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Lichter flammen in seinem Kopf auf: große Scheinwerfer. Es ist so, als hätte er 27 Jahre in einem abgedunkelten Theater gesessen und daraufgewartet, daß etwas passiert; und nun, da der Vorhang sich allmählich hebt, wünscht er sich die Dunkelheit zurück, denn das Bühnenbild, das zum Vorschein kommt, gehört nicht zu >Arsen und Spitzenhäubchen<; es erinnert eher an >Das Gruselkabinett des Dr. Cali-gari<.

All deine Geschichten, all deine Romane, denkt er mit stumpfem Staunen - sie alle haben ihren Ursprung in Derry, in den Ereignissen jenes Sommers, in Georgies schrecklichem Tod im Herbst vor jenem Sommer. All die Journalisten, die dir ihre Standardfrage gestellt haben... du hast ihnen allen die falsche Antwort gegeben. »Alle Schriftsteller haben eine Pipeline, die ins Unterbewußtsein ßhrt«, hast du erklärt. »Aber der Mensch, der Horrorgeschichten schreibt, hat eine Pipeline, die vielleicht noch tiefergeht, bis ins Unter-Unterbewußtsein hinein. Bis in den allerunter-stenKeller, wenn Siesowollen.« Eine elegante Antwort war das. Aber du hast nie so

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recht daran geglaubt, nicht einmal vor Mikes Anruf. Du mußtest einfach eine gute Antwort parat haben. Aber jetzt weißt du es genau: Eine Pipeline gab es, aber sie führte nicht in dein Unterbewußtsein, in irgendwelche unterirdischen Kanäle des Gehirns, in irgendeine unterirdische Höhle voller Morlocks. Nur nach Derry. Dort war die ganze Zeit über das andere Ende der Pipeline. In Derry. Und... und wer trippelt und trappelt da über meine Brücke? Er setzt sich mit einem Ruck aufrecht hin, und diesmal ist sein Ellen -bogen an der Reihe: er bohrt sich einen Augenblick lang tief in die Fett-schicht seines Sitznachbarn. »Passen Sie doch auf, Mann!« knurrt der Fette. »Bleiben Sie mir mit Ihrem Ellenbogen vom Leibe!«

»Halten Sie Ihren von meinen Rippen fern, dann h-halt ich meinen von Ihrem Wanst f-fern«, sagt Bill, und der Fette wirft ihm einen vernichtenden Blick zu. Bill hält diesem Blick ruhig stand, bis der Fette sich murrend abwendet. Wer ist dort? Wer trippelt und trappelt über meine Brücke? Er blickt wieder aus dem Fenster. Tief unten fliegt der Atlantik unter ihnen vorbei, und diesmal denkt Bilclass="underline" Wir schlagen den Teufel!

Er verspürt ein Prickeln in den Armen und trinkt den Rest seines Drinks in einem Zug aus. Sein Fahrrad fällt ihm ein - >Silver< hatte er es genannt, nach dem Pferd von Lone Ranger. Ein großes Fahrrad Marke Schwinn. »Du wirst dir damit den Hals brechen, Billy«, hatte sein Vater gesagt, als Bill es nach Hause brachte. Bill hatte es gebraucht im >Bike and Cycle Shop< auf der Central Street in der Innenstadt gekauft, mit seinem im Laufe eines Jahres gesparten Geld - Geburtstagsgeld, Weihnachtsgeld, Rasenmähgeld. Er hatte es in jenem Frühjahr gekauft, sobald der Schnee geschmolzen war. Eigentlich sonderbar, denn bis dahin hatte ihm nichts an einem Fahrrad gelegen. Es schien ihm ziemlich plötzlich eingefallen zu sein, vielleicht an einem jener endlosen Tage während des endlosen Winters nach Georgies Tod. Nach Georgies Ermordung.

»Du wirst dir damit den Hals brechen«, hatte sein Vater gesagt, aber irgendwie teilnahmslos. Seit Georges Tod hatte er an nichts mehr Interesse gehabt. Früher war er streng gewesen. Gerecht, aber streng. Nach Georges Tod war das anders gewesen. Auch wenn er etwas gesagt, gegen etwas Einwände erhoben hatte - es hatte ihn nur oberflächlich berührt. Darunter war nur noch eine tiefe Leere gewesen.

Bei seinen ersten Fahrversuchen hatte Bill sich ein paarmal wirklich fast den Hals gebrochen. Einmal hatte er es absichtlich umstürzen lassen, um nicht in den Bretterzaun am Ende der Kossuth Street zu rasen; dabei hatte er sich einen Arm verletzt. Ein anderes Mal hatte er nicht schnell genug bremsen können und war mit etwa 35 Meilen pro Stunde über die Kreuzung von Witcham Street und Jackson Street gesaust, ein kleiner Junge auf einem riesigen Fahrrad von langweilig silberweißer Farbe, mit Spielkarten an den Speichen von Vorder- und Hinterrad, die beim Fahren ein maschinengewehrartiges Knattern erzeugten; wenn in jenem Augenblick gerade ein Auto gekommen wäre, wäre von Bill nur noch totes Fleisch übriggeblieben Totes Fleisch - wie Georgie.

