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Hi-yo.

Hi-yo, Silver.

Hi-yo, Silver..

... los!« brüllte er, und die Worte wurden vom Wind über seine Schulter hinweg nach hinten getragen. Sie kamen groß und stark heraus, als triumphierender Schrei. Nur sie vermochten das. Bei diesen Worten mußte er nie stottern.

Er fuhr die Kansas Street hinab, auf die Stadt zu, und wurde allmählich immer schneller. Das silberfarbene Fahrrad zu beobachten, wenn es an Tempo zunahm, war ein bißchen so, als beobachte man ein großes Flugzeug auf der Rollbahn. Zuerst schien es einem unglaublich, daß ein so riesiges, schwerfälliges Ding jemals die Erde verlassen könnte - und dann konnte man seinen Schatten zuerst unter ihm und gleich darauf hinter ihm sehen.

So ähnlich war es auch mit Silver.

Bill trat immer schneller in die Pedale; seine Beine bewegten sich auf und ab, während er sich stehend über die Lenkstange beugte. Er hatte gleich zu Anfang gelernt, seine Unterhose beim Fahren so zu tragen, daß er sich nicht die Hoden am Fahrradrahmen quetschte. Der Sattel, den Eddie und er so niedrig wie möglich gestellt hatten, stieß gegen den unteren Teil seines Rückens, während er in die Pedale trat. Eine Frau, die in ihrem Blumengarten an der Ecke von Kansas Street und Jackson Street Unkraut jätete, wandte den Kopf und blickte ihm nach. Er erinnerte sie ein wenig an einen Affen, den sie einmal im Zirkus Barnum & Bailey auf einem Einrad hatte fahren sehen. Dieser Junge wird sich noch den Hals brechen, wenn er nicht langsamerfährt, dachte sie, bevor sie ihr Interesse wieder ihren Blumen zuwandte.

Eddie war übel dran. Stotter-Bill hatte soviel Verstand gehabt, sich nicht mit den großen Jungen anzulegen, als diese aus den Büschen hervorgestürzt waren wie schlecht gelaunte Jäger auf der Spur eines Tieres, das die Frechheit besessen hatte, einen von ihnen zu verletzen. Aber Eddie hatte protestiert, und Henry Bowers, der aussah, als wäre er durch die Mangel gedreht worden, hatte seine Wut an ihm ausgelassen.

Bill kannte die Burschen. Es waren üble, heruntergekommene Strolche, wie sein Vater sagen würde. Sie hatten auch schon Richie Tozier verprügelt, einen Jungen, mit dem Bill manchmal spielte, und das nicht nur einmal, denn Richie schien einfach seinen Mund nicht halten zu können. Es war fast so, als würde sein Mund manchmal ganz von alleine spöttische Bemerkungen machen. Im April hatte Richie etwas gesagt, als die drei Burschen auf dem Spielplatz an ihnen vorbeigegangen waren; er hatte über ihre Kragen eine Bemerkung gemacht, die hochgestellt waren wie bei Vic Morrow in dem Film >The Blackboard Jungle<. Er hatte es eigentlich ganz leise sagen wollen - das Dumme war nur, daß Richie Tozier anscheinend einfach nicht leise reden konnte.

Victor Criss hatte sich umgedreht und gerufen: »Was hast du gesagt, du vieräugiger Knirps?«

»Ich hab' gar nichts gesagt«, erklärte Richie schnell, aber obwohl sein Gesicht ganz erschrocken und ängstlich aussah, fügte sein Mund plötzlich hinzu: »Ihr solltet euch mal das Wachs aus den Ohren holen, ihr Burschen. Wollt ihr ein bißchen Sprengpulver?«

Daraufhin sausten die drei hinter Richie her, und Stotter-Bill stand unglücklich im Schatten des Schulhauses und verfolgte das ungleiche Rennen. Richie rannte diagonal über den Spielplatz, sprang über die Wippen und erkannte erst, als er am Drahtzaun zwischen dem Spielplatz und dem daran angrenzenden Park angelangt war, daß er in eine Sackgasse geraten war. Er versuchte, den Zaun zu erklimmen, und hatte es zu zwei Dritteln geschafft, als Henry Bowers und Victor Criss ihn herunterzerrten, Henry am Saum seiner Jacke, Victor an seinen Jeans. Richie war schreiend heruntergefallen, und als er auf dem Asphalt aufschlug, flog ihm die Brille von der Nase. Henry hatte sie verächtlich beiseite gekickt, und einer der Bügel war dabei abgebrochen, und jetzt war er mit Leukoplast geflickt.

