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Ben zog seine Schneehosen an (er war immer furchtbar unglücklich gewesen, daß er sie tragen mußte, weil es in seinen Augen Babyklamotten waren, aber an diesem Spätnachmittag freute er sich, sie zu haben), seine Stiefel, seine Jacke, seine Fausthandschuhe und seinen Schal. Er schloß seinen Schrank und ging hinaus. Der Wind unternahm sofort eine Attacke auf Bens warmes, unvorbereitetes Gesicht und ließ seine Wangen vor Kälte erstarren. Rasch zog er seinen Schal hoch, bis er aussah wie eine kleine, gedrungene Karikatur von Red Ryder. Während er noch auf dem Gehweg vor dem Schultor stand, sah er Mrs. Douglas links um die Ecke biegen, eine schmale, einsam wirkende Gestalt in ihrem schwarzen Mantel und den Galoschen.

Ben setzte sich in Bewegung; zum Herumstehen war es wirklich viel zu kalt. Zuerst blies der Wind ihm in den Rücken, und das war nicht so schlimm; er schien ihn sogar richtig voranzutreiben. Aber als er an der Canal Street rechts abbog, blies der Wind ihm direkt ins Gesicht, so als versuchte er ihn aufzuhalten... so als hätte er einen eigenen Willen. Seine Nase fror. Seine Fingerspitzen waren ohne jedes Gefühl, und er schob seine behandschuhten Hände immer wieder in die Achselhöhlen, um sie zu wärmen. Kein Mensch war auf der Straße. Der Wind heulte und tobte und klang manchmal direkt menschlich.

Bens Stimmung war eine Mischung aus Furcht und Heiterkeit. Ängstlich war ihm zumute, weil er jetzt erst Geschichten richtig verstand, die er gelesen hatte - Geschichten wie Jack Londons >To Build a Fire<, wo Menschen regelrecht erfroren. In einer Nacht wie dieser, wenn die Temperatur auf —15° Fahrenheit sinken würde, wäre es nur zu leicht möglich zu erfrieren.

Die Heiterkeit war schwerer zu erklären. Sie war verbunden mit einem Gefühl der Einsamkeit, der Melancholie. Er war draußen; er kämpfte mit dem Wind, und niemand von den Menschen hinter den hell erleuchteten Fenstern sah ihn vorübergehen. Sie waren drinnen, in der Wärme, im Licht. Sie wußten nicht, daß er an ihren Häusern vorbeiging, nur er wußte das. Es war sein Geheimnis.

Sein Gesicht brannte wie von tausend Nadelstichen, aber die Luft war klar und rein. Weiße Atemwolken kamen aus seiner Nase, wie bei einem schnaubenden Schlachtroß.

Und als dann die Sonne unterging, der Tag sich mit einer kalten gelborangefarbenen Linie am Horizont verabschiedete, und die ersten Sterne wie Diamanten am Himmel funkelten, erreichte Ben den Kanal. Jetzt war er nur noch drei Häuserblocks von zu Hause entfernt, und er freute sich, bald ins Warme zu kommen, wo seine erstarrten Glieder wieder auftauen würden.

Trotzdem blieb er stehen.

In Richtung Innenstadt sah der Kanal in seinem Betonbett wie ein gefrorener Rosenmilchfluß aus; in den eigenartigen Schattierungen des Wintersonnenuntergangs wirkte die Oberfläche irgendwie lebendig, krachte und stöhnte. Schnee trieb über sie hinweg.

Ben drehte sich um und blickte in die andere Richtung, nach Südwesten. Zu den Barrens hinüber. Nun hatte er den Wind wieder im Rücken. Etwa eine halbe Meile weit war der Kanal noch von seinen Betonmauern umschlossen; dann endeten sie, der vereiste Fluß breitete sich aus - froh, seinen Kerkermauern entronnen zu sein - und ging unmerklich in die Barrens über, die um diese Jahreszeit eine skelettartige Eislandschaft bildeten.

Dort unten auf dem Eis stand eine Gestalt.

Ben starrte den Mann an - wenn es ein Mann war - und dachte wie in Trance: Das kann nicht sein. Es ist unmöglich, daß ich tatsächlich sehe, was ich zu sehen glaube.

Der Mann trug ein weites weißsilbernes Clownkostüm. An den Füßen hatte er ulkige, viel zu große Schuhe. Sie waren orangefarben, ebenso wie die großen Pomponknöpfe vorne auf seinem Kostüm. In einer Hand hielt er eine Traube von Luftballons, und Ben war ganz sicher, daß er zumindest das träumen mußte, denn bei einer derart starken Kälte hätte jeder Luftballon eigentlich sofort platzen müssen.

Ben! rief der Clown auf dem Eis. Ben! Willst du einen Luftballon?

Und in dieser Stimme schwang etwas so Böses, so Schreckliches mit, daß Ben wegrennen wollte... aber seine Füße schienen an den Boden angefroren zu sein wie die Wippen auf dem Spielplatz.

Sie schweben, Ben... sie schweben und fliegen alle... versuch's doch selbst    ein

mal!

