»Hast du schon mal einen Damm gebaut?« fragte Eddie. Sein Ton war respektvoll, fast ehrfürchtig.
»Nein.«
»W-W-Woher w-weißt du dann, daß er h-h-halten wird?« fragte Bill.
Ben sah ihn verwirrt an. »Klar wird er halten. Warum auch nicht?«
»A-A-Aber w-woher willst d-du das w-w-wissenl« fragte Bill wieder. Er grinste, aber es war ein sympathisches Grinsen.
»Ich weiß es einfach«, erwiderte Ben und betrachtete noch einmal seine Zeichnung, die ihm irgendwie Sicherheit gab. Er hatte noch nie im Leben einen Kofferdamm gesehen, weder auf Bildern noch in Wirklichkeit, und er hatte keine Ahnung, daß er soeben einen gezeichnet hatte.
»O-Okay.« Bill klopfte Ben auf die Schulter. »Bis morgen dann.«
»Um wieviel Uhr?«
»E-E-Eddie und ich w-w-werden so g-gegen acht hier sein...«
»Wenn ich und meine Mutter um diese Zeit nicht beim Arzt sitzen«, sagte Eddie seufzend.
»Ich bring' ein paar Bretter mit«, sagte Ben. »Gleich bei mir um die Ecke wohnt so'n alter Kerl, der eine ganze Menge davon rumliegen hat. Ich werd' ihm ein paar klauen.«
»Bring auch ein paar Vorräte mit«, sagte Eddie. »Was zu essen. Du weißt schon, Sandwiches und so.«
»Okay.«
»H-H-Hast du ein G-Gewehr?« fragte Bill.
»Ich hab' ein Daisy-Luftgewehr«, sagte Ben. »Meine Mutter hat's mir zu Weihnachten geschenkt, aber sie kriegt Zustände, wenn ich im Haus damit schieße.«
»B-B-Bring's m-mit«, sagte Bill. »Vielleicht spielen w-wir mit G-G-Ge-wehren.«
»Okay«, sagte Ben glücklich. »Ich glaube, ich sollte mich jetzt lieber auf den Heimweg machen.«
Die drei Jungen verließen die Barrens gemeinsam. Ben half Bill, Silver die Uferböschung hinaufzuschieben. Eddie folgte ihnen langsam. Sein Atem ging wieder pfeifend, und er betrachtete unglücklich sein blutbeflecktes Hemd.
Bill verabschiedete sich und fuhr los, aus voller Kehle »Hi-yo, Looos!« brüllend.
»Das ist ja ein gigantisches Rad!« rief Ben.
»Das kann man wohl sagen«, stimmte Eddie zu. Er hatte inzwischen noch einmal seinen Aspirator benutzt und atmete wieder normal. »Manchmal nimmt er mich auf dem Gepäckträger mit. Er fährt so schnell, daß ich mir vor Angst fast in die Hosen mache. Er ist ein guter Kerl - Bill, meine ich.« Aber seine Augen, die Bill folgten, sagten noch viel mehr. Sie drückten Verehrung aus. »Du weißt doch über seinen Bruder Bescheid?«
»Was meinst du?«
»Er wurde letzten Herbst ermordet«, sagte Eddie. »Jemand hat ihn umgebracht. Hat ihm einen Arm ausgerissen.«
»Jesus, Maria und Josef!«
»Ja. Vorher hat Bill nur ein bißchen gestottert. Jetzt ist es echt schlimm. Ist dir aufgefallen, daß er stottert?«
»Na ja... ein bißchen.«
»Jaaa«, sagte Eddie. »Jedenfalls, wenn du willst, daß Bill dein Freund wird, dann sprich nicht über seinen kleinen Bruder George. Er ist völlig verstört über Georgies Tod.«
»Mann, das wäre ich auch«, sagte Ben. Er erinnerte sich jetzt vage an den kleinen Jungen, der im vergangenen Herbst ermordet worden war. »Ist es direkt nach der Überschwemmung passiert?«
»Ja.«
Sie hatten die Ecke von Kansas Street und Jackson Street erreicht. Hier mußte Ben rechts und Eddie links abbiegen. Kinder rannten hin und her, spielten Fangen und Ball. Ein kleiner Junge trottete an Ben und Eddie vorbei; er hatte eine Waschbärmütze auf, deren Schwanz ihm zwischen den Augen baumelte, und er rollte einen Hula-Hoop-Reifen vor sich her.
Die beiden Jungen blickten ihm amüsiert nach, dann sagte Eddie: »Na, ich muß gehen. Bis morgen, Ben.«
»He«, sagte Ben. »Ich hab' eine Idee, wenn du wirklich nicht zum Arzt gehen möchtest.«
»Jaa?« Eddie sah Ben zweifelnd, aber doch mit schwacher Hoffnung an.
