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Die Fahrbahn rechts von Bill wurde von einem großen Intercitybus Derry-Bangor blockiert. Trotzdem schwenkte Bill in diese Richtung - immer noch mit 40 Meilen pro Stunde - und schloß die Lücke zwischen dem Lieferwagen und dem Bus. Er mußte den Kopf nach rechts werfen, um den Seitenspiegel des Lieferwagens davon abzuhalten, ihm die Zähne einzuschlagen. Heißer Diesel aus dem Bus brannte ihm in der Kehle wie ein Schluck hochprozentigen Alkohols. Aus dem Augenwinkel sah er den erschrockenen leichenblassen Busfahrer, der ihm mit der Faust drohte und die Lippen bewegte - höchstwahrscheinlich ließ er die wüstesten Schimpfwörter los, die er aber durch das geschlossene Fenster nicht hören konnte.

Drei alte Damen überquerten die Main Street. Sie sperrten Mund und Augen weit auf und boten einen sehr komischen Anblick, als plötzlich dicht vor ihnen ein Junge auf einem Fahrrad vorbeisauste.

Das Schlimmste - und das Beste - lag nun hinter ihm. Er hatte wieder einmal der sehr realen Möglichkeit seines Todes ins Auge geschaut. Aber der Bus hatte ihn nicht zermalmt, er hatte weder sich selbst noch die drei alten Damen umgebracht. Nun fuhr er wieder hügelaufwärts, und seine Geschwindigkeit nahm beträchtlich ab. Alle Gedanken, alle Erinnerungen holten ihn wieder ein, nahmen wieder ihre angestammten Plätze in seinem Kopf ein.

Er bog in die Richard's Alley und erreichte gleich darauf die Center Street. Jetzt trat er nur noch langsam in die Pedale und spürte den Schweiß auf seinem Rücken und in seinen Haaren. Er stellte Silver vor dem Drugstore ab und ging hinein.

4

Vor Georges Tod hätte Bill dem Apotheker Mr. Keene die Sachlage mündlich erklärt. Mr. Keene war ein freundlicher, geduldiger Mann, der nie dumme Witze machte oder ihn aufzog. Aber jetzt war sein Stottern viel schlimmer geworden, und er hatte wirklich Angst, daß Eddie sterben oder in ein Koma fallen könnte oder sonstwas, wenn er sich nicht beeilte.

Deshalb griff er, als Mr. Keene sagte: »Hallo, Bill, was kann ich für dich tun?« nach einem Faltprospekt für Vitamine und schrieb auf die Rückseite: Eddie Kaspbrak und ich haben in den Barrens gespielt. Er hat einen schlimmen Asthmaanfall bekommen, er kann kaum atmen. Können Sie mir einen neuen Aspirator für ihn geben?

Er schob den Prospekt über die Glastheke zu Mr. Keene hinüber, der

Bills Nachricht las, seine angsterfüllten blauen Augen sah und sagte: »Natürlich, Bill. Wart einen Moment.«

Bill trat ungeduldig von einem Bein aufs andere, während Mr. Keene hinter der hohen Trennwand beschäftigt war. Obwohl es in Wirklichkeit nicht einmal fünf Minuten dauerte (es war erst halb vier nachmittags), kam es Bill wie eine Ewigkeit vor, bis der Apotheker mit einer von Eddies Druckflaschen in der Hand zurückkam. Er reichte sie Bill, lächelte und sagte: »So, das dürfte Eddie helfen.«

»D-D-D-Danke«, brachte Bill hervor. »I-I-Ich hab' k-kein G-G-G...«

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Mr. Keene. »Ich schreib's auf Mrs. Kaspbraks Rechnung. Ich bin sicher, daß sie dir sehr dankbar sein wird.« Erleichtert bedankte sich Bill noch einmal und rannte hinaus. Mr. Keene beobachtete ihn durch das große Schaufenster. Er sah, wie der

l Junge den Aspirator vorsichtig in den Drahtkorb legte, mühsam aufs Fahrrad stieg - wie schafft er es überhaupt, auf einem so großen Rad zu fahren? wunderte sich Mr. Keene - und sich langsam in Bewegung setzte. Das Fahrrad, das für Mr. Keenes Begriffe so aussah, als würde es jeden Moment auseinanderfallen, schwankte bedenklich hin und her, und der Aspirator rollte im Drahtkorb von einer Seite zur anderen.

