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Das Wasser floß ruhig an der Stelle vorbei, wo Eddie saß, auf die schmale Holzbrücke zu, die von den Schülern benutzt wurde, um vom Bassey Park zur High School zu gelangen. Boden und Geländer dieser Brücke waren mit eingeritzten Namen, Liebeserklärungen und Botschaften übersät, daß der-und-der Lust aufs Wichsen, Blasen oder Picken hatte. Manchmal, wenn Eddie hier saß, sah er Kondome auf dem Wasser treiben, die wie kleine tote Fische aussahen.

Hier gefiel es ihm, und er kam oft hierher, wenn er über etwas nachdenken wollte. Manchmal hielten sich in einem der zahlreichen Weiden- und Ulmenwäldchen des Parks irgendwelche Leute auf, aber wenn er ein Stück am Kanal entlangging, hatte er seine Ruhe. Am meisten liebte er die Stelle, wo er jetzt gerade saß. Er liebte sie im Sommer, wenn das Wasser so niedrig stand, daß es die Steine umspülte und oft sogar zu schmalen Rinnsalen wurde, die sich durchs Flußbett schlängelten und sich irgendwo wieder vereinigten, im Mond- oder Sternenlicht funkelnd wie Spiegelscherben. Er liebte diese Stelle aber auch kurz nach der Schneeschmelze; dann stand er manchmal bis zu einer Stunde hier am Kanal (im März war es zum Sitzen noch viel zu kalt; er hätte sich den Hintern abgefroren), die Kapuze seines Parkas auf dem Kopf, die Hände in den Taschen vergraben, ohne zu bemerken, daß sein magerer Körper vor Kälte zitterte. Er liebte den mächtigen Strom im März, wenn das Wasser schäumend aus seinem unterirdischen Kanal hervorschoß und an ihm vorbeibrauste, Äste und allen möglichen Abfall mit sich führend. Mehr als einmal hatte er sich ausgemalt, wie er mit seinem Stiefvater im März am Kanal entlangging und dem Dreckskerl einen heftigen Stoß versetzte. Der Alte würde einen Schrei ausstoßen, verzweifelt mit den Armen rudern und in die schäumende Strömung fallen, und Eddie

würde am Rand stehen und zusehen, wie «r sich vergeblich abmühte, den Kopf über Wasser zu halten, er würde dastehen und rufen: das war für DORSEY, DU VERDAMMTER HURENSOHN! WENN DU IN DER HÖLLE ANLANGST,

ERZÄHL DORT, DASS ICH GESAGT HABE, DU SOLLTEST DIR JEMANDEN VON DEINER EIGENEN GRÖSSE VORNEHMEN! Natürlich würde das in Wirklichkeit nie passieren, aber es war ein herrlicher Wunschtraum. Ein toller W...

Eine Hand schloß sich plötzlich um Eddies Fuß.

Er hatte über den Kanal hinweg zur High School hinübergeschaut, vor sich hin geträumt und überlegt, ob er heute nacht hier schlafen sollte (unter dem Musikpavillon war der beste Platz, dort lag eine Menge welker Blätter herum, die eine weiche Lagerstatt boten) und der sanfte, aber doch feste Griff überraschte ihn so sehr, daß er fast das Gleichgewicht verloren hätte und in den Kanal gestürzt wäre.

Er blickte nach unten.

Sein Unterkiefer klappte herunter, und er machte sich vor Entsetzen in die Hose.

Es war Dorsey.

Es war Dorsey in den Kleidern, in denen er beerdigt worden war - in seinem kleinen blauen Blazer und seiner grauen Hose -, aber jetzt war der Blazer zerrissen und schmutzig, das Hemd bestand nur noch aus gelben Fetzen, und die Hose klebte an Beinen, die so dünn wie Besenstiele waren. Sein Kopf sah furchtbar mißgestaltet aus, so als sei er von irgendeiner unvorstellbaren Kraft von hinten eingedrückt worden, und als habe sich das Gesicht dadurch nach vorne verschoben.

Dorsey grinste.

Ein nasses Kondom klebte an seiner Stirn.

»Eddieeeee«, krächzte sein toter Bruder grinsend. Gelbe Zähne schimmerten, und dahinter schien sich im Dunkeln etwas zu winden und zu krümmen.

»Eddieeee, ich bin gekommen, um dich zu sehen, Eddieee...«

Eddie versuchte zu schreien. Graue Schockwellen rollten über ihn hinweg, und er hatte das eigenartige Gefühl zu schweben. Aber es war kein Traum. Er war hellwach. Die Hand an seinem Schuh war weiß wie ein Fischbauch. Die nackten Füße seines Bruders fanden irgendwie Halt auf dem Beton.

