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Wie so viele andere kleine oder große Städte war Derry nicht geplant worden - es war einfach gewachsen. Städteplaner hätten es nie dort angelegt, wo es tatsächlich lag, nämlich in einem vom Kenduskeag gebildeten Tal. Der Fluß führte diagonal durch die Stadt, von Südwesten nach Nordosten; er war nicht tief, aber breit und schnell. Zwanzig Meilen stromabwärts mündete er in den Penobscot, einen viel größeren Fluß.
Das Tal war weit und flach, gesäumt von alten Hügeln. Der Boden war hier immer sumpfig und dicht bewachsen gewesen, und die Stadt war häufig von Überschwemmungen bedroht, trotz der Riesensummen, die in den letzten 50 Jahren für Entwässerungsanlagen ausgegeben worden waren. Im Jahre 1933 hatte es eine schreckliche Hochwasserkatastrophe gegeben, und auch im Herbst des Vorjahres, 1957, war die Situation mehr als kritisch gewesen. Bei heftigen Regenfällen bestand nicht nur die Gefahr, daß der Kenduskeag über die Ufer trat; die Hügel, auf denen Derry zum Teil erbaut war, waren von anderen Flüßchen und Bächen durchzogen - der Torault, in dem die Leiche von Cheryl Lamonica gefunden worden war, gehörte auch dazu.
In der Innenstadt war der Kenduskeag in einen knapp zwei Meilen langen Kanal eingezwängt. Von der Kreuzung Main Street und Canal Street floß er etwa eine halbe Meile unterirdisch, dann kam er wieder an die Oberfläche. Die Canal Street führte am Fluß entlang stadtauswärts, und alle paar Wochen mußte die Polizei das Auto irgendeines Betrunkenen aus dem Kanal fischen, der von Abwässern und Fabrikabfällen verunreinigt war.
An der Nordostseite von Derry - der Kanalseite - war der Fluß gebändigt worden. Hier herrschte immer geschäftiges Treiben; Leute schlenderten am Fluß entlang, manchmal Hand in Hand (ein solcher Spaziergang war allerdings nur angenehm, wenn der Wind den Gestank in die entgegengesetzte Richtung blies), und im Bassey Park, gegenüber der High School auf der anderen Kanalseite, wurden manchmal Pfadfinderlager oder Grillpartys veranstaltet - und 19 Jahre später waren die Bewohner von Derry schockiert und empört darüber, daß Hippies dort draußen haschten und mit Drogen handelten - Ende der 6oer Jahre wurde der Bassey Park zum regelrechten Umschlagplatz für verbotenes Rauschgift, und 1969 wurde dort ein siebzehnjähriger Junge am Kanal tot aufgefunden, mit schmerzverzerrtem Gesicht und vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen. Sein Körper war mit Heroin vollgepumpt - eine tödliche Dosis. Danach begannen die jungen Leute die Kanalgegend zu meiden, und es gingen sogar Gerüchte um, daß der Geist des Siebzehnjährigen den Bassey Park unsicher mache.
An der Südwestseite von Derry - der Flußseite - war der Kenduskeag nicht so leicht zu bändigen gewesen. Hier waren die von Bächen und Flüßchen durchzogenen Hügel sehr steil, und auf dem etwas abschüssigen Gelände, das in Derry unter dem Namen >Barrens< bekannt war, wuchsen niedrige Bäume, dichtes Buschwerk und jede Menge giftigen Efeus. Dieses Gelände war etwa anderthalb Meilen breit und drei Meilen lang und wurde auf einer Seite von der oberen Kansas Street und auf der anderen von Old Cape begrenzt. Old Cape war eine billige Wohnsiedlung, und die Dränage war dort so schlecht, daß Toiletten manchmal überliefen und Rohre platzten.
Der Kenduskeag floß mitten durch die Barrens, und die Stadt erstreckte sich zu beiden Seiten davon; aber dort unten befanden sich nur die städtische Abwasser-Pumpstation und die Mülldeponie. Aus der Luft sahen die Barrens wie ein großer grüner Dolch aus, an desen Spitze die Wildnis von Beton begrenzt wurde - hier begann der Kanal, in dem der Kenduskeag friedlich durch die Innenstadt floß, über- und unterirdisch.
Ben Hanscom bemerkte plötzlich, daß rechts und links von ihm keine Häuser mehr standen, daß er am Rande der Barrens angelangt war. Ein etwa taillenhohes baufälliges getünchtes Geländer begrenzte den Gehweg
- eine mehr symbolische Schutzmaßnahme. Er hörte das Plätschern von Wasser.
