Mike konnte jetzt den Kanal hören, der ruhig dahinfloß. Einen Augenblick später tauchte der Betonrand aus dem sich auflösenden Nebel auf.
Etwas lag im Gras.
Er bückte sich wieder. Ein Stoffetzen mit einem Blutstropfen.
Er ließ ihn liegen.
Die Furchen im Gras endeten am Kanal. Auf dem Beton waren zahlreiche getrocknete Blutflecken zu sehen.
Mike betrachtete sie, und dann blickte er in den Kanal hinab. Schwarzes Wasser strömte rasch dahin. Schmutziggelber Schaum haftete an den Betonwänden, wurde abgeschwemmt und trieb in trägen Kurven und Spiralen außer Sichtweite. Einen Augenblick - einen flüchtigen Augenblick lang vereinigten sich zwei Klümpchen dieses Industrieabwassers, wirbelten herum und schienen ein schmerzverzerrtes Gesicht zu bilden, ein Kindergesicht, mit Augen, die in unsagbarem Entsetzen verdreht waren.
Mike hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Dann wurde der Schaum auseinandergetrieben und war nur noch schmutziges Abwasser, und im selben Moment hörte er rechts von sich ein
lautes Platschen. Er wich ein wenig zurück und schaute in jene Richtung, und ganz flüchtig glaubte er, in dem Schatten des Tunnels, dort wo der Kanal wieder an die Erdoberfläche kam, etwas zu sehen.
Dann war es verschwunden.
Frierend und zitternd holte er das Messer, das er gefunden hatte, aus der Tasche. Er wollte es nicht mehr. Er wollte nichts damit zu tun haben.
Er warf es in den Kanal. Ein leises Platschen, kreisförmige Wellen... und dann nichts mehr.
Nichts außer der Angst, die ihn mit überwältigender Heftigkeit überfiel. Er wußte mit einem Mal mit absoluter Sicherheit, daß etwas in der Nähe war, ihn beobachtete, seine Chancen abwägte und nur auf den richtigen Zeitpunkt wartete.
Er drehte sich um und beschloß, zu seinem Rad zurückzugehen, und dann hörte er wieder jenes platschende Geräusch, und plötzlich rannte er los, sprang auf sein Rad, schob mit dem Absatz den Ständer hoch und trat in die Pedale. Jener Ozeangeruch war nun noch viel intensiver - viel zu intensiv. Er war überall. Und das von den nassen Zweigen tropfende Wasser war viel zu laut.
Etwas kam hinter ihm her. Er hörte schlurfende, schlingernde Schritte im Gras.
Mike trat jetzt stehend in die Pedale, um schneller voranzukommen. Er schoß durch das Parktor auf die Main Street hinaus, ohne noch einmal zurückzuschauen, er fuhr nach Hause und fragte sich, welcher Teufel ihn geritten hatte, überhaupt an diesen Ort zu fahren... was ihn hierher gezogen hatte.
Und als er am nächsten Tag die Schlagzeile in der Zeitung sah (vermisster junge gibt anlass zu neuen Befürchtungen), dachte er an das Taschenmesser, mit den Initialen B.C., das er in den Kanal geworfen hatte... und an die Blutflecken im Gras.
Siebtes Kapitel
Der Damm in den Barrens
1
Um Viertel vorfünf Uhr morgens gleicht Boston einer riesigen Totenstadt, einer antiken Stadt, die über irgendeine schreckliche Tragödie in ihrer Vergangenheit brütet
- eine Seuche oder einen Fluch. Der intensive, unangenehme Salzgeruch dringt vom Meer her in die Stadt hinein, und dichter Bodennebel füllt die engen Straßen.
Eddie Kaspbrak, der am Steuer des schwarzen Cadillacs sitzt, den er bei Butch Carrington in der Firma >Cape Cod Limousine< abgeholt hat, und in Richtung Stor-row Drive fährt, denkt, daß man das Alter dieser Stadt ringsum spürt wie sonst nirgends in Amerika. Dies ist eine alte Stadt, die sich schon vor dreihundert Jahren auf den Hügeln um den Charles River ausdehnte, als die Amerikanische Revolution noch unvorstellbar schien, als Patrick Henry und Paul Revere noch gar nicht geboren waren..
Dieses Alter und die Stille-sie machen ihn nervös. Ergreift nach seinem Aspirator und schiebt ihn in den Mund.
Einige wenige Leute sind doch schon auf den Straßen und strafen seinen Eindruck Lüge, daß er in eine Lovecraftsche Erzählung von verfluchten Städten und uralten Plagen hineingeraten ist; Kellnerinnen, Krankenschwestern, städtische Angestellte mit müden, unausgeschlafenen Gesichtern stehen an Bushaltestellen oder eilen die Treppen zu den Schächten hinab, um die ersten Untergrundbahnen zu erreichen, und Eddie denkt: Ich würde nicht dort hinabsteigen, wenn ich an eurer Stelle wäre. Nicht unter die Erde. Nicht in die Schächte und Tunnels.
