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gearbeitet hatte, offensichtlich Selbstmord. »Der Brief, den er hinterließ, deutet darauf hin, daß sein Geisteszustand

verwirrt war«, erklärte Röche. Der Inhalt des Briefes wird bis zur gerichtlichen Untersuchung nicht bekanntgegeben, aber einer gut informierten Quelle im Portlander Bezirksanwaltsbüro zufolge bestand dieser Brief aus zwei Zeilen: >Ich habe Eddie letzte Nacht gesehen. Er war tot.< Bei diesem Eddie könnte es sich durchaus um Edward Corcoran handeln, den Bruder des Jungen, für dessen Totschlag im Jahre 1957 Macklin verurteilt worden war; das Verschwinden des älteren Corcoran-Jungen führte zur Exhumierung der Leiche von Dorsey Corcoran und zu Macklins anschließender Verhaftung und Verurteilung. Der ältere Corcoran-Junge ist seit neun Jahren verschwunden, und im Jahre 1966 ließ die Mutter ihren Sohn gerichtlich für tot erklären, um in den Besitz von Edwards Sparbuch zu gelangen; es handelte sich dabei um eine Summe von 16 Dollar.

2

Edward Corcoran war tatsächlich tot. Er starb am Abend des 19. Juni, und sein Stiefvater hatte überhaupt nichts damit zu tun.

Am Abend des 19. Juni, als Ben Hanscom mit seiner Mutter vor dem Fernseher saß und die Reste vom Abendessen aufaß; als Eddie Kaspbraks ängstliche Mutter ihm die Stirn fühlte, um festzustellen, ob er nicht >Phan-tom-Fieber< hatte; als Beverly Marshs Stiefvater (der - zumindest was das Temperament anging - eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Edwards Stiefvater hatte) dem Mädchen einen kräftigen Tritt in den Hintern gab und es anbrüllte: »In die Küche mit dir und trockne das verdammte Geschirr ab, wie deine Mutter gesagt hat«; als Mike Hanion von einigen High-School-Jungs gehänselt wurde, die in einem alten Dodge vorbeifuhren, während Mike im Garten neben dem kleinen Haus der Hanions Unkraut jätete, an der Witcham Street, unweit der Farm, die Henry Bowers' verrücktem Vater gehörte; als Richie Tozier sich ins Schlafzimmer seiner Eltern schlich, um einen Blick auf die Herrenmagazine zu werfen, die sein Vater zwischen der Unterwäsche in seiner Kommode versteckte, und dort anschauliches Aufklärungsmaterial fand; als Bill Denbrough das Fotoalbum seines toten Bruders entsetzt quer durch das Zimmer schleuderte - während all dieser Ereignisse schlenderte Eddie Corcoran, der in Kürze als vermißte Person gelten würde, durch den Bassey Paik auf den Kanal zu.

Er war an diesem Mittag nach Schulschluß nicht nach Hause gegangen; sein Zeugnis steckte immer noch in der Hüfttasche seiner Jeans. Seine Mutter und sein Stiefvater stritten sich in diesem Monat besonders viel und heftig. Wenn sie in Wut gerieten, kreischte seine Mutter Anschuldigungen, die meistens aus der Luft gegriffen waren, und sein Stiefvater antwortete darauf zuerst mit Grunzen, dann mit Geschrei und schließlich mit tobendem Gebrüll. Diese Streitigkeiten drehten sich immer um die gleichen Themen. Am meisten häuften sie sich gegen Ende des Monats, wenn die Rechnungen bezahlt werden mußten. Ab und zu, wenn es besonders heiß herging, rief irgendein Nachbar bei der Polizei an, und dann kam ein Polizist vorbei und sorgte dafür, daß der ruhestörende Lärm abgestellt wurde.

Eddie bemühte sich, während dieser Szenen mucksmäuschenstill zu sein und ihnen aus dem Weg zu gehen. Das war vernünftiger. Man brauchte sich ja nur einmal anzuschauen, was mit Dorsey passiert war. Dorsey war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, das war Eddies Meinung. Eddie war an jenem Tag in der Schule gewesen, und sie hatten ihm erzählt, Dorsey sei von einer Trittleiter gefallen, auf der er gespielt habe, aber seine Mutter hatte seinen Blick gemieden, und in ihren Augen hatte er Unruhe und Angst gelesen. Sein Vater war mit einem Liter >Rhinegold< am Küchentisch gesessen und hatte unter seinen buschigen Augenbrauen hervor ins Leere gestarrt. Er war an jenem Abend und auch an den folgenden ungewöhnlich still gewesen, und Eddie war ihm lieber aus dem Weg gegangen. Wenn sein Stiefvater herumbrüllte, war es noch nicht einmal so schlimm; auf der Hut mußte man besonders dann sein, wenn er unnatürlich still war.

