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»Ja, los, machen wir ihn kaputt!« rief Henry.

Lautes Platschen. Gelächter. Dann ein einzelner wütender Aufschrei.

»Komm mir ja nicht in die Quere, du stotternde kleine Mißgeburt!« brüllte Henry. »Heute lass' ich mir von niemandem mehr etwas gefallen!«

Man hörte ein Knacken und Splittern, und mit einem Male plätscherte das Wasser lauter als zuvor. Ben runzelte die Stirn. Kurz darauf glättete sie sich wieder. Er begriff jetzt, was da unten los war. Die Kinder - es mußten, nach den Geräuschen zu schließen, zwei oder drei sein - hatten einen Damm gebaut, und Henry und seine Freunde hatten ihn soeben zerstört. Ben glaubte sogar zu wissen, wer einer der Jungen war. Die einzige stotternde kleine Mißgeburt< in der Fairmont-Schule war Bill Denbrough von der Parallelklasse.

»Das hättet ihr nicht tun dürfen!« schrie eine dünne, ängstliche, wütende Stimme, die Ben ebenfalls bekannt vorkam, obwohl er sie im Augenblick nicht mit einem Gesicht oder Namen verbinden konnte. »Ihr hattet kein Recht...«

Ein dumpfer Laut, dann ein Schmerzensschrei. Der Junge begann wieder zu weinen.

»Und nun möchte ich eines von euch wissen«, sagte Henry. »Habt ihr einen fetten Jungen gesehen? Ganz zerkratzt und blutig?«

Eine kurze Antwort.

»Bist du ganz sicher?« fragte Belch. »Du solltest lieber ganz sicher sein, Stottermaul, sonst hast du auch gleich eine blutige Nase.«

»I-I-Ich b-b-b-bin s-s-sicher.«

»Los, gehen wir!« kommandierte Henry. »Vermutlich hat er den Bach ein Stück weiter unten überquert.«

»Glaubt mir, Jungs, es war ein richtiger Kleinkinderdamm«, rief Victor Criss zum Abschied. »Ihr müßtet uns eigentlich dankbar sein, daß wir euch darauf aufmerksam gemacht haben!«

Erneutes Platschen. Dann war wieder Belchs Stimme zu hören, aber weiter entfernt, so daß Ben die Worte nicht verstehen konnte. Büsche raschelten, Äste knirschten... die Geräusche wurden schwächer... immer schwächer ... verstummten schließlich ganz. Nur das Weinen des Jungen, der einen Schlag abbekommen hatte, war noch zu hören. Und das tröstende Gemurmel des anderen Jungen - Stotter-Bills, wenn Ben mit seiner Vermutung recht hatte.

Er blieb, wo er war, halb sitzend, halb liegend, an die Wurzel gelehnt. Er war schläfrig, völlig erschöpft und konnte sich kaum noch bewegen. Hier war es schmutzig, aber hier war er in Sicherheit... er fühlte sich geborgen. Das gleichmäßige Plätschern des Wassers wirkte beruhigend. Sogar seine Schmerzen hatten etwas nachgelassen. Er würde eine Zeitlang abwarten -nur um sicher zu sein, daß die großen Jungen wirklich nicht mehr in der Nähe waren... und dann würde er so schnell wie möglich nach Hause laufen.

Ben konnte das leise Summen des Kanalisations-Zylinders hören - er konnte es sogar fühlen, eine stetige leichte Vibration, die sich von der Erde in die Wurzel und von dort in seinen Rücken fortsetzte. Er dachte wieder an die Morlocks, an tiefe Brunnen, die unter die Erde führten, Brunnen mit rostigen Leitern an den Innenwänden. Er schlummerte ein.

Er träumte jedoch nicht von Morlocks, sondern von dem, was ihm im Januar zugestoßen war, und was er seiner Mutter nicht hatte anvertrauen können.

Es war der erste Schultag nach den langen Weihnachtsferien gewesen, der Beginn der zweiten Schuljahrhälfte. Mrs. Douglas hatte gefragt, wer ihr helfen könne, die vor den Ferien zurückgegebenen Bücher zu zählen, und Ben hatte sich gemeldet.

»Danke, Ben«, sagte Mrs. Douglas.

»Streberarschloch!« murmelte Henry Bowers vor sich hin.

Es war einer jener Wintertage, die sowohl wunderschön als auch sehr unangenehm sind: ein wolkenloser, strahlend blauer Himmel - aber beängstigend kalt; dazu kam noch ein starker, schneidender Wind.

