Ben nickte nachdenklich und dachte insgeheim, daß sie nicht sehr viel von ihm wissen konnte, wenn sie nicht einmal wußte, daß er keine Freunde hatte. Aber es wäre ihm nicht einmal im Traume eingefallen, ihr das zu sagen.
Sie holte etwas aus der Tasche ihres Hauskleides und reichte es ihm. Es war eine kleine Plastikschachtel. Ben öffnete sie und riß vor Staunen den Mund auf. »Wow!« rief er, und seine Freude war nicht gespielt. »Danke, Mom!«
Es war eine Timex-Uhr mit kleinen silbernen Ziffern und einem Kunstleder-Armband. Sie hatte die Uhr aufgezogen und gestellt; er hörte sie ticken.
»Mann, o Mann, die ist ja super!« Er umarmte und küßte sie enthusiastisch und staunte immer wieder seine Uhr an.
Sie lächelte und freute sich über seine Begeisterung. Dann wurde sie wieder ernst. »Nimm sie, trage sie, zieh sie auf, verlier sie nicht. Nachdem du jetzt eine Uhr hast, gibt es für dich keinen plausiblen Grund mehr, zu spät nach Hause zu kommen. Denk daran, was ich dir gesagt habe, Ben: sei pünktlich, sonst wird die Polizei nach dir suchen. Zumindest bis sie diesen Verbrecher schnappen, darfst du keine einzige Minute/zu spät kommen, sonst rufe ich bei der Polizei an.«
»Ja, Mama.«
»Und noch etwas«, fuhr sie fort. »Ich möchte nicht, daß du allein herumläufst. Du weißt zwar, daß du von Fremden keine Süßigkeiten annehmen oder nicht zu ihnen ins Auto steigen darfst - du bist kein Dummkopf, darin stimmen wir überein - und du bist groß für dein Alter, aber ein erwachsener Mann, besonders ein Verrückter, kann ein Kind leicht überwältigen, wenn er es darauf anlegt. Wenn du in den Park oder in die Bücherei gehst - geh mit einem deiner Freunde.«
»Ja, Mom.«
Sie sah ihn besorgt und traurig an. »Die Welt muß wirklich in einem schlimmen Zustand sein, wenn solche Dinge passieren können«, sagte sie. Sie wollte weiterreden, schüttelte dann aber den Kopf und wechselte das Thema. »Du läufst doch so viel herum, Ben. Du mußt so gut wie jedes Fleckchen in Derry kennen, stimmt's?«
Ben wußte nicht, ob er alle Fleckchen kannte, aber er kannte eine ganze Menge. Außerdem war er so aufgeregt über das unerwartete Geschenk, daß er seiner Mutter auch zugestimmt hätte, wenn sie vorgeschlagen hätte, daß John Wayne Hitler spielen sollte. Er nickte.
»Hast du nie etwas bemerkt?« fragte sie. »Irgend etwas oder irgend jemand ... na ja, Verdächtiges? Etwas Außergewöhnliches? Etwas, das dich beunruhigte oder dir Angst einjagte?«
In seiner Freude über die Uhr, seiner Liebe zu seiner Mutter und seinem Glück über ihr Interesse an ihm hätte er ihr fast erzählt, was er im Januar erlebt hatte. Aber im letzten Moment beschloß er, doch lieber den Mund zu halten.
Weshalb? Weil sogar Kinder manchmal intuitiv erfassen, daß es besser ist, aus Liebe zu schweigen, um dem geliebten Menschen Kummer und Sorgen zu ersparen? Ja, das war einer seiner Gründe, nichts von seinem unheimlichen Erlebnis zu verraten. Aber es gab auch andere, weniger edle Gründe. Sie konnte sehr streng sein. Sie konnte ein richtiger Boß sein. Sie bezeichnete ihn nie als dick, sondern nur als >groß<, immer nur als >groß< (manchmal abgewandelt in >groß für dein Alter<), und wenn vom Abendessen Reste übrigblieben, brachte sie sie ihm zum Fernseher, und er aß sie auf, und in seinem tiefsten Innern haßte er sich deswegen (Ben Hanscom hätte nie gewagt, seine Mutter zu hassen; für solche Gedanken würde Gott ihn mit einem Blitz erschlagen).
Außerdem wußte sie nicht, daß er keine Freunde hatte. Dieser Mangel an Wissen ließ ihn ihr mißtrauen - er war sich nicht sicher, wie sie reagieren würde, wenn er ihr erzählte, was im Januar passiert war—vielleicht passiert war. Um sechs Uhr abends zu Hause sein zu müssen, war nicht so schlimm. Er konnte lesen und fernsehen. Aber den ganzen Tag im Haus bleiben zu müssen, wäre sehr schlimm - und es war durchaus möglich, daß sie darauf bestehen würde.