Mr. Keene lächelte ein wenig traurig vor sich hin. Ja, er würde Eddies Asthma-Medizin auf Sonia Kapbraks Rechnung setzen, und sie würde wie immer überrascht - und etwas mißtrauisch - sein, wie billig dieses Medikament war... andere Arzneimittel sind doch so teuer, sagte sie jedesmal. Die Aufschrift auf dem Aspirator lautete: Hydroox Mist nach Bedarf verwenden. Das Mittel hatte sich bei den quälenden Asthmaanfällen des Kaspbrak-Jungen als erstaunlich wirksam erwiesen. Und es war billig, weil - nur Mr. Keene und RUSS Handor, der Arzt des Jungen wußten das - hydroox mist eine Mischung aus Wasserstoff und Sauerstoff war, der eine Spur von Kampfer beigefügt wurde, um dem Mittel einen leichten Medizingeruch zu verleihen.

Mit anderen Worten - Eddies Asthmamedikament war Leitungswasser.

5

Für den Rückweg brauchte Bill länger, weil er jetzt mühsam bergauf strampeln mußte, statt die Hügel hinabsausen zu können. An einigen Stellen mußte er sogar absteigen und Silver schieben, weil ihm die Muskelkraft fehlte, um größere Steigungen bewältigen zu können.

Bis er die kleine Brücke erreicht, sein Fahrrad darunter versteckt hatte, den Pfad entlanggerannt war und die Strecke am Bach entlang zurückgelegt hatte, war es zehn nach vier geworden. Unterwegs war er die ganze Zeit von allen möglichen Schreckensvisionen geplagt worden. Der fette Junge, Ben Hanscom, hatte Eddie einfach seinem Schicksal überlassen und sich aus dem Staub gemacht. Oder die Strolche waren zurückgekommen und hatten Ben und Eddie zu Brei geschlagen. Oder... die allerschlimmste Möglichkeit... der Mann, dessen Lieblingsbeschäftigung

darin bestand, Kinder zu ermorden, hatte Ben oder Eddie oder auch beide erwischt. So wie er auch Georgie erwischt hatte.

Bill wußte, daß es über die Morde jede Menge Gerede gegeben hatte und noch immer gab. Er stotterte sehr stark, aber er war nicht taub - obwohl manche Leute das zu glauben schienen, weil er nur redete, wenn es unbedingt notwendig war. Er hatte Vermutungen gehört, daß kein Zusammenhang zwischen der Ermordung seines Bruders und den Morden an Betty Ripsom, Cheryl Lamonica, Matthew Clements und Veronica Grogan bestand. Andere behaupteten, daß George, das Ripsom-Mädchen und Cheryl von ein und demselben Mann ermordet wurden und die beiden anderen Kinder von einem >Nachahmer-Killer<. Eine dritte Gruppe behauptete, daß die Jungen von einer Person und die Mädchen von einer anderen ermordet wurden.

Bill Denbrough glaubte, daß sie alle von ein und derselben Person ermordet worden waren... wenn es überhaupt eine Person war. Manchmal war er sich dessen nicht ganz sicher. Ebenso wie er sich in jenem Frühsommer seiner Gefühle in bezug auf Derry nicht sicher war. Lag das etwa an den Folgen von Georgies Tod, an der Tatsache, daß seine Eltern ihn seitdem zu ignorieren schienen, weil sie in ihrem Schmerz über den Verlust des jüngeren Sohnes völlig vergaßen, daß Bill noch am Leben war und ihre Hilfe brauchte? Oder lag es an diesen Dingen, verbunden mit den anderen Morden? Oder daran, daß er jetzt Silver hatte? oder an jenen Stimmen, die jetzt manchmal in seinem Kopf zu sprechen schienen, die ihm etwas zuflüsterten (und es waren mit Sicherheit nicht Varianten seiner eigenen Stimme, denn diese Stimmen stotterten nicht; sie waren leise, aber eindringlich), ihm den Rat gaben, etwas zu tun oder unterlassen? Lag es an diesen Dingen, daß Derry ihm irgendwie verändert vorkam? Irgendwie bedrohlich, mit unerforschten Straßen, die nicht einladend, sondern furchterregend wirkten? Daß manche Gesichter ihm jetzt verschlossen und verängstigt vorkamen?

Er wußte es nicht, aber er glaubte - ebenso wie er glaubte, daß alle Morde auf ein und dasselbe Konto gingen -, daß Derry sich tatsächlich verändert hatte, und daß diese Veränderung mit dem Tod seines Bruders begonnen hatte,. Die Schreckensvisionen in seinem Kopf hatten ihren Ursprung in seiner tief verborgenen Überzeugung, daß in Derry jetzt alles mögliche passieren konnte. Alles.

Als er jedoch um die letzte Kurve bog, sah er Eddie, der inzwischen mit gesenktem Kopf dasaß, die Hände auf dem Schoß; sein Atem ging immer noch stoßweise und pfeifend. Die Sonne stand jetzt so tief, daß sie lange grüne Schatten über den Bach warf, den Eddie und er einzudämmen versucht hatten, als Bowers und seine Freunde aufgetaucht waren.