(oder liegt es daran, daß er sich nicht erinnern will?)
nur daß es dort dunkel war.
Er kurbelt das Fenster herunter und wirft das Geld in den Automaten. Das rote Licht wird grün; DANKE leuchtet auf. Erfährt weiter über die Brücke, in Richtung Revere, unter einem taubengrauen Himmel, über einen Fluß derselben Farbe.
Boston liegt jetzt hinter ihm. Vor ihm liegt MAINE, NEW HAMPSHIRE, ALLE ORTE IN NORD-NEUENGLAND. Vor ihm liegt Derry, und etwas in Derry ist noch nicht tot. Etwas mit unzähligen Gesichtern. Aber was ist es in Wirklichkeit? Haben Sie es zuletzt nicht unmaskiert gesehen? Und waren es nicht Bev Marsh und Ben Hanscom gewesen, die sie bei jener Gelegenheit gerettet hatten? Er weiß es nicht genau.
Oh, er kann sich jetzt an so vieles erinnern... aber es reicht immer noch nicht
Er erinnert sich daran, daß er Bill Denbrough liebte. Bill machte sich nie über sein Asthma lustig. Bill nannte ihn nie ein verweichlichtes Muttersöhnchen. Er liebte Bill, wie er einen großen Bruder geliebt hätte ... oder einen Vater. Bill wußte gut Bescheid. Er wußte, was man tun konnte, wohin man gehen konnte, was man sich anschauen konnte, was man spielen konnte. Bill hatte ihm die Spielregeln von >Scrabble< erklärt, und es war Bills Idee gewesen, den Damm in den Barrens zu bauen, und in gewisser Weise war es der Damm gewesen, der sie alle zusammengeführt hatte. Ben Hanscom hatte den Damm konstruiert - so gut konstruiert, daß sie um ein Haar Schwierigkeiten mit Mr. Nell, dem Streifenpolizisten, bekommen
hätten - aber die ursprüngliche Idee hatte Bill gehabt, und obwohl sie alle - mit Ausnahme von Richie - seit Jahresbeginn in Derry merkwürdige Dinge gesehen oder erlebt hatten, war es Bill gewesen, der als erster den Mut aufgebracht hatte, darüber zu reden.
JenerDamm.
Jener verdammte Damm.
Er erinnerte sich an Victor Criss' höhnische Bemerkung am Tage zuvor: »Es war ein richtiger Kleinkinderdamm.«
Und einen Tag später hatte Ben Hanscom ihn und Bill angegrinst und gesagt:
»Wir könnten die ganzen Barrens überfluten, wenn wir wollten.«
2
Bill und Eddie schauten zweifelnd von Ben zu dem Zeug, das er mitgebracht hatte: einige Bretter (von Mr. McKibbons Hinterhof geklaut, aber das war nicht schlimm, denn Mr. McKibbons hatte sie vermutlich selbst von irgendeinem Hinterhof geklaut), einen Schmiedehammer und eine Schaufel.
»Ich weiß nicht so recht«, sagte Eddie vorsichtig und schaute dabei Bill an. »Als wir's gestern probiert haben, hat's nicht sehr gut geklappt. Die Strömung hat unsere Stöcke dauernd weggeschwemmt.«
»Diesmals wird's klappen«, versicherte Ben. Auch er schaute Bill an -bei Bill lag die letzte Entscheidung.
»Also, v-v-v-versuchen wir's«, sagte Bill, »Ich hab' h-heute morgen R-R-Richie Tozier angerufen. Er k-k-k-kommt später rüber, hat er gesagt. Vielleicht w-w-werden er und Stanley L-L-L-Lust haben, uns zu h-h-hel-fen.«
»Wer ist Stanley?«
»Stan Uris«, antwortete Eddie automatisch. Er schaute immer noch Bill an, der ihm heute irgendwie verändert vorkam - stiller, nicht mehr so begeistert von der Idee, einen Damm zu bauen. Bill sah heute bleich aus. Geistesabwesend.