Der Clown begann übers Eis zu gehen, auf die Kanalbrücke zu. Ben stand regungslos da und beobachtete ihn angsterfüllt; er beobachtete ihn, so wie ein Vogel eine näher kommende Schlange beobachtet. Und während der Clown auf ihn zukam, fielen Ben zwei Dinge auf, die ihn vollends davon überzeugten, daß das alles ein Traum oder eine Art Halluzination sein mußte, hervorgerufen durch die Kälte: obwohl der Wind von Nordosten blies, in Richtung der Barrens blies, flogen die Ballons an den Enden ihrer Schnüre dem Clown voraus. Sie flogen in entgegengesetzter Richtung des Windes.

Das war das eine Ding der Unmöglichkeit. Das andere bestand darin, daß der Clown keinen Schatten aufs Eis warf, das die Pastellfarben des Sonnenuntergangs reflektierte und rosagelblich schimmerte.

Es wird dir hier gefallen, rief der Clown, und jetzt war er schon so nahe, daß Ben das Knirschen seiner ulkigen Schuhe auf dem holperigen Eis hören konnte. Es wird dir gefallen, o ja, hier gibt es alles mögliche; nimm einen Ballon, komm mit mir, lauf mit dem Zirkus fort, füttere die Elefanten, schau dir die Welt an, Ben, o Ben, wie du schweben wirst, wie du fliegen wirst...

Und trotz seiner Angst stellte Ben fest, daß er einen solchen Ballon wollte -wer hatte schon einen Ballon, der in Gegenrichtung des Windes flog? Wer hatte jemals von so etwas gehört? Ja, er wollte einen Luftballon... und er wollte auch das Gesicht des Clowns sehen, der den Kopf gesenkt hielt, so als wollte er sich vor dem Wind schützen.

Was geschehen wäre, wenn es in diesem Augenblick nicht von der Rathausuhr fünf geschlagen hätte, wußte Ben nicht... und er wollte es auch gar nicht wissen. Aber sie schlug, und der Clown blickte auf, und Ben sah sein Gesicht.

Es ist die Mumie! war sein erster Gedanke, der ihn mit solchem Entsetzen erfüllte, daß er sich an der niedrigen Steinbrüstung der Brücke festhalten mußte, um nicht ohnmächtig zu werden. v

Natürlich war es nicht die Mumie, das war nur ein Film, Boris Karloff mit einer Menge Make-up und Farbe im Gesicht, jeder wußte, daß diese Filmmonster nicht echt waren, aber...

Der Clown war nicht geschminkt... zumindest nicht wie ein Clown. Sein Gesicht war tief durchfurcht, die pergamentene safrangelbe Haut wies an Wangen und Stirn Risse auf. Tote Lippen grinsten bösartig und entblößten schiefe Zähne, die eingesunkenen Grabsteinen glichen; das Zahnfleisch war narbig und schwarz. Ben konnte keine Augen sehen, aber weit hinten in den dunklen Höhlen glitzerte etwas wie die kalten Juwelen in den Augen ägyptischer Skarabäen. Und obwohl der Wind in die Gegenrichtung blies, glaubte Ben doch Zimt und andere Gewürze riechen zu können, vermodernde Leichengewänder, die mit unheimlichen Methoden präpariert worden waren, Sand und uraltes Blut, das zu Rostschichten eingetrocknet war...

Wir alle schweben hier unten, Ben, krächzte der Clown, und Ben stellte mit neuem Entsetzen fest, daß er schon die Brücke erreicht hatte, daß er sich direkt unter ihm befand, und er sah eine verdorrte, gekrümmte Hand, von der Hautfetzen herabhingen wie schreckliche Fähnchen, eine Hand, durch die wie gelbes Elfenbein die Knochen hindurchschimmerten.

Er drehte sich um und rannte - die Haare unter seiner Kapuze waren gesträubt, aus den weit aufgerissenen Augen flössen Tränen, die sofort auf seinen Wangen gefroren. Er rannte - seine Stiefel dröhnten auf dem gefrorenen Gehweg der Kanalbrücke -, und hinter sich konnte er hören, daß die Mumie im Clownskostüm die Brücke erklomm, daß ihre alten Gelenke knarrten wie Scharniere, die geölt werden mußten. Er konnte das trockene Pfeifen ihres Atems hören, wenn sie die Luft durch Nasenlöcher, denen jede Feuchtigkeit entzogen war wie den unterirdischen Gewölben einer Pyramide, einzog oder ausstieß. Er konnte ihre nach Sand und Gewürzen riechenden Leichengewänder wahrnehmen, und er wußte, daß sich im nächsten Augenblick ihre Hände - fleischlos wie die geometrischen Konstruktionen, die er mit Zirkel und Lineal anfertigte - auf seine Schultern senken würden. Sie würde ihn herumdrehen, und er würde in dieses grinsende Pergamentgesicht blicken; der Fäulnisgeruch ihres Atems würde ihn einhüllen; die Augenhöhlen würden auf ihr herniederschauen, dunkle Löcher, aus deren Tiefe ein kalter Glanz schimmerte. Der Mund würde sich klaffend öffnen, und er würde seinen Luftballon haben. O ja, er würde seinen Luftballon haben...