Im Laufe des Frühjahrs hatte er dann allmählich gelernt, richtig mit Silver umzugehen. Weder seine Mutter noch sein Vater hatten bemerkt, daß

er mit seinem Fahrrad den Tod direkt herausforderte. Vielleicht hatten sie es auch völlig vergessen, dieses alte Ding, dessen Farbe teilweise abgeblättert war, und das an regnerischen Tagen an der Garagenwand lehnte. Aber obwohl Silver nach nichts aussah, fuhr er wie der Wind. Bills einziger Freund, Eddie Kaspbrak, hatte ihm gezeigt, wie man es pflegen mußte - wo es geölt werden mußte, welche Bolzen regelmäßig überprüft werden mußten, wie die Kette angezogen werden mußte.

»Du solltest es neu streichen«, hatte Eddie eines Tages gesagt, aber Bill wollte Silver nicht neu streichen. Aus Gründen, die er sich selbst nicht hätte erklären können, wollte er, daß das Fahrrad genauso blieb, wie es war. Es sah erbärmlich aus, so als hätte es ein nachlässiger Besitzer regelmäßig im Regen stehengelassen, als würde es quietschen und klappern und sich nur noch im Schneckentempo vorwärtsbewegen. Aber es war-seinem Aussehen zum Trotz - schnell wie der Wind. Es hätte sogar...

»Es hätte sogar den Teufel geschlagen«, sagt Bill Denbrough laut vor sich hin und lacht. Der Fette wirft ihm einen scharfen Blick zu; sein Lachen hat jenen heulenden Unterton, der Audra schon am Vorabend aufgefallen ist.

Er hatte es im >Bike and Cycle< gesehen, ein außergewöhnlich großes Fahrrad, an dessen Ständer ein Schild mit der Aufschrift lehnte: MACHEN SIE UNS EIN ANGEBOT. Über dem Hinterrad hatte es einen Gepäckträger - na ja, Gepäckträger war die Bezeichnung, die immer in den Fahrradkatalogen stand, aber jedes Kind wußte natürlich, daß er in Wirklichkeit dazu da war, andere Kinder hinten mitfahren zu lassen. Ein rostiger Drahtkorb war an der Lenkstange befestigt, und es hatte eine altmodische Hupe mit einem rissigen schwarzen Gummibalg.

Und obwohl es keinen Mund hatte, rief es ihn. Ebenso sicher, wie Gott Moses aus dem brennenden Dornbusch gerufen hatte, rief das Fahrrad ihn an. Es war ein Ruf, dem er nicht widerstehen konnte, und das war gut so, denn Silver hatte ihm in der dritten Juniwoche 1958 das Leben gerettet, eine Woche, nachdem er Ben Hanscom zum erstenmal getroffen hatte, nachdem er und Eddie und Ben den Damm gebaut hatten, in der Woche, als Ben und Richie Tozier und Beverly Marsh in die Barrens gekommen waren. Es war Richie gewesen, der hinter ihm auf Silver gesessen hatte, an jenem Tag, als sie beide wie der Wind die Neibolt Street entlangsausten, während etwas Unsagbares sie verfolgte.

An jenem Tag hatte er wirklich den Teufel geschlagen. Einen Teufel mit silbrigen Augen, die alten Münzen glichen. Aber sogar schon früher hatte er vielleicht Eddie das Leben gerettet, an jenem Tag, als Ben Hanscom in ihr Leben getreten war, mit zerrissenen Kleidern, verkratztem Gesicht, geschwollenem Knöchel und blutverkrustetem Bauch. An jenem Tag, als Henry Bowers - der ebenfalls ziemlich ramponiert ausgesehen hatte - Eddie einen kräftigen Schlag auf die Nase versetzt hatte, worauf Eddie einen schweren Asthmaanfall bekommen hatte und sein Aspirator leer gewesen war. Auch damals war Silver die Rettung gewesen.

Bill Denbrough, der seit fast 17 Jahren auf keinem Fahrrad mehr gesessen hat, schaut aus dem Fenster eines Flugzeugs, das im Jahre 1958 noch unvorstellbar war. Hi-yo, Silver, los! denkt er und schließt die Augen, die plötzlich vor unterdrückten Tränen brennen. Was ist später aus Silver geworden? Er kann sich nicht daran erinnern. Dieser Teil des Bühnenbilds ist noch dunkel - und das ist vielleicht gut so. Dieser Scheinwerfer muß erst noch eingeschaltet werden.