»Hast du ein Fünfcentstück?«
»Ein Zehncentstück. Was soll ich damit?«
Ben betrachtete die rotbraunen Flecken auf Eddies Hemd. »Geh unterwegs in den Drugstore und bestell dir eine Schokoladenmilch. Gieß etwa die Hälfte davon über dein Hemd und erzähl deiner Mutter, du hättest das ganze Glas verschüttet.«
Eddies Augen leuchteten auf. In den vier Jahren seit dem Tod seines Vaters hatten die Augen seiner Mutter sehr nachgelassen. Aus Gründen der Eitelkeit (und weil sie sowieso nicht Auto fahren konnte) weigerte sie sich, zum Augenarzt zu gehen und sich eine Brille verschreiben zu lassen. Getrocknete Blutflecken und Schokoladenmilchflecken sahen ziemlich ähnlich aus.
»Das könnte hinhauen«, sagte er.
»Erzähl ihr nur nicht, daß es meine Idee war, wenn sie's rauskriegt.«
»Bestimmt nicht. Also, wir sehen uns dann morgen.«
»Okay.« Nach kurzem Zögern fügte Ben hinzu: »Ihr Jungs seid wirklich klasse.«
Eddie sah nicht nur verlegen, sondern fast nervös aus. »Bill ist klasse.«
»Es tut mir leid, daß diese Kerle euren Damm kaputtgemacht und dich geschlagen haben.«
»Sie verprügeln immer irgend jemanden. Bis dann, Big Ben.«
Ben blickte Eddie noch ein Weilchen nach, dann machte er sich ebenfalls auf den Heimweg, aber schon nach drei Blöcken sah er an der Bushaltestelle Jackson Street und Main Street drei ihm nur allzu bekannte Rücken. Huggins, Criss und Bowers! Rasch versteckte er sich hinter einer Hecke. Sein Herz klopft laut. Fünf Minuten später kam der Bus, der zur Witcham Road fuhr, und die drei Burschen traten ihre Zigaretten aus und stiegen ein.
Ben ging nach Hause und fühlte sich so gut wie den ganzen Tag nicht.
6
An jenem Abend hatte Bill Denbrough ein schreckliches Erlebnis. Und das
schon zum zweitenmal.
Seine Eltern saßen unten vor dem Fernseher, die Mutter an einem Couchende, der Vater am anderen - wie Buchstützen. Sie redeten nicht viel miteinander. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als im Fernsehzimmer, das sich ans Wohnzimmer anschloß, soviel geredet und gelacht wurde, daß man den Fernseher manchmal überhaupt nicht mehr hörte. »Halt die Klappe, Georgie!« schrie Bill beispielsweise. »Friß nicht das ganz Popcorn auf!« rief George. »Ma, sag Bill, er soll mir das Popcorn geben.« »Gib ihm
das Popcorn, Bill. Und nenn mich nicht Ma, George.« Oder sein Vater erzählte Franzosenwitze, und alle lachten darüber, sogar seine Mutter.
In jener Zeit waren seine Eltern auch schon die Buchstützen auf der Couch gewesen (Vater mit einer Zeitschrift, Mutter mit ihrem Strick- oder Nähzeug) - aber er und Georgie waren die Bücher gewesen. Bill hatte nach Georgies Tod versucht, beim Fernsehen ein Buch zwischen ihnen zu sein, aber jetzt war es dort kalt. Sie strahlten von beiden Seiten Kälte aus, die seine Wangen erstarren ließ, und schließlich mußte er aufstehen, weil diese Art von Kälte ihm das Wasser in die Augen trieb.
»Soll ich euch einen Witz erzählen, den ich heute in der Schule gehört habe?« hatte er einmal, vor einem Monat, schüchtern gefragt.
Stille auf beiden Seiten. Auf dem Bildschirm bat ein Krimineller seinen Bruder, der Priester war, ihn zu verstecken.
Bills Vater schaute von seinem >Life< auf und warf Bill einen erstaunten Blick zu, bevor er sich wieder in die Zeitschrift vertiefte. Seine Mutter reagierte überhaupt nicht.
»Es g-g-geht d-darum, wieviel F-F-Franzosen man benötigt, um eine G-G-Glühbirne einzuschrauben«, fuhr Bill verzweifelt fort. Er schwitzte. Seine Stimme war viel zu laut. Die Worte dröhnten in seinem Kopf wie außer Kontrolle geratene Glocken, blieben stecken, kamen nur mühsam heraus.