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Es watschelte triefend hinter ihm her, und Eddie begriff plötzlich, daß es ihn zum Kanal zurückzerren, ihn in die feuchte Finsternis des unterirdischen Wasserlaufs hinabschleppen... und ihn dort fressen würde.

Die Angst trieb Eddie vorwärts. Die Laterne rückte näher. Schon konnte er die Fliegen und Mücken um das Licht herumschwirren sehen. Ein Lastwagen knatterte auf der Main Street vorbei, und in seinem verzweifelten Entsetzen schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß dort ein Mann am Steuer saß, in Sicherheit, vielleicht Kaffee aus einem Pappbecher trinkend.

Der Gestank. Der überwältigende Gestank, der immer stärker wurde. Von allen Seiten auf ihn eindrang.

Es war eine Parkbank, über die er stolperte, eine Parkbank, die einige Kinder am Spätnachmittag umgeworfen hatten, in ihrer Eile, noch vor der Sperrstunde nach Hause zu kommen. Der Sitz ragte kaum sichtbar aus dem Gras hervor. Eddie spürte plötzlich einen rasenden Schmerz an den Schienbeinen und stürzte ins Gras.

Als er sich umschaute, beugte sich das Wesen schon über ihn; seine weißen Augen schimmerten im Mondlicht wie Alabaster, aus seinen Schuppen tropfe Schleim, die Kiemen an seinem gekrümmten dicken Hals und an den Wangen öffneten und schlössen sich.

»Ag!« krächzte Eddie. Es schien der einzige Laut zu sein, den er noch hervorbrachte. »Ag! Ag! Ag! Ag!« Er kroch vorwärts, grub seine Finger in den Rasen. Seine Augen traten ihm fast aus den Höhlen. Seine Zunge hing heraus.

In der Sekunde, bevor sich die nach Fisch stinkenden Hornfänge um seine Kehle schlössen, hatte er einen tröstlichen Gedanken: Dies ist ein Traum. Es muß ein Traum sein. Es gibt in Wirklichkeit kein solches Wesen, es gibt in Wirklichkeit keine Schwarze Lagune, und selbst wenn es doch eine gibt, so nur in Südamerika. Dies ist nur ein Traum, und ich werde gleich aufwachen und den Speck in der Bratpfanne riechen. Ich...

Dann drückten die Fänge ihm die Kehle zu, und sein heiseres Krächzen verstummte; die Kreatur drehte ihn um und zerkratzte ihm dabei mit den Hornhaken an ihren Fängen den Hals. Er starrte in ihre weißen funkelnden Augen. Er fühlte, wie die Schwimmhäute zwischen ihren Fingern sich gegen seine Kehle preßten wie lebende Algen. Sein vor Entsetzen geschärfter Blick fiel auf die Flosse, eine Art Hahnenkamm, eine Art Hornhecht-Rük-kenflosse, die den gepanzerten Kopf der Kreatur krönte. Während ihre Hände fest zudrückten und ihm die Luftzufuhr abschnitten, konnte er sogar sehen, wie das weiße Licht der Straßenlaterne sich in ein trübes Grün verwandelte, während es durch diese Membranflosse fiel.

»Du bist... nicht... real«, keuchte Eddie, aber nun verschwamm alles in grauem Nebel, und er registrierte schwach, daß dieses Wesen überaus real war. Es brachte ihn nämlich um.

Und doch wurde er bis zuletzt von einem Rest rationalen Denkens beherrscht: während die Kreatur ihre Klauen in das weiche Fleisch seines Halses grub, während seine Halsschlagader aufgeschlitzt wurde und das hervorschießende warme Blut den Reptilpanzer der Kreatur befleckte, tasteten Eddies Hände auf ihrem Rücken nach einem nicht vorhandenen Reißverschluß. Und sie fielen erst herab, als die Kreatur ihm mit einem tiefen, zufriedenen Grunzen den Kopf abriß. Und dann begann sie sich in etwas anderes zu verwandeln.

3

Ein Junge namens Michael Hanion, der in dieser Nacht sehr schlecht schlief und Alpträume hatte, erhob sich am Morgen nach Eddies tödlicher Begegnung mit einem mythischen Wesen kurz nach der Morgendämmerung. Das erste Licht war bleich und wurde von einem Bodennebel verschluckt, der sich gegen acht Uhr auflösen und einen herrlich heißen Sommertag enthüllen würde. Aber im Augenblick war die Welt noch grau und rosafarben, gedämpft und still.