Bill hatte bisher nur kleinere Probleme mit diesen Burschen gehabt. Natürlich machten sie sich über sein Stottern lustig, aber das war nicht weiter schlimm. Gelegentlich spielten sie ihm auch irgendeinen gemeinen Streich; so hatte eines Tages während der Pause Belch Huggins ihm das Lunchpaket aus der Hand geschlagen und es zertrampelt.

»T-T-Tut m-m-m-mir 1-leid um d-d-dein L-L-L-Lunchpaket, d-du A-A-A-Arschloch«, sagte Belch und schlenderte grinsend zu den Kletterstangen, wo Victor Criss lehnte und schallend lachte. Außer Victor hielt sich niemand in der Nähe der Kletterstangen auf; sobald Criss, Bowers und Huggins irgendwo auftauchten, verzogen sich lieber alle anderen Kinder.

Aber auch dieser Vorfall war nicht so schlimm gewesen. Bill hatte von Eddie Kaspbrak ein halbes Erdnußbutterbrot bekommen, und Richie hatte ihm mit Freuden seine hartgekochten Eier abgetreten, die seine Mutter ihm jeden zweiten Tag einpackte und die ihm schon zum Hals raushingen.

Man mußte diesen üblen Kerlen aus dem Wege gehen.

Eddie hatte sich noch ganz ordentlich gefühlt, als die Burschen sich wieder verzogen, obwohl seine Nase heftig blutete. Bill gab ihm sein Taschentuch, als Eddies eigenes mit Blut vollgesogen war; er sagte ihm, er solle sich hinsetzen und den Kopf zurücklehnen. Bill erinnerte sich, daß seine Mutter das immer bei Georgie so gemacht hatte, denn Georgie hatte manchmal Nasenbluten gehabt...

Oh, aber es tat so weh, an Georgie zu denken!

Erst nachdem die Büsche wieder zur Ruhe gekommen und die Geräusche der büffelartig durch die Barrens trampelnden Burschen verklungen waren, erst als Eddies Nase aufgehört hatte zu bluten, begann der Junge nach Luft zu schnappen; sein Atem ging pfeifend, und seine Hände öffneten und schlössen sich krampfartig.

»Scheiße!« keuchte Eddie. »Asthma! Verdammt!«

Er zog seinen Aspirator aus der Tasche - das Ding hatte etwas Ähnlichkeit mit einer Sprühflasche Windex - und schob ihn sich in den Mund. Nichts tat sich.

»Er ist leer«, japste Eddie. Seine Augen waren riesengroß und angsterfüllt. Der Bach plätscherte fröhlich dahin; ihm war es egal, daß Eddie kaum Luft bekam. Bill dachte flüchtig, daß die Raufbolde in einem Punkt recht gehabt hatten: es war ein richtiger Kleinkinderdamm gewesen. Aber, verdammt, es hatte ihnen Spaß gemacht, ihn zu bauen, und plötzlich überkam ihn ein dumpfer Zorn über die Zerstörungswut der großen Jungen.

»N-N-Nimm's leicht, E-E-Eddie«, sagte er.

Etwa vierzig Minuten saß er dann neben seinem Freund und wußte nicht, was er tun sollte. Er kannte den Drugstore in der Center Street, wo Eddie seine Asthmamedizin immer holte, aber bis dorthin waren es drei Meilen. Wenn er nun losfuhr, um das Zeug zu holen, und bei seiner Rückkehr würde Eddie bewußtlos daliegen? Bewußtlos oder

(tot wie Georgie)

etwas noch Schlimmeres? Im Koma liegen oder so was Ähnliches? Bill kannte sich mit Komas aus; in den Arztfilmen lagen Leute immer im Koma.

Er saß da und wußte nicht, ob er bleiben oder fahren sollte; er hoffte inbrünstig, daß Eddies Atmung sich normalisieren würde, aber das war nicht der Fall. Eddies Gesicht verfärbte sich besorgnisereregend: auf seinen Wangen waren rotblaue Flecken, alles übrige war aschfahl. Sein Atem war ein lautes Pfeifen; aus seiner Kehle und Nase kamen Geräusche, die an das Heulen des Windes im Winter erinnerten.

Bill hatte gerade beschlossen, daß er irgend etwas tun mußte, daß er wahrscheinlich doch losfahren sollte, als er aufschaute und Ben Hanscom ein Stück weiter oben am Bach stehen sah. Dem Namen nach kannte er ihn natürlich; Ben war der fetteste Junge in der ganzen Schule. Er war in seiner Parallelklasse, und manchmal sah Bill ihn während der Pausen in irgendeiner Ecke stehen, an einem Sandwich kauend, ein Buch in der Hand.