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Bill und Ben saßen schon am Ufer und zogen Schuhe und Socken aus. Ben rollte umständlich seine Hosenbeine hoch. Bill schaute zu Eddie.

»K-K-Kommst du?«

»Klar«, sagte Eddie. Er setzte sich ans Ufer und zog ebenfalls Schuhe und Strümpfe aus, während seine Mutter, die immer gegenwärtig zu sein schien, in seinem Kopf unaufhörlich redete und predigte. Zu seiner großen Erleichterung wurde ihre Stimme aber allmählich immer schwächer, bis sie schließlich ganz verstummte.

3

Es war einer jener vollkommenen Sommertage, die man nie vergißt. Eine leichte Brise hielt die Moskitos fern. Der Himmel war strahlend blau, und die Temperatur bewegte sich so um die 70° Fahrenheit. Das Wasser im Bach war anfangs kalt, und Eddie mußte einmal seinen Aspirator benutzen, aber dann zog der Bau ihn so in seinen Bann, daß die Stimme seiner Mutter immer schwächer wurde... und als sie ganz verstummte, atmete er wieder normal. Der Bach plätscherte unermüdlich in seinem Bett aus glatten Kieselsteinen, und die Blätter der Bäume am Ufer rauschten angenehm. Ab und zu drehte der Wind nach Südwesten und trug von der Müllhalde einen beißenden Gestank zu ihnen herüber - donnerstags wurde immer der Abfall verbrannt - aber zum Glück passierte das selten.

Ganz in die Aufgabe vertieft, den Damm zu bauen, wurde Ben Hanscom, der am Vortag so unsicher und schüchtern gewesen war, zu einem selbstbewußten General, der ihnen genaue Anweisungen gab, was sie tun sollten. Ab und zu trat er ein paar Schritte zurück, betrachtete das Werk und murmelte etwas vor sich hin. Dabei fuhr er sich mit den Händen durch die Haare, und gegen elf Uhr standen sie nach allen Seiten wirr ab.

Zuerst zweifelte Eddie noch etwas am Gelingen des Werkes, aber dann überkam ihn Fröhlichkeit und schließlich ein seltsames Gefühl, das er in diesem Ausmaß noch nie verspürt hatte - ein Gefühl der Macht. Die Sache würde funktionieren, bei Gott - sie würde besser funktionieren, als Bill und er je zu träumen gewagt hätten.

Er sah, daß auch Bill mitgerissen wurde - zuerst war er noch nicht richtig bei der Sache gewesen, hatte noch über sein Problem nachgegrübelt, das ihn sehr zu beschäftigen schien, was immer es auch sein mochte, aber allmählich konzentrierte er sich dann hundertprozentig auf ihre Arbeit. Ein paarmal klopfte er Ben auf die dick gepolsterte Schulter und sagte ihm, er sei einfach phänomenal. Ben errötete jedesmal vor Freude.

Er wies Bill und Eddie an, eines der Bretter hochkant quer über den Bach zu schieben und festzuhalten, während er es mit dem Hammer ins Bachbett hineinrammte. »Du wirst es festhalten müssen, sonst wirft die Strömung es sofort wieder um«, erklärte er Eddie, und Eddie stellte sich folgsam in die

Bachmitte und hielt das Brett, während Bill und Ben ein zweites Brett zwei Fuß unterhalb des ersten anbrachten. Dann mußte Bill auf Bens Anweisung hin dieses zweite Brett halten, während er selbst den Zwischenraum mit Schlamm und Kieselsteinen aus dem Bachbett füllte.

»Wenn wir statt dieses Zeugs Zement hätten, dann müßten sie die ganze Stadt auf die Seite von Old Cape verlegen«, sagte Ben, während er ein wenig ausruhte. Bill und Eddie lachten, und Ben grinste ihnen zu. Wenn er lächelte, ließen seine Gesichtszüge ahnen, daß er einmal ein gutaussehender Mann sein würde.

Nach einer Weile wechselte Bill Ben beim Schaufeln ab, während Ben das untere Brett festhielt. Dann schaufelte Eddie, aber er kam schon nach kurzer Zeit völlig außer Atem, und Ben löste ihn wieder ab. Vor dem oberen Brett staute sich jetzt das Wasser, und Eddie wies darauf hin, daß ein Teil davon sich seitlich der Bretter einen neuen Weg bahnte.

»Darum werden wir uns später kümmern«, erklärte Ben so zuversichtlich, daß Eddie ganz beruhigt war.

Ben holte ein drittes Brett - das dickste der vier oder fünf, die er mühsam durch die Stadt geschleppt hatte - und lehnte es sorgfältig in einem bestimmten Winkel gegen das untere Brett.