Er blieb stehen und betrachtete die Barrens. Von hier aus war der Kenduskeag kaum zu sehen, nur stellenweise schimmerte er zwischen dem dichten Laubwerk hindurch. Einige Kinder behaupteten, daß es um diese Jahreszeit dort unten im überwucherten Tiefland sperlinggroße Moskitos gäbe; andere berichteten von Treibsand. An die Riesenmoskitos glaubte Ben nicht, aber die Treibsand-Geschichten fand er beunruhigend.
Zu seiner Linken sah er eine große Schar kreisender und herabschießender Möwen: die Mülldeponie. Das Kreischen der Vögel war bis hierher schwach zu hören. Auf der anderen Wegseite konnte er in der Ferne die Anhöhen von Derry erkennen und davor die niedrigen Dächer der Häuser von Old Cape. Rechts von der Siedlung erhob sich wie ein plumper weißer Finger der Wasserturm von Derry. Direkt unterhalb von Bens Standort ragte ein rostiges Kanalrohr ein Stück aus der Erde heraus, aus dem ein schmales funkelndes Bächlein den Hügel hinabfloß und in einem Gewirr von Büschen und verkümmerten Bäumen verschwand.
Ein unangenehmer Gedanke schoß Ben durch den Kopf. Was wäre, wenn plötzlich, in diesem Augenblick, die Hand einer Leiche aus dem Rohr auftauchen würde? Ein weiteres Opfer des Verrückten? Angenommen, er würde diese Hand sehen und wegrennen wollen, um ein Telefon zu suchen und die Polizei anzurufen, und plötzlich würde ein Clown vor ihm stehen, ein lustiger Clown in einem bauschigen Kostüm mit orangefarbenen Pompons als Knöpfen? Nur einmal angenommen...
Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und er schrie auf.
Er hörte Gelächter, wirbelte herum und lehnte sich gegen das weiße Geländer, das den sicheren Gehweg der Kansas Street von den wilden Barrens trennte (er fühlte deutlich, wie das Geländer unter seinem Gewicht schwankte). Vor ihm standen Henry Bowers, Belch Huggins und Victor Criss.
»Hallo, Fettkloß«, sagte Henry.
»Was willst du von mir?« fragte Ben. Aber er wußte es genau. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.
»Ich will dich verprügeln«, erwiderte Henry bedächtig. Er wirkte ganz nüchtern, ganz ruhig und gelassen. Aber seine schwarzen Augen funkelten wild, und sogar seine hochstehenden Haarstoppeln sahen irgendwie bedrohlich aus. »Muß dir ein bißchen was beibringen, Fettkloß. Du bist doch gut in der Schule? Du lernst doch gern, nicht wahr?«
Er streckte die Hand nach Ben aus. Ben wich ein Stück zur Seite.
»Packt ihn, Jungs!« rief Henry.
Belch und Victor traten in Aktion. Ben quiekte - es war ein schrecklich feiger Laut, aber er konnte ihn nicht zurückhalten. Bitte, lieber Gott, laß sie mich nicht zum Heulen bringen, dachte Ben verzweifelt, aber er wußte, daß er heulen würde. Er würde vermutlich eine ganze Menge heulen, bevor das hier vorbei war.
»Hört sich an wie ein Schwein, was?« sagte Victor lachend. Er packte Ben an einem Arm, mit dem dieser wirkungslos in der Luft herumgefuchtelt hatte.
»Und ob!« kicherte Belch und packte Bens anderen Arm.
Ben versuchte auszubrechen, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Belch und Victor ließen ihn aber nicht los und zerrten ihn zurück.
Henry Bowers zog mit einem Ruck Bens weiten Sweater hoch und entblößte damit Bens Bauch, der weit über seinen Gürtel hinabhing.
»Schaut euch nur mal diesen Wanst an!« sagte Henry erstaunt und angewidert. »Mein Gott!«
Victor und Belch lachten. Ben schaute wild um sich, in der Hoffnung, in der Nähe jemanden zu sehen, den er zu Hilfe rufen konnte. Aber kein Mensch war da. Hinter ihm, unten in den Barrens, zirpten Grillen und kreischten Möwen über der Müllhalde.
»Du solltest mich lieber in Ruhe lassen«, sagte er. »Es wäre besser für dich.«