»Ich glaube nicht, daß ich ihn kenne«, sagte Ben. »Geht er in die Fair-mount-Schule?«
»Er ist so alt wie wir, aber er hat erst die vierte Klasse abgeschlossen«, antwortete Eddie. »Er war als kleiner Junge sehr viel krank und ist deshalb ein Jahr später in die Schule gekommen. Wenn du glaubst, Big Ben, daß du gestern von Bowers und seinen Kumpanen ordentlich was abbekommen hast, müßtest du mal Stan sehen. Irgend jemand schikaniert ihn immer.«
»Er ist jü-jü-jüdisch«, erklärte Bill. »V-V-V-Viele Kinder m-m-mögen ihn deshalb nicht. Aber er ist o-okay.«
»Jüdisch?« fragte Ben. »Tatsächlich?« Er war beeindruckt, hauptsächlich, weil er nicht wußte, was ein Jude war. »Ist das so was Ähnliches wie türkisch sein?«
»Ich n-n-nehm's an«, sagte Bill. Er hob eines der Bretter auf, die Ben
mitgebracht hatte, und betrachtete es. Es war etwa sechs Fuß lang und drei Fuß breit. »M-M-Mein V-V-Vater sagt, die m-meisten Juden hätten große N-N-N-Nasen und einen Haufen G-G-Geld, a-a-a-...«
»Aber Stan hat eine ganz normale Nase, und er ist immer pleite«, warf Eddie ein.
»Genau«, sagte Bill grinsend.
Ben grinste.
Eddie grinste.
Sie standen am Bach, dort wo Criss und Huggins und Bowers am Vortag Bill und Eddie überrascht hatten; die Bretter, der Hammer und die Schaufel lagen um sie herum, und Eddie war plötzlich sicher, daß Bill im nächsten Moment etwas Ernstes sagen würde. Er schaute jetzt nämlich von Ben zu Eddie, ohne zu lächeln, und Eddie hatte plötzlich Angst.
Aber Bill erkundigte sich nur: »H-H-Hast du deinen A-A-Aspirator, E-Eddie?«
Eddie klopfte gegen seine Tasche. »Alles klar.«
»Sag mal, wie hat eigentlich die Sache mit der Schokoladenmilch geklappt?« fragte Ben plötzlich.
Eddies Angst verging wieder. »Großartig!« sagte er und lachte, und Ben stimmte in sein Lachen ein, während Bill sie verwirrt anschaute. Eddie erklärte ihm die Sache, und nun grinste auch Bill.
»E-E-Eddies M-M-Mutter hat A-Angst, daß er k-k-k-kaputtgeht und sie k-k-keine Rückzahlung für ihn b-bekommt«, sagte er.
Eddie schnaubte und tat so, als wollte er Bill in den Bach werfen.
»Sieh dich vor, Arschloch!« imitierte Bill täuschend ähnlich Henry Bowers. »Ich dreh' dir den Hals um, so daß du deinen Arsch betrachten kannst, wenn du ihn dir abwischst!«
Ben mußte so lachen, daß er sich auf den Boden fallen ließ und sich den Bauch hielt. Bill stand da, die Hände in den Hosentaschen, warf ihm einen Blick zu, lächelte ein wenig, wandte sich dann an Eddie und sagte, mit dem Kopf auf Ben deutend. »D-D-Der Junge ist nicht ganz d-d-d-dicht.«
»Ja«, stimmte Eddie zu, aber er spürte, daß sie nur so taten, als amüsierten sie sich gut. Etwas lag Bill auf der Seele. Na ja, vermutlich würde er es schon irgendwann ausspucken, wenn ihm danach zumute war. »Der Junge ist geistig zurückgeblieben.«
»Behindert«, kicherte Ben.
»W-W-Wirst du u-uns nun z-z-zeigen, w-wie man einen D-D-D-Damm baut, oder w-willst du den g-g-g-ganzen Tag auf deinem fetten H-H-Hin-tern rumsitzen?« fragte Bill.
Ben stand auf und betrachtete den Bach, der nicht besonders schnell dahinfloß. Er war nicht breit; sogar ein kleines Kind hätte von einer Seite zur anderen springen können, ohne nasse Füße zu bekommen. Aber der Bach war gestern trotzdem stärker gewesen als Bill und Eddie. Sie hatten beide nicht gewußt, wie sie die Strömung in den Griff bekommen konnten.
Ben wandte sich ihnen wieder zu, und Eddie dachte: Er weiß, wie man's machen muß - ich glaube, er weiß es wirklich.
»Okay«, sagte Ben. »Ihr solltet lieber eure Schuhe ausziehen, denn ohne nasse Füße wird's nicht abgehen.«
Sofort hörte Eddie im Geiste die Stimme seiner Mutter, resolut und überzeugt und ganz deutlich: Tu das ja nicht, Eddie, nasse Füße führen zu Erkältungen, und aus einer Erkältung kann leicht eine Lungenentzündung werden. Tu's nicht, Eddie!