Выбрать главу

Aber als er schluchzend und atemlos die Ecke seiner Straße erreichte, mit rasend pochendem Herzen, das in seinen Ohren zu dröhnen schien, als er es endlich wagte, einen Blick über die Schulter zu werfen, war die Straße leer. Auch die Brücke mit ihren Pfeilern, dem niedrigen Geländer und dem altmodischen Kopfsteinpflaster war leer. Den Kanal konnte er von seinem Standort aus nicht sehen, aber er war überzeugt davon, daß dort jetzt ohnehin nichts mehr zu sehen wäre. Wenn die Clown-Mumie überhaupt existiert hatte (und er begann schon daran zu zweifeln: kein Schatten? Luftballons, die gegen den Wind flogen?), so war sie jetzt unter der Brücke wie der Troll im Märchen >Three Billy Goat's Gruff<.

Unter der Brücke. Versteckt unter der Brücke.

Schaudernd lief Ben schnell nach Hause. Er erklärte seiner Mutter (die nach einem besonders anstrengenden Tag in der Fabrik so müde war, daß sie ihn kaum vermißt hatte), daß er Mrs. Douglas geholfen habe. Zum Abendessen gab es Nudeln und Reste des Truthahns vom Sonntag. Er stopfte drei Portionen in sich hinein, und mit jeder Portion verblaßte die Clown-Mumie immer mehr, wie ein Traum. So etwas gab es in Wirklichkeit niemals, nur im Kino, wo man in den Samstagmatinees für einen Vierteldollar zwei Horrorfilme sehen und sich für einen weiteren Vierteldollar jede Menge Popcorn kaufen konnte.

Nein, so etwas gab es in Wirklichkeit nicht. Zumindest nicht, bis man dann im Bett lag, die letzten vier Bonbons aufgegessen hatte, und das Bett sich in einen See der Träume verwandelte, draußen der Wind heulte und man Angst hatte, zum Fenster hinüberzuschauen, weil dort ein Gesicht sein könnte, ein uraltes grinsendes Gesicht, das verdorrt war wie ein altes Blatt anstatt zu vermodern, mit eingesunkenen Diamantaugen in tiefen schwarzen Höhlen, und eine klauenartige Hand, die eine Traube Luftballons hielt: Komm mit mir, Ben, komm mit in den Zirkus, füttere die Elefanten, schau dir die Welt an, Ben, o Ben, wie du schweben wirst, wie du fliegen wirst...

Ben fuhr keuchend aus dem Schlaf hoch, noch ganz im Banne seines Traums von der Mumie, und er geriet fast in Panik über die Enge und Dunkelheit um sich herum, über die dumpfen Schmerzen im ganzen Körper. Er sah Licht und taumelte darauf zu. Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte er, daß Traum und Wirklichkeit ineinander übergegangen waren, daß die Mumie ihn gefangen und in ihre Gruft verschleppt hatte.

Er trat in die Nachmittagssonne hinaus, hörte das Plätschern des Bachs, und plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Die drei Raufbolde. Henry Bowers. Die unglaubliche Rutschpartie über den Steilabhang in die Barrens. Die Kinder, die im Wasser gespielt hatten. Glaubt mir, Jungs, es war ein richtiger Kleinkinderdamm.

Ben betrachtete niedergeschlagen seine ruinierten Kleider. Seine Mutter würde ihm die Hölle heiß machen.

Er humpelte mühsam zum Bach hinunter. Jeder Schritt tat höllisch weh -sein Bein, sein Knöchel, sein Bauch, der außer den Schnittwunden auch noch diverse Kratzer von der Rutschpartie abbekommen hatte. Die Kinder, die den Damm gebaut hatten, würden bestimmt nicht mehr hier sein, tröstete er sich selbst. Er wußte nicht genau, wie lange er geschlafen hatte, aber wenn es auch nur eine halbe Stunde gewesen war, so hatte die Begegnung mit Henry Bowers und seinen Kumpanen die Kinder doch mit Sicherheit davon überzeugt, daß irgendein anderer Ort - vielleicht Timbuktu - ihrer Gesundheit zuträglicher sein würde.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht ging Ben am Ufer des Baches entlang; wenn Henry und die anderen jetzt zurückkämen, so hätte er nicht die geringste Chance, ihnen zu entkommen, das wußte er genau.

