Bill dachte, daß Ben womöglich noch schlimmer aussah als Henry Bowers; er überlegte, was zwischen den beiden vorgefallen sein mochte. Seine Haare standen ihm wild und schmutzverkrustet vom Kopf ab. Sein Sweater (zumindest war es vermutlich ein Sweater gewesen; genau ließ sich das nicht mehr sagen) hing in verfilzten Fetzen herunter und war außerdem voller Blut- und Grasflecken. Seine Jeans waren ebenfalls zerrissen.
Er bemerkte, daß Bill ihn gesehen hatte, und wich beunruhigt ein wenig zurück.
»G-G-Geh nicht w-w-weg!« rief Bill und hob die Hände mit gespreizten Fingern, um zu zeigen, daß er harmlos war. »W-W-Wir b-brauchen H-H-Hilfe.«
Ben kam näher, war aber immer noch auf der Hut. Er schaute sich nach allen Seiten um. »Sind sie weg? Bowers und die anderen?«
»J-Ja«, antwortete Bill. »K-K-Kannst d-du bei m-meinem Freund b-b-blei-ben, bis ich s-seine M-M-Medizin hole? Er hat A-A-A-A...«
»Asthma?«
Bill nickte.
Ben ließ sich neben Eddie auf ein Knie nieder, der weit zurückgelehnt dasaß, die Augen fast geschlossen. Sein Brustkorb hob und senkte sich hektisch.
»Wer hat ihn geschlagen?« fragte er schließlich und blickte zu Bill empor, der auf Bens Gesicht den gleichen dumpfen Zorn sah, den er selbst verspürte. »Bowers?«
Bill nickte.
»Geh ruhig. Ich bleibe bei ihm.«
»D-D-Danke.«
»Keine Ursache«, sagte Ben. »Wenn sie nicht hinter mir hergewesen wä-
ren, wäre das hier nicht passiert. Los. Beeil dich! Ich muß zum Abendessen zu Hause sein.«
Bill machte sich auf den Weg, ohne noch etwas zu sagen. Wenn er hätte sprechen können, hätte er Ben geraten, er solle sich die Sache nicht so zu Herzen nehmen, Burschen wie Bowers seien eben eine Krankheit, so etwas wie Krebsgeschwüre, oder eine Naturkatastrophe wie Überschwemmungen oder Wirbelstürme. Aber er konnte nicht sprechen; es war immer schwierig, aber wenn er - wie jetzt- sehr aufgeregt war, wurde das Stottern besonders schlimm.
Er eilte am Bach entlang, und als er sich einmal umblickte, sah er, wie Ben Hanscom grimmig am Bachrand Steine aufsammelte und sie zu einem Stapel Munition aufhäufte. Vorsichtshalber.
Bill kannte sich in den Barrens ziemlich gut aus. Er hatte in diesem Frühling sehr oft hier gespielt, manchmal mit Eddie, manchmal mit Richie, manchmal auch allein. Natürlich hatte er nicht das ganze Gelände gründlich erforscht, aber er hatte keine Schwierigkeiten, den Weg zur Kansas Street zu finden. Er rannte eine Viertelmeile bachab wärts, schlug dann einen Trampelpfad ein, den er mit Eddie und Richie ausgetreten hatte, und kam bei der kleinen Brücke heraus, wo die Kansas Street einen jener namenlosen Bäche kreuzte, die aus dem Kanalisationssystem von Derry entsprangen und durch die Barrens flössen, bevor sie im Kenduskeag mündeten. Unter dieser Brücke hatte er Silver versteckt.
Er schob das Fahrrad keuchend die Uferböschung hinauf. Die Spielkarten am Vorder- und Hinterrad - beides Pik-Asse, eines mit roter, das andere mit blauer Rückseite - klapperten rhythmisch.
Oben angelangt, stieg er auf, und wie immer, sobald er Silver unter sich spürte, ging mit ihm eine seltsame Verwandlung vor.
3
»Hi-yo, Silver, Los!«
Bei diesen Worten hatte seine Stimme immer einen tieferen Klang als gewöhnlich; es war eine Art Kampfruf. Silver gewann langsam an Geschwindigkeit - das schnellere Klappern der Spielkarten war der beste Beweis dafür. Bill trat stehend in die Pedale, seine Hände umklammerten die Griffe, seine Halsmuskeln traten hervor, und der Mund war vor Anstrengung leicht geöffnet, während er den üblichen Kampf gegen Gewicht und Trägheit führte.
Die Anstrengung lohnte sich wie immer.
Silver bewegte sich schneller und schneller. Häuser flogen vorbei. Und schon war er an der Stelle, wo links von ihm der Kenduskeag zum Kanal wurde, wo die Kansas Street die Jackson Street kreuzte und danach bergabwärts führte, auf Derrys Geschäftsviertel zu.
