»W-W-Wißt ihr, w-w-w-wieviel?«
»Einen, um die Glühbirne zu halten, und vier, um das Haus zu drehen«, sagte Zack Denbrough, ohne von seiner Zeitschrift aufzublicken.
»Hast du etwas gesagt, Liebling?« fragte seine Mutter, und im Fernseher sagte der Priester seinem Bruder, er solle umkehren und um Vergebung beten.
Bill saß schwitzend auf dem Sofa, zwischen seinen Eltern, aber ihm war kalt, furchtbar kalt. Ihn fror, weil George immer noch hier im Zimmer war, obwohl Bill ihn nicht sehen konnte, ein George, der nie mehr rief, Bill solle nicht das ganze Popcorn aufressen oder Bill habe ihn gezwickt. Irgendwie war Georgie trotzdem gegenwärtig, ein bleicher, einarmiger Georgie, der im matten weißbläulichen Licht des Fernsehers nachdenklich schwieg, ein Georgie, von dem eine betäubende, tödliche Kälte ausging; Bill rannte in sein Zimmer, warf sich aufs Bett und weinte in sein Kissen.
In Georges Zimmer war alles noch unverändert. Zack hatte eines Tages angefangen, es aufzuräumen, aber Sharon Denbrough hatte geschrien: »Rühr seine Sachen nicht an!«
Zack war heftig zusammengezuckt, die Arme voller Kartons - mit dem Inhalt von Georges Buchregal und den beiden oberen Schubladen seiner Kommode -, und dann war er mit den Sachen in Georges Zimmer zurückgeschlichen.
Bill war hereingekommen und hatte seinen Vater neben Georges Bett knien sehen (seine Mutter bezog es immer noch frisch, nur daß sie es jetzt einmal in der Woche machte anstatt zweimal wie zu Georgies Lebzeiten, den Kopf in seinen muskulösen, behaarten Armen vergraben. Erschrocken hatte Bill festgestellt, daß sein Vater weinte.
»D-D-Dad...«
»Geh, Billy«, hatte sein Vater gesagt. Seine Stimme klang erstickt und schwankte. Sein Rücken hob und senkte sich, und Bill hätte ihm gern die Hand auf den Rücken gelegt, traute sich aber nicht. »Laß mich allein.«
Er war durch den Flur geschlichen und hatte seine Mutter unten in der Küchen weinen gehört. Es klang schrill und hilflos, und Bill hatte gedacht: Warum weinen sie so weit voneinander entfernt? Er hatte keine Antwort auf diese Frage gefunden.
Am ersten Abend der Sommerferien ging Bill in Georgies Zimmer. Sein Herz klopfte laut in seiner Brust, und seine Beine fühlten sich steif und bleischwer an. Er hielt sich nicht gern hier auf. Georgie war in diesem Zimmer noch so gegenwärtig, und manchmal hatte Bill das Gefühl, daß es dort spukte... daß die Schranktür sich eines Abends knarrend öffnen und Georgie zum Vorschein kommen würde, zwischen seinen Hemden und Hosen, ein Georgie in gelbem Regenmantel voller roter Flecken, von dem ein leerer Ärmel schlaff herabhing. Georgies Augen würden leer und schrecklich sein, wie die Augen eines Zombies in einem Horrorfilm, und seine Überschuhe würden quietschen und auf dem Teppich nasse Spuren hinterlassen, wenn er auf sein Bett zugehen würde, wo Bill schreckensstarr saß... Diese Gedanken verfolgten und ängstigten ihn - wenn eines Tages der Strom ausfallen sollte, während er hier auf Georges Bett saß und auf die Bil-; der an den Wänden oder die Modelle auf der Kommode starrte, war er sicher, daß er einen Herzinfarkt, vermutlich einen tödlichen, erleiden würde -, aber trotzdem zog es ihn immer wieder dorthin. Gegen die Angst anzukämpfen, daß George als entsetzliches, auf Rache sinnendes Gespenst zurückkommen könnte, gehörte für Bill zu der Notwendigkeit, irgendwie mit Georges brutalem Tod fertig zu werden. Er begriff undeutlich, daß seine Eltern mit dieser Aufgabe nicht gut zurechtkamen, und er spürte, daß er das stellvertretend für sie tun mußte, wenn sie ihn je wieder lieben sollten.
Aber er kam nicht nur ihretwegen; er kam auch seinetwegen. Wenn er an jenem Tag das Boot für George nicht gebastelt hätte, würde sein Bruder vermutlich noch leben. Machte ihn das verantwortlich? Und wenn ja, in welchem Ausmaß? War er mitschuldig? Oder gar ein Mörder? Was war er?