»Komm runter, Eddieeee...«

Eddie begann zu stöhnen. Zum Schreien fehlte ihm die Luft. Dorseys Hand war klein, aber unerbittlich. Er versuchte, Eddie über die Kante zu ziehen. Eddies Gesäß geriet ins Rutschen.

Mit einem erstickten Schrei klammerte er sich an der Betonkante fest und riß seinen Fuß mit einem Ruck hoch. Die Hand rutschte ab, er hörte ein ärgerliches Zischen, und blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke: Das ist nicht Dorsey!, bevor ein Adrenalinstoß durch seinen Körper ging, und er vom Ufer wegkroch und dann zu rennen versuchte, noch bevor er richtig auf den Beinen war; gleichzeitig versuchte er zurückzuschauen. Sein Atem ging stoßweise, pfeifend und quiekend.

Weiße Hände tauchten an der Betonkante des Kanals auf. Einen Moment später folgte Dorseys Gesicht. Seine eingesunkenen Augen waren rote Kerzenlichter. Sein nasses Haar klebte ihm am Kopf. Seine Wangen waren schmutzig.

Endlich löste sich der Krampf um Eddies Brust. Er stieß einen lauten Schrei aus. Dann rannte er los, wobei er aber über die Schulter hinweg zurückschaute, um sehen zu können, wo Dorsey war; prompt rannte er mit voller Wucht gegen eine Ulme.

Ein heftiger Schmerz durchzuckte seine Schulter. Er sah Sterne vor den Augen und glitt zu Boden. Aus seiner linken Schläfe sickerte Blut. Etwa anderthalb Minuten war er halb bewußtlos. Dann taumelte er wieder hoch. Ein leises Stöhnen entfuhr ihm, und er preßte seine Hände gegen den dröhnenden Kopf.

Er blickte sich um.

Der Kanalrand zog sich schnurgerade hin und schimmerte im Mondlicht wie ein weißer Knochen. Keine Spur von dem Wesen aus dem Kanal. Er drehte sich langsam im Kreis. Der Bassey Park war still, in weißes Mondlicht und schwarze Schatten unterteilt. Trauerweiden ließen ihre dünnen, unheimlichen Arme tief herabhängen, und in ihrem Schutz konnte sich alles mögliche verstecken.

Eddie ging weiter, wobei er versuchte, seine Augen überall zu haben. Sein laut pochendes Herz jagte Schmerzwellen durch seine ausgerenkte Schulter.

Eddieeee, raunten die Bäume in der leichten Brise, und Eddie spürte, wie schlaffe Leichenfinger seinen Nacken streichelten. Er wirbelte herum, stolperte über seine eigenen Füße und fiel wieder hin; im selben Augenblick erkannte er, daß es nur Weidenblätter waren, die ihn berührt hatten.

Er stand auf und versuchte zu rennen, aber dazu hatte er viel zu weiche Knie. Seine Schulter schmerzte, sein Kopf dröhnte, und er hatte das Gefühl, daß sein Herz vor Angst gleich platzen würde. Er brachte bestenfalls ein hinkendes Laufen zustande.

Er richtete seinen Blick auf die Straßenlaterne am Haupteingang des Parks, der auf die Main Street führte. Er humpelte darauf zu und dachte: Ich schatffs bis zum Licht, und dann ist alles in Ordnung. Ich schaffs bis zum Licht, dort bin ich in Sicherheit. Helles Licht, keine Angst mehr...

Etwas folgte ihm.

Er konnte es hören. Es bahnte sich raschelnd einen Weg durch die Weiden. Wenn er sich umdrehte, würde er es sehen können; es kam immer näher; er hörte seine Füße, schlurfende, platschende Schritte, aber er würde sich nicht umdrehen, nein, er würde nur auf das Licht vor ihm schauen, das Licht war tröstlich und gar nicht weit entfernt...

Es war der Geruch, der ihn dann doch zwang, sich umzudrehen. Der überwältigende Gestank, so als hätte man einen Haufen Fische einfach liegengelassen, und sie wären in der Sommerhitze verwest.

Er warf einen Blick zurück.

Es war nicht mehr Dorsey, der ihn verfolgte; es war das Wesen aus der Schwarzen Lagune, es sah genauso aus wie in jenem Film. Nur war das hier kein Mann in einem gruseligen Kostüm. Das Wesen hatte einen langen Panzerrüssel. Aus langen schwarzen klaffenden Wunden in seinen Wangen tropfte eine grüne Flüssigkeit. Seine Augen waren weiß und gallertartig; die durch Schwimmhäute miteinander verbundenen Finger hatten rasiermesserartige Klauen. Sein Atem war ein entsetzliches Blubbern, und als es sah, daß Eddie es anstarrte, verzog es die grünschwarzen Lippen zu einem leeren, toten Grinsen und bleckte seine riesigen Fangzähne.