Er rannte zum anderen Ufer und kletterte, so rasch er konnte, die steile Böschung empor, wobei er sich an vorstehenden Wurzeln und Ästen festhielt. Oben angelangt (ein letzter Stein traf ihn am Gesäß, als er sich hochzog), riskierte er rasch einen Blick über die Schulter hinweg.
Belch kniete neben Henry im Bach, währen Victor daneben stand und immer noch Steine schleuderte. Einer flog raschelnd durch das mannshohe Gebüsch und schlug dicht neben Ben auf. Er hatte genug gesehen - mehr als genug. Henry Bowers versuchte schon wieder aufzustehen. Ben zwängte sich ins dichte Gebüsch und schlug eine Richtung ein, von der er hoffte, daß sie nach Westen führte. Er mußte versuchen, die Barrens zu durchqueren und irgendwo in Old Cape herauszukommen. Dort würde er dann versuchen, von jemandem Geld zum Telefonieren zu bekommen und anrufen, daß man ihn mit dem Auto abholen sollte. Wer das tun sollte, wußte Ben noch nicht. Das konnte er sich später überlegen, wenn dieser verrückte Traum endlich vorbei sein würde.
Er zwang seinen fetten Körper dazu, sich schneller zu bewegen, als es diesem lieb war. Büsche versperrten ihm den Weg, und er schob sie ungeduldig zur Seite. Dornengestrüpp versuchte ihn aufzuhalten, aber er riß sich immer wieder los. Er gelangte an einen dunklen Ort, der schwarz und schmutzig aussah. Bambusartige Gewächse sprossen hier und da aus dem Boden, und von der Erde stieg ein Gestank auf. Ein bedrohlicher Gedanke (Treibsand!) schoß ihm durch den Kopf, während er auf das seichte stehende Wasser zwischen den Gewächsen starrte, und er bog rasch nach rechts ab.
Kurze Zeit danach befand er sich in einem dichten Wald. Die dicken Bäume kämpften grimmig um ein wenig Platz und Sonne, aber zumindest gab es hier weniger Gestrüpp, und er kam rascher vorwärts. Das einzige Problem war, daß er nicht mehr wußte, in welcher Richtung er sich eigentlich bewegte... allerdings beunruhigte ihn das nicht allzusehr. Die Barrens waren auf drei Seiten von Derry begrenzt, und auf der vierten Seite von der neuen Autobahn, die gerade gebaut wurde. Früher oder später würde er irgendwo herauskommen.
Sein Bauch schmerzte, und er schob den zerfetzten Sweater hoch, um sich die Bescherung einmal anzusehen. Unwillkürlich zuckte er bei diesem
Anblick zusammen und zog zischend die Luft ein. Sein Bauch sah aus wie eine groteske Weihnachtskugel, rot von Blut (das inzwischen Gott sei Dank schon trocknete und verkrustete), mit grünen Grasflecken von seiner Rutschpartie. Er zog den Sweater schnell wieder herunter, denn dieser Anblick verursachte ihm eine leichte Übelkeit.
Er hörte ein seltsames summendes Geräusch von irgendwoher aus der Nähe - ein stetiges, eintöniges, leises Geräusch. Ein Erwachsener in derselben Situation wie Ben hätte es einfach ignoriert, nur von dem einzigen Gedanken beseelt, so schnell wie möglich aus den Barrens herauszukommen (die Moskitos hatten Ben inzwischen entdeckt, und obwohl sie natürlich nicht die Größe von Sperlingen hatten, so waren sie doch ziemlich groß). Aber Ben war ein Junge, der seine Angst jetzt zum größten Teil überwunden hatte. Er schwenkte links ab und zwängte sich durch einige niedrige Lorbeerbüsche. Dahinter entdeckte er einen Zementzylinder von etwa vier Fuß Durchmesser und drei Fuß Höhe. Der Deckel war aus Metall, hatte Löcher für die Belüftung und trug die Aufschrift: derry Kanalisation. Das Summen kam aus der Tiefe.
Ben preßte ein Auge an eines der runden Luftlöcher, konnte aber nichts erkennen. Nur das Summen drang jetzt etwas lauter an sein Ohr, und er hörte in der Dunkelheit Wasser rauschen. Es war also nichts weiter als ein Teil der städtischen Kanalisation, aber trotzdem war es ein bißchen unheimlich. Zum Teil, weil er nicht erwartet hatte, in dieser wuchernden Wildnis etwas von Menschenhand Geschaffenes zu finden, hauptsächlich aber wegen der Form dieses Dings. Ben hatte im Vorjahr H. G. Wells' >The Time Machine< gelesen, zuerst die Comic-Fassung, dann die Erzählung - er hatte sie in der Bücherei geliehen. Und dieser aus dem Boden emporragende Zylinder mit seinem durchlöcherten Eisendeckel erinnerte ihn stark an die Brunnen, die ins unterirdische Land der schrecklichen Morlocks führten.