Ein Schauder überkommt ihn, und er ist froh über den dichteren Verkehr am Star-row Drive in Richtung Mystic Bridge.
Er fährt unter einem grün beleuchteten Hinweisschild durch: MAINE, NEW HAMPSHIRE, ALLE ORTE IN NORD-NEUENGLAND, und unwillkürlich fröstelt ihn wieder. Er würde nur allzugern glauben, daß es erste Anzeichen für irgendeine Krankheit sind, daß er einen Virus aufgeschnappt hat oder eines der von seiner Mutter so gefürchteten >Phantom-Fieber<- bekommt, aber er weiß es besser. Es ist die Stadt, die lautlos auf der scharfen Kante zwischen Tag und Nacht schwebt, ebenso wie das Meer zwischen Ebbe und Flut schwebt; es ist der Ozeangeruch, dieser intensive, übelkeitserregende Geruch nach Salz und Tang; und es ist ein gewisses düsteres Schweigen. Diese Dinge sind seine Krankheitserreger... sie und die Erinnerungen, die jetzt über ihn hereinbrechen, Erinnerungen, die er einfach nicht verdrängen kann.
Ich habe Angst, denkt Eddie Kaspbrak. Das lag immer allem zugrunde -diese Angst. Sie beherrschte alles. Aber wie haben wir sie eingesetzt?
Daran kann er sich nicht erinnern. Erfragt sich, ob einer der anderen das kann.
Ein Lastwagen setzt zum Überholen an, und Eddie blendet kurz seine Scheinwerfer auf. Er macht das ganz automatisch; so etwas geht einem in Fleisch und Blut über, wenn man seinen Lebensunterhalt mit Autofahren verdient. Der Lastwagenfahrer bedankt sich durch zweimaliges kurzes Blinken mit dem Rücklicht für Eddies Höflichkeit. Wenn nur alles so einfach und klar sein könnte, denkt Eddie.
Erfolgt den Hinweisschildern, die ihn zur 7-95 führen sollen. Der Verkehr ist jetzt ziemlich stark, aber er hat einen Instinkt dafür, wann er auf welchen Fahrstreifen überwechseln muß, noch bevor die Schilder auftauchen. Auch das geschieht ganz automatisch - ebenso automatisch, wie er einst in Derry stets den richtigen Weg durch das Dickicht der Barrens fand. Die Tatsache, daß er noch nie durch die Innenstadt von Boston gefahren ist, die in puncto Straßenführung als eine der ver-wirrendsten Städte Amerikas gilt, macht ihm überhaupt nichts aus.
Eine Stimme spricht in seinem Kopf: die Stimme von Stotter-Bill, vor langer Zeit. »D-D« h-h-hast einen K-K-Kompaß im Kopf E-E-Eddie.«
Wie ihm das damals gefallen hatte! Es gefällt ihm auch jetzt wieder, während er auf die Mautsperren auf der Mystk Bridge zufährt. Unter ihm ist der Charles River eine flache, glatte Silberplatte, und Eddie lächelt ein wenig. Er wäre damals vermutlich für Bill Denbrough gestorben, wenn dieser es von ihm verlangt hätte. »E-E-E-Eddie, d-d-du mußt m-m-morgen für m-mich sterben, okay?« Na klar, Big Bill ...um wieviel Uhr?«
Eddie lacht jetzt sogar, und das überrascht ihn selbst, denn er lacht in letzter Zeit nur noch selten. Und ganz bestimmt hat er nicht damit gerechnet, diesen seltenen Klang seines eigenen Lachens ausgerechnet auf dieser schwarzen Pilgerfahrt zu hören.
Die Mautanlage ist automatisch, und Eddie greift ohne nachzudenken nach den richtigen Münzen. Bevor er losgefahren ist, hat er sein ganzes Silbergeld auf dem Ar-maturenbrettaufgereiht: Fünfcent-, Zehncent- und Vierteldollarmünzen und Susan B. Anthony-Silberdollarstücke. Als er diese Dollarmünzen jetzt wieder sieht, fallen ihm plötzlich Ben Hanscom und dessen Silberdollarmünzen ein - echte Silberdollar, auf denen Lady Liberty eingeprägt war. Und das führt ihn wieder zu Bill zurück, denn Bill hat ihnen einmal mit einem dieser Silberdollarmünzen das Leben gerettet -obwohl er sich um alles in der Welt nicht erinnern kann, auf welche Weise,