Ben zählte Bücher, Mrs. Douglas notierte sich die Nummern, und dann trugen sie die Bücher gemeinsam in den Lagerraum hinab, durch Korridore mit einschläfernd surrenden Heizkörpern. Zuerst war die Schule noch voll von Geräuschen gewesen: laut zugeschlagene Türen, das Klappern von Mrs. Thomas' Schreibmaschine im Büro, die etwas disharmonischen Klänge von einer Chorprobe im oberen Stockwerk, der laute Aufprall von Bällen aus der Turnhalle, wo Basketball trainiert wurde.

Aber allmählich verstummten all diese Geräusche, bis zuletzt - als der letzte Bücherstapel gezählt und notiert war (ein Buch fehlte, aber das spielte kaum eine Rolle, seufzte Mrs. Douglas - die Bücher fielen sowieso schon fast auseinander) - nur noch das Surren der Heizkörper, das schwache Fegen von Mr. Fazios Besen und das Heulen des Windes vor den Fenstern zu hören war.

Ben blickte aus dem einzigen schmalen Fenster des Lagerraums und sah, daß das Licht draußen rasch schwächer wurde. Es war vier Uhr - die Dämmerung brach an diesem Wintertag schon sehr früh herein. Schneeflocken wirbelten im Wind über den vereisten Sportplatz und über die Wippen, die so fest am Boden angefroren waren, daß diese Schweißnähte des Winters erst im lang anhaltenden Apriltauwetter aufgehen würden. Auf der Jackson Street war kein Mensch zu sehen. Irgendwie war das ein wenig unheimlich.

Ben schaute zu Mrs. Douglas hinüber und sah, daß sie ebenfalls aus dem Fenster starrte. Mit leichter Angst registrierte er, daß sie in vieler Hinsicht sehr ähnliche Gefühle haben mußte wie er. Ihr Gesicht war bleich und nachdenklich, ihr Blick leer. Sie hatte die Arme unter der Brust verschränkt, als sei ihr kalt. Was war an diesem Augenblick, das Ben ängstigte? Daß ein Erwachsener seine geheimen Gedanken teilen konnte? Oder daß er die geheimen Gedanken eines Erwachsenen teilte?

Dann wandte sie sich ihm zu und stieß ein kurzes, fast verlegenes Lachen aus. »Ich habe dich viel zu lange aufgehalten, Ben«, sagte sie. »Es tut mir leid.«

»Das macht nichts«, erwiderte er und schaute zur Seite. Er liebte sie ein bißchen - es war nicht die rückhaltlose Liebe, die er Miß Therault, seiner Lehrerin in der ersten Klasse, entgegengebracht hatte... aber er liebte sie.

»Wenn ich ein Auto hätte, würde ich dich nach Hause fahren«, sagte sie. »Hat deine Mutter vielleicht eins, Ben?«

»Nein«, antwortete Ben, »aber es ist wirklich nicht schlimm. Ich hab nur etwa eine Meile zu gehen.«

»Das ist ein weiter Weg, wenn es so kalt ist«, meinte Mrs. Douglas. »Wenn dir unterwegs zu kalt wird, mußt du dich irgendwo aufwärmen, okay?«

»Na klar. In Knowlers Laden oder sonstwo. Außerdem habe ich meine Schneehosen und meine Kapuzenjacke. Und meinen Schal.«

Mrs. Douglas wirkte nun ein bißchen beruhigter... und dann blickte sie wieder aus dem Fenster. »Es sieht so kalt da draußen aus«, sagte sie. »So... so feindselig.«

Ben kam plötzlich zu Bewußtsein, daß er in ihr auf einmal einen Menschen sah, nicht nur eine Lehrerin wie bisher; er dachte in Zusammenhang mit ihr plötzlich an ganz neue Dinge. Er sah sie heimgehen zu einem Mann, den er nicht kannte, er sah sie das Abendessen zubereiten. Und ein seltsamer Gedanke schoß ihm durch den Kopf, eine Frage, wie sie auf CocktailPartys üblich ist: Haben Sie Kinder, Mrs. Douglas?

»Um diese Jahreszeit denke ich manchmal, daß die Winter in Maine nichts für Menschen sind«, sagte sie. Dann sah sie ihn lächelnd an. »Ich werde mich bis zum Frühling alt fühlen, und dann werde ich wieder jung sein. Bist du sicher, daß du gut nach Hause kommen wirst, Ben?«

»Ganz sicher«, sagte er, erfreut, sie beruhigen zu können.

»Ja«, meinte sie. »Ich nehme es eigentlich auch an. Du bist ein guter Junge, Ben.«

Er errötete und schaute verlegen zur Seite. Er liebte sie mehr denn je.

Im Korridor fegte Mr. Fazio, ein graues Gespenst in seiner khakifarbenen Arbeitskleidung, rote Sägespäne zusammen. Er schaute gar nicht hoch, als Ben auf dem Weg zu seinem Schrank an ihm vorbeikam.