»Okay«, sagte er mit einem prüfenden Blick auf sein Werk. Seine Jeans und sein weiter Sweater waren naß, die Jeans außerdem noch lehmbeschmiert. Auch in seinen Haaren war Lehm, den er mit seinen rastlosen Händen hineingerieben hatte. »Jetzt müßtet ihr eigentlich loslassen können. Die Füllung zwischen den Brettern und dieses schräge Brett müßten eigentlich dafür sorgen, daß der Damm dem Wasserdruck standhält.« »U-U-Und wenn n-nicht, werden w-wir dich 1-1-1-lynchen«, sagte Bill. »Okay«, meinte Ben.

Bill und Eddie ließen die Bretter los und traten ein Stück zur Seite. Ben geseilte sich zu ihnen. Die beiden Bretter, die den eigentlichen Damm bildeten, knarrten ein wenig, neigten sich ein bißchen... das war aber auch schon alles.

»Sagenhaft!« rief Eddie aufgeregt.

»Toll«, sagte Bill grinsend.

»Kommt, jetzt wollen wir erst mal was essen«, meinte Ben.

Sie saßen am Ufer, aßen, ohne viel zu reden, und beobachteten, wie das Wasser sich staute. Es bildete einen fast kreisförmigen Teich vor dem Damm, und noch bevor sie ihre Sandwiches und Süßigkeiten aufgegessen hatten, überflutete es die Ufer, trotz der Schleusen seitlich des Dammes. Funkelnde Bächlein flössen überall ins Gras und ins Gebüsch. Weiter oben ah der Bach irgendwie geschwollen aus - ein besserer Ausdruck fiel Eddie dafür nicht ein. Das fröhliches Blubbern und Plätschern von seichtem.Was-ser, das über Steine und Kies floß, war verstummt. Der Bach sah jetzt wie eine geschwollene graue Vene über einer Aderpresse aus.

Unterhalb des Dammes war das Bachbett fast leer; einige dünne Rinnsale in der Mitte - das war alles. Steine, die Gott weiß wie lange unter Wasser gewesen waren, trockneten - trockneten! - jetzt in der Sonne.

Wieder verspürte Eddie dieses unheimliche Machtgefühl. Sie hatten das fertiggebracht, drei kleine Jungen.

Ben legte seine leeren Tüten ordentlich in den Lunchbeutel, den er mitgebracht hatte. Eddie und Bill hatten nur so über die Riesenmengen gestaunt, die Ben verdrücken konnte; zwei Sandwiches mit Erdnußbutter und Gelee, ein Wurstbrot, ein hartgekochtes Ei (er hatte sogar daran gedacht, etwas Salz mitzubringen), zwei Päckchen Feigen, drei große Schokoladenplätzchen und einen Schokoriegel.

»Was hat deine Mutter gesagt, als sie gesehen hat, wie übel du zugerichtet warst?« fragte Eddie ihn.

»Hmmm?« Ben wandte seinen Blick von dem immer größer werdenden Teich vor dem Damm und rülpste leise hinter vorgehaltener Hand. »Oh, mittwochs kauft sie immer ein, und ich war vor ihr zu Hause und konnte mich noch saubermachen. Den Sweater hab' ich weggeworfen. Er war zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie wird das nicht merken, weil ich mindestens sechs Sweater habe, die alle völlig gleich aussehen.«

Eddie nickte. Der Sweater, den Ben heute anhatte, sah wirklich haargenau so aus wie der von gestern, einmal abgesehen davon, daß der gestrige nur noch aus Fetzen bestanden hatte, die von einem runden Strickkragen herabhingen.

»Ich w-würde in einem S-S-Sweater vor H-H-Hitze umkommen«, sagte Bill, nachdem er den letzten Bissen seines Sandwiches hinuntergeschluckt und sich die Hände an seinen Jeans abgewischt hatte.

Ben zögerte. Einen Augenblick sah es so aus, als würde er darauf nichts erwidern. Dann sagte er: »Wenn man fett ist, sind sie besser. Sweater, meine ich.«

»Wegen deines Bauches?« fragte Eddie.

Bill schnaubte. »Wegen deiner B-B-B-...«

»Ja, wegen meiner Brüste«, sagte Ben ein wenig herausfordernd. »Na und?«

Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, dann sagte Eddie: »Mir gefällt nicht, wie das Wasser an den Seiten des Damms aussieht.«

Er deutete auf die Stelle, wo das Wasser an den Brettern vorbeifloß; es war trübe und schlammig.

»Oh, verdammt!« rief Ben und sprang auf. »Die Strömung holt unsere Füllung raus! Ich wollte, wir hätten Zement!«

Wie sich herausstellte, war der Schaden bisher nicht groß, aber sogar Eddie konnte sehen, was passieren würde, wenn nicht jemand fast ständig neues Füllungsmaterial hineinschaufeln würde: Erosion würde zuletzt dazu führen, daß das obere Brett umkippen, gegen das zweite stoßen und damit alles zum Einsturz bringen würde. Wie bei einer dieser Maschinen von Rübe Goldberg.