Aus diesen Verschiedenen Gründen heraus verschwieg er ihr sein Erlebnis.
»Nein, Mom«\ sagte er. »Nur Mr. McKibbon, der in den Küchenabfällen anderer Leute herumwühlte.«
Das brachte sie zum Lachen - sie konnte Mr. McKibbon nicht leiden, der sowohl Baptist als auch Republikaner war -, und ihr Lachen beschloß dieses ernsthafte Gespräch. An jenem Abend lag Ben im Bett noch lange wach, aber diesmal quälten ihn keine Gedanken daran, elternlos in einer rauhen Welt zurückzubleiben; Er fühlte sich geliebt und geborgen unter seiner Steppdecke. Er hielt seine Uhr abwechselnd ans Ohr, um ihrem Ticken zu lauschen, und dicht vor seine Augen, um das gespenstisch leuchtende Zifferblatt zu bewundern. Schließlich schlief er ein, und im Traum spielte er mit den anderen Jungen Baseball auf dem leeren Parkplatz hinter dem Lastwagenpark der Gebrüder Tracker. Er hatte gerade einen tollen Treffer gelandet und wurde von seiner jubelnden Mannschaft umarmt und anerkennend auf den Rücken geklopft. Dann hoben sie ihn auf ihre Schultern und trugen ihn zu der Stelle, wo ihre Ausrüstung lag. Im Traum platzte er fast vor Stolz und Freude... und dann warf er einen Blick zurück auf den Parkplatz, der durch einen Kettenzaun von den dahinter beginnenden Barrens abgegrenzt war.
Von den Bäumen und Büschen hinter dem Zaun fast verdeckt, stand eine Gestalt. Sie winkte ihm mit einer Hand zu; in der anderen hielt sie eine Traube Luftballons - rote, gelbe, blaue, grüne. Ben konnte das Gesicht der Gestalt nicht sehen, aber er sah das glänzende, bauschige Kostüm mit großen orangefarbenen Pompons anstelle von Knöpfen. Er sah die große schlaffe Fliege und die weißen Handschuhe.
Es war ein Clown.
Als Ben am nächsten Morgen aufwachte, hatte er den Traum vergessen, aber sein Kopfkissen fühlte sich feucht an... so als hätte er nachts geweint.
6
Ben schüttelte die Gedanken an das Sperrstunden-Schild und alles, was damit zusammenhing, so leicht von sich ab wie ein Hund den Regen und ging zur Ausleihtheke.
»Hallo, Benny«, sagte Mrs. Starrett. Sie hatte Ben sehr gern, genauso wie seine Lehrerin Mrs. Douglas (und vor ihr Miß Hembek und all die anderen Lehrerinnen vor Miß Hembek). Erwachsene mochten ihn im allgemeinen, weil er höflich, rücksichtsvoll, still und manchmal sehr amüsant war. Aus eben diesen Gründen konnten die meisten Kinder ihn nicht leiden. »Hast du die Sommerferien schon satt?«
Ben lächelte. Das war ein Standardscherz von Mrs. Starrett. »Noch nicht«, antwortete er, »denn sie haben erst vor...« - er schaute auf seine Uhr - »... einer Stunde und 17 Minuten begonnen. Eine Stunde wird's wohl schon noch dauern.«
Mrs. Starrett lachte hinter vorgehaltener Hand. Sie fragte Ben, ob er sich für das Sommer-Leseprogramm einschreiben wolle, und er bejahte. Sie gab ihm eine Karte der Vereinigten Staaten, und Ben bedankte sich.
Dann schlenderte er an den Regalen entlang, zog ab und zu ein Buch heraus, blätterte darin und stellte es wieder zurück. Bücher auszuwählen war eine schwierige Angelegenheit. Als Erwachsener konnte man soviel Bücher ausleihen, wie man wollte, aber als Kind nur drei. Und es war ärgerlich, wenn eines davon sich als langweilig erwies.
Shließlich hatte er seine Auswahl getroffen - >Bulldozer< von Stephen W. Meader, >The Black Stallwn< von Walter Farley und ein Buch, das eine Art Schuß ins Blaue war: >Hot Rod< von Henry Gregor Felson. »Das wird dir vielleicht nicht gefallen«, sagte Mrs. Starrett, während sie das Buch abstempelte. »Es ist ziemlich grausam. Ich empfehle es immer den Teenagern, weil es ihnen Stoff zum Nachdenken gibt. Manchmal habe ich das Gefühl, daß sie danach eine ganze Woche lang langsamer fahren.«
»Na, ich schau's mal durch«, sagte Ben und trug seine Bücher zu einem Tisch, der möglichst weit entfernt von >Poohs Ecke< war, wo Big Billy Goat's