Der Bach machte eine ellenbogenförmige Biegung, und hier blieb Ben unschlüssig stehen. Die Kinder waren doch noch da. Eines war wirklich Stotter-Bill aus der Parallelklasse. Er kniete neben dem zweiten Jungen, der ans Ufer gelehnt dasaß, mit zurückgeworfenem Kopf, mühsam nach Atem ringend. Unter seiner Nase und an seinem Kinn war eine Menge getrockneten Blutes. Auch sein Hemd war blutbefleckt. Mit einer Hand umklammerte er etwas Weißes.

Stotter-Bill blickte hoch und sah Ben unschlüssig dastehen. Ben bemerkte bestürzt, daß Denbrough Todesängste auszustehen schien, und er dachte verzweifelt: Wird dieser Tag denn nie ein Ende nehmen?

»K-K-K-Könntest du m-m-mir vielleicht h-h-h-helfen?« fragte Bill Denbrough. »Sein A-A-Aspirator ist Heer. Ich b-befürchte, daß er st-st-t-t-...«

Sein Gesicht lief vor Anstrengung rot an. Er stotterte wie ein Maschinengewehr an dem Wort herum. Speichel flog ihm von den Lippen, und es dauerte fast eine Minute, bis Ben verstand, daß Denbrough sagen wollte, er befürchte, daß der Junge sterben könnte.

Fünftes Kapitel

Bill Denbrough schlägt den Teufel - I (1958)

1

Bill Denbrough denkt: Das ist ja schon der reinste Weltraumflug. Und das stimmt. Er denkt: Ich könnte ebensogut in einer Kanonenkugel reisen, und auch das stimmt. Die Concorde ist eng - unbequem eng. Beim Servieren der Mahlzeiten müssen die Stewardessen sich dünn machen und verrenken. Bill kann den Schweiß seines Sitznachbarn durch dessen Eau de Cologne hindurch riechen, und jedesmal, wenn sich der Mann bewegt, bohrt sich sein Ellenbogen in Bills Seite.

Bills Blicke schweifen immer wieder zum Machmeter vorne im Flugzeug. Dieses elektronische Gerät zeigt an, wie schnell diese britische Kanonenkugel fliegt, und nun, auf halbem Wege über dem Atlantik, steht der Zeiger auf etwas über 2 Mach. Die Concorde rast mit etwa 1100 Meilen pro Stunde durch die Lüfte, und mit Hilfe seines Taschenrechners stellt Bill fest, daß sie mehr als 18 Meilen pro Minute zurücklegen

Wenn er aus dem Fenster schaut, das so schmal und dick ist wie in einer Raumkapsel, erblickt er einen purpurroten Himmel wie bei Sonnenuntergang, obwohl es jetzt Vormittag ist, der Vormittag des 28. Mai 1985. Tief unten, wo Meer und Himmel sich berühren, kann er sehen, daß die Horizontlinie eher bogenförmig als gerade verläuft. Im Flugzeug sitzend, eine Bloody Mary in der Hand und den Ellenbogen seinesfetten Nachbarn in den Rippen, kann er die Krümmung der Erde mit eigenen Augen wahrnehmen.

Ein Mann, der das aushallen kann, denkt er, ein Mann, der mit 18 Meilen pro Minute in 50000 Fuß Höhe den Atlantik überfliegen kann, ein solcher Mann sollte eigentlich vor nichts Angst haben. Aber er hat Angst. Die dröhnenden Motoren der Concorde lullen ihn nicht ein. Er hat das Gefühl, als rase Derry auf ihn zu

Ja, so ist es: Trotz der 1100 Meilen pro Stunde hat er das Gefühl stillzustehen, während Derry auf ihn zugerast kommt wie ein angreifendes Raubtier, Derry mit seinem Fabrikgestank, seinem Flißgestank, seinen Alleen, der Bücherei, dem Wasserturm, Bassey Park, der Fairmount-Schule... und den Barrens.