verschwanden schlagartig, als er taumelte und auf der Kante der obersten Stufe verzweifelt versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Es gelang ihm, das Eisengeländer zu umklammern und auf diese Weise einen schlimmen Sturz zu vermeiden.

»Geh mir aus dem Weg, Fettwanst!« Es war Victor Criss, der nun auf das Eingangstor zu stolzierte, das pomadisierte Haar zurückgekämmt, Hände in den Hosentaschen, mit den Nägeln seiner Stiefel scharrend.

Mit laut pochendem Herzen sah Ben, daß Belch Huggins auf der anderen Straßenseite stand und eine Zigarette rauchte, die er Victor reichte, als dieser zu ihm trat. Criss zog daran und gab sie Belch zurück. Dann deutete er auf Ben, der auf halber Treppe wieder stehengeblieben war, und sagte etwas. Beide brachen in schallendes Gelächter aus. Bens Gesicht glühte plötzlich - sie erwischten einen immer. Das war Schicksal oder irgend so was.

»Liebst du diesen Ort so sehr, daß du den ganzen Tag hier stehenbleiben willst?« sagte jemand neben ihm.

Ben drehte sich um und errötete noch stärker. Es war Beverly Marsh mit ihren herrlichen graugrünen Augen und dem rotgoldenen Haar, das wie ein Heiligenschein ihr Gesicht umrahmte. Sie hatte die Ärmel ihres Sweat-shirts bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt; es war am Ausschnitt sehr abgetragen und so weit, daß man nicht sehen konnte, ob sie schon Ansätze von Brüsten hatte oder nicht, aber das war Ben ohnehin egal; auch vorpubertäre Liebe kennt Wogen von alles überwältigender Kraft, und in diesem Augenblick fühlte sich Ben sowohl tölpelhaft als auch hochgestimmt, so verwirrt und verlegen wie noch nie im Leben... und doch zugleich auch völlig selig. Diese komplizierten Gefühle verschlugen ihm die Sprache.