Er entfernte sich rasch in - wie er hoffte - westlicher Richtung, erreichte nach kurzer Zeit eine kleine Lichtung und drehte sich, bis sich sein Schatten direkt hinter ihm befand. Dann ging er geradeaus weiter.
Fünf Minuten später hörte er irgendwo vor sich das Plätschern von Wasser und Stimmen. Kinderstimmen.
Er blieb lauschend stehen, und in diesem Augenblick hörte er hinter sich raschelnde Zweige und andere Stimmen. Diese Stimmen kannte er nur allzugut. Sie gehörten Victor, Belch und Henry. Der Alptraum schien demnach immer noch nicht vorüber zu sein.
9
Etwa zwei Stunden später kam Ben Hanscom aus seinem Versteck heraus, schmutziger denn je, aber ein wenig ausgeruht. Es kam ihm zwar unglaublich vor, aber er mußte eine Zeitlang geschlafen haben.
Als er die drei großen Jungen hinter sich gehört hatte, die ihn offensichtlich immer noch unermüdlich verfolgten, war er einer totalen Erstarrung gefährlich nahe gekommen, wie ein Hirsch im Scheinwerferlicht eines na-
henden Lastwagens. Eine lähmende Schläfrigkeit überfiel ihn, und er verspürte den Drang, sich einfach hinzulegen, wo er war, sich zu einem Ball zusammenzurollen und die anderen einfach alles tun zu lassen, was sie ihm antun wollten.
Es gelang ihm jedoch, dieses Gefühl zu überwinden, und er bewegte sich in Richtung des plätschernden Wassers. Ja - dort unten waren Kinder; er konnte ihre Stimmen jetzt deutlicher hören. Sie schienen über irgendein Projekt zu reden, platschten im Wasser umher und lachten ab und zu. Dieses Lachen weckte in Ben plötzlich eine törichte Sehnsucht, brachte ihm aber gleichzeitig seine gefährliche Lage stärker zu Bewußtsein als alles bisher Geschehene.
Er kam ziemlich rasch voran und vermied jedes Geräusch. Wie viele dicke Menschen, so bewegte auch er sich erstaunlich leichtfüßig und anmutig. Er ging auf das Wasser zu (er konnte jetzt durch das Laubwerk hindurch sehen, wie die Sonne sich im Wasser spiegelte), und die Kinderstimmen kamen von rechts.
Er gelangte zu einem schmalen Pfad zwischen den Büschen, überquerte ihn und bahnte sich weiterhin vorsichtig einen Weg durchs Gebüsch. Vor ihm lag nun der Bach. Er war etwas breiter als der, in den er und Henry gefallen waren. Zu seiner Linken sah er einen weiteren Zylinder, der friedlich vor sich hin summte, und dahinter, wo die Böschung zum Bach hin abfiel, neigte sich eine alte, knorrige Ulme zum Wasser hinab. Ihre aus dem Boden herausragenden Wurzeln sahen aus wie wirre, schmutzige braunschwarze Haare.
Ben zwängte sich durch die Wurzeln und kroch in eine enge Ausbuchtung. Er hoffte, daß es hier keine Insekten gab, aber er war so müde und so von dumpfer Angst erfüllt, daß er sich nicht weiter darum kümmerte. Er lehnte sich zurück, und eine Wurzel bohrte sich in seinen Rücken wie ein drohender Finger. Er änderte seine Position ein wenig, und nun diente ihm dieselbe Wurzel als Rückenstütze.
Er hörte Henry, Belch und Victor näher kommen... und dann weitergehen. Höchstwahrscheinlich benutzten sie den Pfad. Dann hörte er, wie Henry brüllte: »Was zum Teufel, macht ihr denn da, verdammt noch mal!«
Die Antwort konnte er nicht verstehen, aber die Stimme des Kindes klang ängstlich, was Ben nur allzugut verstehen konnte.
Nun rief Victor Criss etwas, dessen Sinn Ben nicht sofort verstand: »Was für ein blödsinniger Kleinkinderdamm! Ihr Babys könntet ja noch nicht einmal Wasser kochen!«
»Los, machen wir ihn kaputt!« regte Belch an.
Ben hörte ein Protestgemurmel, dann einen Schmerzensschrei - jemand begann zu weinen. Auch das war Ben nur allzu verständlich. Die drei Rohlinge hatten ihn nicht erwischt (zumindest bisher noch nicht, warnte ihn sein Verstand), und nun ließen sie ihre Wut an ein paar anderen Kindern aus.