Eddie war heute von der Schule nicht nach Hause gegangen, weil sein Stiefvater vor zwei Tagen einen Stuhl nach ihm geworfen hatte, als Eddie aufgestanden war, um im Fernsehen ein anderes Programm einzuschalten. Der alte Dreckskerl hatte einfach einen der Stahlrohr-Küchenstühle mit den pinkfarbenen Bezügen gepackt und nach ihm geworfen. Sein Rücken tat immer noch weh, und er hatte einen großen blauen Fleck über dem rechten Auge, wo er im Fallen gegen die Tischkante geprallt war. Und da war jener Abend vor etwa zwei Jahren gewesen, als sein Stiefvater plötzlich aufgesprungen war und ihm eine Handvoll Kartoffelbrei in die Haare gerieben hatte. Ein anderes Mal hatte Eddie die Haustür laut zugeschlagen, während sein Stiefvater schlief. Macklin war aus dem Schlafzimmer gestürzt, in Shorts und einem vergilbten abgetragenen Unterhemd, mit verstrubbelten, hochstehenden Haaren, mit Bartstoppeln im Gesicht - es war Wochenende, und er hatte sich seit zwei Tagen nicht rasiert - und einer Fahne vom vielen Biertrinken am Wochenende, und er hatte Eddie grün und blau geschlagen und schließlich auf den Flur geworfen. Dort hatte Eddies Mutter zwei niedrige Kleiderhaken angebracht, für Dorsey und ihn, damit sie ihre Mäntel aufhängen konnten. Diese Haken hatten ihre Stahlfinger in Eddies Rücken gebohrt, und er war vor Schmerz ohnmächtig geworden. Als er wieder zu Bewußtsein kam, hatte er kaum gehen können. Seine Mutter hatte ihn ins Krankenhaus bringen wollen.

»Nach dem, was mit Dorsey passiert ist?« hatte sein Stiefvater gesagt. »Willst du ins Gefängnis wandern?«

Danach hatte sie nichts mehr gesagt. Eddie hatte sich in sein Zimmer geschleppt. Drei Tage war er nicht zur Schule gegangen. Er hatte wahnsinnige Schmerzen gehabt und sich angewöhnt, am Whisky seines Stiefvaters zu nippen, wenn dieser nicht da war (er arbeitete als Mechaniker bei der Busgesellschaft), um den Schmerz ein wenig zu betäuben. Zehn Tage lang war sein Urin blutig gewesen.

All das... und der Hammer war nicht mehr in der Garage.

Was hatte das zu bedeuten, Freunde und Nachbarn?

Nicht der normale Hammer aus dem Werkzeugkasten, der war noch da. Aber der >Spezialhammer< seines Stiefvaters, den Dorsey und er nicht anrühren durften (»Wenn ihr den auch nur anrührt, solltet ihr vorher eure Knochen numerieren - kapiert?«), war nach Dorseys Tod verschwunden. Es war ein sehr teurer Hammer gewesen, ein Gummihammer mit Kugellagerfüllung. Eddies Stiefvater hatte immer gesagt, daß man bei diesem Hammer keinen Rückstoß spürte, egal wie stark man damit zuschlug.

Eddies Zeugnis war nicht das beste, weil er sehr oft in der Schule fehlte, seit seine Mutter wieder geheiratet hatte, aber war alles andere als dumm. Er glaubte zu wissen, was mit dem Hammer passiert war. Wahrscheinlich hatte sein Stiefvater damit auf Dorsey eingedroschen und ihn hinterher im Garten oder sonstwo vergraben. So etwas kam in den Horror-Comics häufig vor, die Eddie so gern las und auf dem obersten Fach seines Schrankes versteckte.

Er ging näher an den Kanal heran, der friedlich zwischen seinen Betonwänden dahinströmte, vom Mondlicht sanft beschienen. Er setzte sich auf den Rand, ließ die Beine hinabbaumeln und trommelte mit den Absätzen seiner Leinenschuhe gegen den Beton. Nach einem trockenen Frühling plätscherte das Wasser etwa neun Fuß unterhalb seiner abgelaufenen Sohlen. Aber wenn man die Betonwände betrachtete, konnte man über dem Wasserspiegel bräunliche Streifen sehen, die nach oben hin zu hellem Gelb verblaßten und dann fast weiß wurden. An diesen Markierungen konnte man erkennen, wie oft der Kenduskeag Hochwasser hatte. Rechts von Eddie machte die Main Street, die über dem Kanal durch die Innenstadt führte, eine scharfe Biegung an jener Stelle, wo der Kanal wieder zum Vorschein kam. Sie verlief dann auf der anderen Kanalseite weiter, vorbei an dem scheußlichen Granitklotz, der die Derry High School beherbergte.