Wasser glatt an den Kopf gekämmt. Er grinste, wobei zwei Zahnlücken sichtbar wurden - nun würden dort nie mehr neue Zähne wachsen; es sei denn, daß sie auch nach dem Tod weiterwachsen, dachte Bill schaudernd.
Er starrte eine ganze Weile auf dieses Foto und wollte das Album gerade wieder schließen, als es passierte.
George rollte - wie beim letztenmal - mit den Augen und begegnete Bills Blick. Georges Fotolächeln verwandelte sich in ein entsetzliches Schielen.
Sein rechtes Auge schloß sich blinzelnd.
Bill Denborugh schleuderte das Album durchs Zimmer. Er preßte die Hände vor den Mund. Seine Augen traten vor Entsetzen hervor.
Das Album prallte gegen die Wand und fiel aufgeschlagen zu Boden. Die Seiten blätterten sich um, obwohl es keinen Lufzug gab; Georges Fenster war fest geschlossen. Sie blätterten sich ganz von alleine um, bis zu jenem schrecklichen Foto, unter dem Schulfreunde 1957-1958 stand.
Blut floß von dem Foto herab.
Bill saß wie versteinert da; seine Zunge war ein geschwollener würgender Klumpen im Mund, er hatte eine Gänsehaut, die Haare standen ihm zu Berge. Er brachte nur ganz leise, wimmernde Geräusche hervor.
Das Blut floß über die Seite und begann auf den Boden zu tropfen und dort eine kleine Lache zu bilden.
Bill verließ fluchtartig das Zimmer und schlug die Tür kräftig hinter sich zu.
Sechstes Kapitel
Einer der Vermißten - Sommer 1958
1
Aus >Derry News<, 21. Juni 1958, Seite 1:
VERMISSTERJUNGE GIBT ANLASS zuNEUENBEFÜRCHTUNGEN
Edward L. Corcoran, 10 Jahre alt, wohnhaft in Derry, Charter Street 73, wurde gestern von seiner Mutter, Monica Macklin, und seinem Stiefvater, Richard P. Macklin als vermißt gemeldet. Mrs. Macklin sagte, der Junge sei seit 19. Juni verschwunden, als er von der Schule nicht nach Hause kam. Der 19. Juni war in allen Schulen Derrys der letzte Schultag. Mr. und Mrs. Macklin erstatteten gestern abend um 17 Uhr die Vermißtenanzeige.
Auf die Frage der >News<, warum sie länger als 24 Stunden mit der Meldung von Edwards Verschwinden gewartet hätten, lehnten Mr. und Mrs. Macklin jeden Kommentar ab. Auch Polizeichef Borton lehnte jeden Kommentar ab, aber ein Informant vom Polizeirevier in Derry, der nicht genannt werden möchte, berichtete uns, daß der Corcoran-Junge die vorangegangene Nacht nicht zu Hause gewesen sei, und daß das Verhältnis zwischen dem Jungen und seinem Stiefvater nicht gerade das beste gewesen sei.
Das Verschwinden von Edward Corcoran, einem Schüler der FairmountVolksschule, gibt Anlaß zu neuen Befürchtungen, daß ein Phantomkiller immer noch die Stadt unsicher macht. Seit Oktober letzten Jahres sind innerhalb des Stadtgebiets von Derry fünf Kinder im Alter zwischen 3 und sechzehn Jahren ermordet worden.
»Ich hoffe, daß das Verschwinden dieses Jungen keine unnötigen Ängste auslösen wird«, sagte Polizeichef Borton gestern abend. »Bei uns gehen jedes Jahr über 40 Vermißtenmeldungen von Minderjährigen ein. Die meisten davon tauchen ein-zwei Tage später gesund und munter wieder auf. So Gott will, wird das auch bei dem kleinen Corcoran der Fall sein.« Polizeichef Borton wiederholte auch seine Überzeugung, daß die Morde an George Denbrough, Betty Ripsom, Cheryl Lamonica, Matthew Clements und Veronica Grogan nicht auf das Konto ein und derselben Person gehen. »Die einzelnen Verbrechen weisen beträchtliche Unterschiede auf«, erklärte Borton, weigerte sich aber, das näher zu erläutern. Er sagte, die Polizei verfolge immer noch gewisse Spuren. Auf die Frage, wie gut diese Spuren seien, äußerte Borton bei dem Telefoninterview gestern abend: »Ausgezeichnet«. Auf die Frage, ob in naher Zukunft mit einer Verhaftung zu rechnen sei, antwortete er: »Kein Kommentar.«
Aus >Derry News<, 22. Juni 1958, Seite 1:
BEZIRKSGERICHT DERRY ORDNET ÜBERRASCHEND EXHUMIERUNG AN
Richter Erhardt K. Moulson vom Bezirksgericht ordnete gestern namens der Stadt eine Exhumierung an - in Zusammenhang mit dem Verschwin den von Edward L. Corcoran, wohnhaft in der Charter Street 73, berechtigt die Exhumierungsanordnung den Gerichtsmediziner, die Leiche
Corsey
Corcorans, des jüngeren Bruders des Vermißten, auszugraben und zu untersuchen. Dorsey Corcoran starb angeblich an den Folgen eines Unfalls im Mai 1957. Der Junge war mit Schädelbruch und Knochenbrüchen bewußtlos ins städtische Krankenhaus von Derry eingeliefert worden. Sein Stiefvater, Richard P. Macklin, hatte ausgesagt, Dorsey habe auf einer Trittleiter in der Garage gespielt und sei dabei von der obersten Stufe gestürzt. Der Junge war drei Tage später gestorben, ohne das Bewußtsein wiedererlangt
zu haben.