Mike kam in Jeans, T-Shirt und hohen schwarzen Stiefeln nach unten, aß eine Schüssel Cornflakes, stieg dann auf sein Rad und fuhr in die Stadt. Wegen des Nebels fuhr er dicht neben den Gehwegen. Die Welt um ihn herum sah sonderbar und geheimnisvoll aus. Man konnte Autos hören, aber nicht sehen, und aufgrund der merkwürdigen akustischen Eigenschaften des Nebels wußte man nicht, ob sie noch weit entfernt oder schon ganz nahe waren, bis sie dann aus dem Nebel auftauchten, mit gespenstischen Heiligenscheinen aus Feuchtigkeit um ihre Scheinwerfer.

Er bog nach rechts in die Jackson Street ab und gelangte über die Palmer Lane - eine Vorstadtallee, wo er später als Erwachsener leben würde

- zur Main Street. Feuchtigkeit tropfte von den Bäumen. Nebelschwaden wanden sich um die Äste.

Auf der Main Street fuhr er zum Bassey Park; er fuhr einfach vor sich hin und genoß die Stille der frühen Morgenstunde. Im Park stellte er sein Rad ab und schlenderte auf den Kanal zu. Es war nichts weiter als eine Augenblickslaune, ein plötzlicher Einfall, der ihn gerade diesen Weg einschlagen ließ - zumindest glaubte er das selbst. Es war ihm nicht im geringsten bewußt, daß seine nächtlichen Träume etwas mit seinem Ziel zu tun hatten; er konnte sich überhaupt nicht mehr an sie erinnern, außer daß einer den anderen abgelöst hatte, und daß er um fünf Uhr morgens fröstelnd und doch verschwitzt aufgewacht war und plötzlich Lust gehabt hatte, eine Radfahrt zu unternehmen.

Der Nebel hatte hier einen Geruch, der Mike nicht gefiel; es roch nach Meer, salzig und irgendwie alt. Er hatte diesen Geruch schon häufig wahrgenommen; in den Morgennebeln konnte man in Derry oft den Ozean riechen, obwohl die Küste 40 Meilen entfernt war. Aber an diesem Morgen war der Geruch besonders intensiv. Irgendwie... ja, irgendwie fast bedrohlich.

Sein Blick fiel auf etwas. Er bückte sich und hob ein billiges Taschenmesser mit zwei Klingen auf. Auf einer Seite waren die Buchstaben E. C.

eingeritzt. Mike betrachtete es nachdenklich, dann schob er es in die Tasche. Wer etwas verlor, hatte eben den Schaden.

Er schaute sich um. Eine umgestürzte Parkbank. Er richtete sie auf und schob ihre Eisenbeine genau in die Vertiefungen, die sie im Laufe von Monaten oder Jahren in den Rasen gedrückt hatten. Daneben war eine Stelle, wo das Gras total zerdrückt war... und zwei Furchen im Gras gingen von hier aus. Sie waren noch deutlich zu sehen, obwohl das Gras sich langsam wieder aufrichtete. Die Furchen führten in Richtung Kanal.

Und da war auch Blut.

Ein Hundekampf, dachte Mike, aber irgendwie war er doch nicht so ganz davon überzeugt. Einer von ihnen muß den anderen sehr stark verletzt haben.

Nur um etwas zu tun, folgte er den Spuren im Gras. Er dachte sich eine kleine Geschichte aus. Ein Kind ist noch spät abends hier, nach der Sperrstunde, und der Killer erwischt es. Er bringt das Kind um. Und dann schleppt er es weg und wirft die Leiche in den Kanal. Wie in den Krimis von Hitchcock!

Ein Schauder lief ihm über den Rücken, während er in den Nebel blickte, der sich allmählich aufzulösen begann. Irgendwie war die Geschichte ein bißchen zu wahrscheinlich. Nur daß es vielleicht kein Mann war. Vielleicht war es ein Monster, wie die in Horrorfilmen oder

(in Alpträumen)

in Märchen.

Seine Geschichte gefiel ihm plötzlich gar nicht mehr. Er versuchte sie sich aus dem Kopf zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Die Geschichte war blödsinnig. Es war überhaupt blödsinnig gewesen hierherzukommen. Sein Vater würde heute jede Menge Arbeit für ihn haben. Er sollte lieber heimfahren. Und genau das würde er auch tun. Zurückgehen, sein Rad holen und heimfahren. Das würde er jetzt tun.

Statt dessen folgte er aber weiter den Spuren im Gras, das hier und da blutbefleckt war. Nicht sehr stark. Nicht so stark wie an jener Stelle neben der umgestürzten Bank.