Hier gab es viele Querstraßen, aber Bill hatte Vorfahrt, und es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß ein Autofahrer einmal eines der Halteschilder mißachten und ihn überfahren könnte. Doch selbst wenn ihn jemand auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht hätte, hätte er seine Fahrweise
höchstwahrscheinlich nicht geändert, denn die rasante Fahrt die Kansas Street hinab zur Innenstadt - eine Fahrt, die große Ähnlichkeit mit einem selbstmörderischen Banzai-Auftrag hatte - war während jenes Frühlings, der noch ganz im Zeichen von Georgies unerklärlicher Ermordung stand, zu einem wesentlichen Bestandteil seines Lebens geworden. Er träumte oft davon.
Dieser Abschnitt der Kansas Street, die hier am Kanal entlangführte, wurde von manchen älteren Einwohnern Derrys Up-Mile Hill genannt. Bill sauste mit voller Geschwindigkeit diesen Hügel hinab, tief über die Lenkstange gebeugt, um den Luftwiderstand möglichst gering zu halten, eine Hand an der Hupe, um Unvorsichtige warnen zu können, mit wehenden Haaren. Das Klappern der Spielkarten war in ein stetiges Dröhnen übergegangen. Die Geschäftshäuser auf der anderen Straßenseite (hauptsächlich Großhandelsfirmen und Großschlächtereien) flogen an ihm vorüber, ebenso wie der Kanal zu seiner Linken.
»Hi-YO, silver, los!« schrie er triumphierend. Silver sauste über den ersten Bordstein, und wie fast immer verlor er die Pedale und war einen Augenblick lang ganz besonders auf die Gunst jener Götter angewiesen, die kleine Jungen beschützen. Dann fanden seine Füße wieder die Pedale, und er schwenkte in die Straße ein, das Tempolimit von 25 Meilen pro Stunde um mindestens 15 Meilen pro Stunde überschreitend.
Nun lag alles hinter ihm: sein Stottern, der trostlos leere Blick seines Vaters, wenn er in seinem Hobbyraum herumwerkelte, der geschlossene Klavierdeckel - seine Mutter spielte nicht mehr; zuletzt hatte sie am Tag von Georgies Beerdigung gespielt, drei methodistische Hymnen. Nun hatte er das alles hinter sich gelassen. Georgie, der in seinem gelben Regenmantel in den Regen hinausgelaufen war, sein Boot aus Zeitungspapier mit dem leichten Paraffinglanz in der Hand. Und dann Mr. Gardener an der Tür, mit Georgies Leiche, die in eine Decke voller Schmutz- und Blutflecken gehüllt war. Der entsetzte Aufschrei seiner Mutter. Alles lag jetzt hinter ihm.
Silver flog dahin, und Stotter-Bill Denbrough mit ihm. Sie rasten zusammen den Hügel hinab. Die Spielkarten dröhnten. Bill trat wild in die Pedale
- er wollte noch schneller sein, er wollte eine hypothetische Geschwindigkeit erreichen, nicht die des Lichtes, sondern jene der Erinnerungen, er wollte diese Geschwindigkeitsgrenze überwinden und die Erinnerungen für immer hinter sich zurücklassen.
Über die Lenkstange gebeugt, sauste er dahin; er sauste dahin, um den Teufel zu schlagen.
Nun lag die große Kreuzung von Kansas Street, Center Street und Main Street vor ihm. Sogar 1958 war diese Kreuzung schon ein Horror für jeden Fahrer, ein einziges Durcheinander von Verkehrszeichen und Ampeln. Man hatte hier einen Verkehrsstrom im Gegenzeigersinn für den gesamten Innenstadtbereich schaffen wollen. Das Ergebnis war aber, wie ein Redakteur der >Derry News< im Vorjahr geschrieben hatte, eine in der Hölle ersonnene Verkehrsrotation.
Wie immer, schweiften Bills Blicke rasch nach links und rechts, schätzten den Verkehrsstrom ab, suchten nach Lücken. Eine einzige Fehlleistung -ein einziges Stottern, sozusagen -, und er würde tot sein.
Er brauste mit voller Geschwindigkeit durch den nur langsam vorankommenden Verkehr an der verstopften Kreuzung, überfuhr eine rote Ampel, wich einem Buick aus und warf blitzschnell einen Blick über die Schulter nach hinten, um sich zu vergewissern, daß die mittlere Fahrbahn frei war. Als er wieder nach vorne schaute, stellte er fest, daß er in wenigen Sekunden in einen Lieferwagen hineinrasen würde, der mitten auf der Kreuzung stehengeblieben war, während der Fahrer sich den Hals verrenkte, um alle Verkehrszeichen zu studieren.