Edward Corcoran, 10 Jahre alt, war am Mittwochabend als vermißt gemeldet worden. Auf die Frage, ob Mr. oder Mrs. Macklin verdächtigt würden, etwas mit dem Verschwinden des Jungen zu tun zu haben, lehnte Polizeichef Richard Borton jeden Kommentar ab.
Aus >Derry News<, 24. Juni 1958, Seite 1:
MACKLIN WEGEN TOTSCHLAGS VON STIEFSOHN VERHAFTET Polizeichef Richard Borton berief gestern eine Pressekonferenz ein, um bekanntzugeben, daß Richard P. Macklin, wohnhaft in Derry, Charter Street 73, verhaftet und unter Anklage gestellt wurde, seinen Stiefsohn Dorsey Corcoran getötet zu haben, der am 31. Mai letzten Jahres angeblich
an den Folgen eines Unfalls verstorben war. »Die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche Dorsey Corcorans hat zweifelsfrei ergeben, daß der Junge heftig geschlagen wurde«, erklärte Borton. Obwohl Macklin behauptet hatte, der Junge sei beim Spielen in der Garage von einer Trittleiter gefallen, sagte Borton, daß der gerichtsmedizinische Befund gezeigt habe, daß der Corcoran-Junge (dessen Leiche vor zwei Tagen exhumiert wurde) mit einem stumpfen Gegenstand, möglicherweise einem Hammer, heftig geschlagen worden sei. »Die festgestellten Verletzungen, besonders die Schädelverletzungen, können unmöglich die Folgen eines Sturzes sein«, zitierte Borton aus dem gerichtsmedizinischen Befund. Er fügte hinzu: »Dieser Junge wurde unerbittlich und grausam mißhandelt und dann zum Sterben ins Krankenhaus eingeliefert.« Auf die Frage, ob die Ärzte, die den kleinen Dorsey behandelten, ihre Schweigepflicht etwaiger Fälle von Kindesmißhandlung nicht nachgekommen seien, sagte Borton: »Sie werden bei der Gerichtsverhandlung sehr unangenehme Fragen beantworten müssen.« Nach seiner Meinung befragt, in welchem Zusammenhang diese Entwicklungen mit dem kürzlichen Verschwinden von Dorseys älterem Bruder Edward stünden, der vor vier Tagen von Macklin und seiner Frau Monica als vermißt gemeldet wurde, sagte Polizeichef Borton nur: »Ich glaube, die Sache sieht jetzt sehr viel ernster aus als zunächst angenommen.«
Aus >DerryNews<, 25. Juni 1958, Seite 3:
LEHRERIN BERICHTET VON HÄUFIGEN VERLETZUNGEN EDWARD CORCORANS Henrietta Dumont, die in der fünften Klasse der Fairmount-Volksschule unterrichtet, berichtete, daß Edward Corcoran, der nun seit einer Woche vermißt wird, oft »voller blauer Flecke und anderer Verletzungen« zur
Schule kam.
Mrs. Dumont, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer eine der
fünften Klassen an der Fairmount-Schule unterrichtet, sagte, der Junge sei eines Montags, etwa drei Wochen vor seinem Verschwinden am letzten Schultag (19. Juni), »mit fast völlig zugeschwollenen Augen zur Schule gekommen. Auf meine Frage, was denn passiert sei, erklärte er, sein Vater habe >ihn sich vorgenommen< weil er sein Abendessen nicht aufgegessen
habe.«
Auf die Frage, weshalb sie diesen Vorfall nicht gemeldet habe, obwohl die Strafe ihr >ziemlich streng< vorgekommen sei, erwiderte Mrs. Dumont: »Ich habe solche Dinge immer und immer wieder erlebt, seit ich Lehrerin bin. Niemand will in einen Fall von Kindesmißhandlung verwickelt werden - weder das Gesundheitsamt, noch die Krankenhäuser, noch die Lehrer.« Auf die Frage, warum ein Lehrer solche Mißhandlungen denn nicht melden wolle, erklärte Mrs. Dumont, die mit Ende dieses Schuljahres in den Ruhestand getreten ist: »Die Schulbehörde sieht das nicht gern. Ich kenne Lehrer, die einen Verweis erhielten, weil sie sich ins Privatleben eines Schülers eingemischt hatten. So etwas kann sich negativ auf die Beförderung auswirken.«