Er vermißte George. Er vermißte seine Stimme, sein Lachen, seine vertrauensvoll zum älteren Bruder aufblickenden Augen. Und obwohl er manchmal Angst vor Georges Zimmer hatte, spürte er zu anderen Zeiten, daß er George am meisten liebte, wenn er Angst hatte, denn sogar in seiner Angst - in dieser unheimlichen Vorstellung, daß George im Schrank oder unter dem Bett sein könnte - erinnerte er sich voller Liebe an den Ausdruck in den Augen seines Bruders. In der Kombination dieser beiden Gefühle glaubte Bill, der Erkenntnis am nächsten zu sein, wie man das schreckliche Geschehen letztlich bewältigen konnte.
Manchmal blätterte er in Georgies Büchern, manchmal stöberte er in Georgies Spielsachen.
Aber er hatte seit dem Ende des Vorjahres nicht mehr in Georgies Fotoalbum geschaut.
Am Abend des Tages, als er Ben Hanscom zum erstenmal getroffen hatte, öffnete Bill jedoch die Schranktür (wobei er sich wie immer darauf einzustellen versuchte, daß er im nächsten Augenblick George sehen würde, stocksteif in seinem Regenmantel zwischen den hängenden Kleidungsstücken stehend, daß eine weiße Hand mit Schwimmhäuten plötzlich aus dem Dunkeln hervorschießen und ihn am Arm packen würde) und holte das Album vom obersten Fach.
mein album, stand in goldenen Lettern auf dem Einband. Und darunter, in sorgfältig gemalten, kindlichen Druckbuchstaben, auf einem - inzwischen abblätternden und gelblichen - Klebestreifen: george denbrough, 6 jahre alt. Mit noch lauterem Herzklopfen als sonst trug Bill das Album zum Bett, in dem Georgie immer geschlafen hatte. Was ihn veranlaßt hatte, das Album wieder hervorzuholen, nach seinem schrecklichen Erlebnis im Dezember, konnte er nicht sagen. Vielleicht wollte er einfach einen zweiten Blick darauf werfen, um sich davon zu überzeugen, daß das, was er beim erstenmal gesehen hatte, nur eine aus Angst geborene Halluzination gewesen war. Er war inzwischen älter geworden, er konnte jetzt besser mit den Dingen fertig werden. Man überwand den Schmerz, das hatte Mr. Fogarty, der Geistliche, der George beerdigt hatte, gesagt. Die Zeit heilt alle Wunden.
Bill hatte allerdings nicht das Gefühl, geheilt zu sein.
Und das Album übte auf ihn eine gewisse perverse Faszination aus. Was er gesehen oder zumindest zu sehen geglaubt hatte...
Er öffnete das Album mit Fotos, die Georgie seinen Eltern, Onkeln und Tanten abgebettelt und sorgfältig eingeklebt hatte. Es war Georgie egal gewesen, ob er die Personen kannte oder nicht; ihn hatte die Idee der Fotografie an sich interessiert, und wenn er keine neuen Fotos zum Einkleben hatte, war er im Schneidersitz auf seinem Bett gesessen und hatte sich die alten angeschaut; und nun saß Bill auf diesem Bett, blätterte behutsam die großen Seiten um und betrachtete die Schwarzweißfotos: Seine Mutter als junges, unglaublich hübsches Mädchen; sein Vater, nicht älter als achtzehn, ein Gewehr in der Hand, neben drei anderen lächelnden bewaffneten Männern über einem erlegten Hirsch stehend; Onkel Hoyt, der einen Hecht hochhielt; Tante Fortuna, die neben einem Korb Tomaten kniete; ein alter Buick; eine Kirche; ein Haus; ein Straßenabschnitt, von jemandem aus unbekanntem Grund aufgenommen, der nun hier im Album eines toten Jungen klebte, die Blätter der Bäume im Hintergrund des Fotos für immer in Herbstfarben erstarrt.
Auf einem Foto sah Bill sich selbst im Alter von drei Jähen in einem Krankenhausbett; ein Verband verbarg seine Haare; ein anderer führte über die Wangen um sein gebrochenes Kinn herum. Er war damals auf einem Parkplatz vor dem A & P in der Central Street von einem Auto angefahren worden. Er erinnerte sich kaum noch daran, nur daß er im Krankenhaus Eis bekommen hatte, und daß er tagelang furchtbares Kopfweh gehabt hatte.
Hier war die ganze Familie auf dem Rasen vor dem Haus - Bill stand neben seiner Mutter und hielt ihre Hand, George - ein Baby - schlief auf Zacks Armen. Und hier...
Es war das letzte Foto. Die übrigen Seiten des Albums waren leer. Georges Schulfoto, aufgenommen im Oktober des Vorjahres, weniger als zehn Tage vor seinem Tod. George trug ein Matrosenhemd, und sein weiches, normalerweise immer verstrubbeltes Haar war unter Zuhilfenahme von