»Wir können das aber verhindern, indem wir die Seiten befestigen«, sagte Ben.
»Wenn wir Lehm verwenden, wird er auch einfach weggeschwemmt«, erwiderte Eddie.
»Keinen Lehm. Rasenstücke.«
Bill nickte, lächelte und machte ein O mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. »Also 1-1-los. Ich steche sie aus, und du z-z-zeigst mir, wohin ich sie legen muß, Big B-B-Ben.«
Von hinten ertönte plötzlich eine Stimme: »Mein Goooott, sie verlegen das Schwimmbad in die Barrens!«
Eddie drehte sich um, wobei er bemerkte, wie Ben sich beim Klang der fremden Stimme sofort wieder versteifte, wie seine Lippen zu einer dünnen Linie wurden. Über ihnen, ein Stückchen bachaufwärts, auf dem Pfad, den Ben am Vortag gekreuzt hatte, standen Richie Tozier und Stanley Uris.
4
Einige Stunden später war der Damm fertig. Die fünf Jungen saßen jetzt viel höher auf der Uferböschung und betrachteten von dort ihr Werk. Sogar Ben konnte es kaum glauben. Er verspürte bei aller Müdigkeit eine tiefe Befriedigung, die aber mit leichtem Unbehagen vermischt war. Er mußte unwillkürlich an >Fantasia< denken, wo Mickey zwar gewußt hatte, mit welchen Zauberworten er den Besen in Bewegung setzen konnte, wo seine Macht jedoch nicht ausgereicht hatte, um diesen wieder stillstehen zu lassen.
»Unglaublich«, sagte Richie Tozier leise.
Eddie warf einen Blick zu ihm hinüber, aber diesmal zog Richie keine seiner Nummern ab; seine Augen hinter den dicken Brillengläsern hatten einen nachdenklichen, fast feierlichen Ausdruck.
Die Stelle, wo Eddie, Ben und Bill ihr Mittagessen verzehrt hatten, stand jetzt unter Wasser. Auf der anderen Seite des Baches hatten sie eine Marschlandschaft geschaffen. Dornenbüsche und Farne standen fußtief unter Wasser, und sogar, während sie hier saßen, konnten sie beobachten, wie die Marsch sich nach Westen ausbreitete. Weiter oben sah der Bach immer noch geschwollen aus.
Gegen zwei Uhr hatte das gestaute Wasser den oberen Rand der Bretter erreicht, und alle außer Ben waren zu einer Expedition zur Müllhalde aufgebrochen, um weitere Bretter zu organisieren. Ben hatte unterdessen methodisch Lecke an den Seiten mit Rasenstücken gestopft, ohne sich um das über den oberen Bretterrand fließende Wasser zu kümmern. Die vier Müllmänner waren nicht nur mit Brettern zurückgekehrt, sondern auch mit vier kaputten Reifen und der rostigen Tür eines 1949er Hudson Hörnet. Unter Bens Anleitung hatten sie sodann einen zweiten, höheren Damm unterhalb des ersten errichtet, der inzwischen total überflutet war.
»Du bist ein Genie, Ben«, sagte Richie jetzt.
Ben lächelte. »So schwer war's nun auch wieder nicht«, sagte er bescheiden.
»Ich hab' ein paar Winstons«, verkündete Richie. »Wer möchte eine?« Er holte eine zerknitterte Packung aus der Tasche und bot reihum Zigaretten an. Eddie dachte an sein Asthma und lehnte ab. Stan ebenfalls. Bill nahm eine, und auch Ben griff nach kurzem Zögern zu. Richie zog ein Streichholzhefchen mit der Aufschrift röi-tan heraus und zündete zuerst Bens, dann Bills Zigarette an. Als er gerade auch seine eigene anzünden wollte, blies Bill das Streichholz aus.
»Danke vielmals, Denbrough, du Trottel!« rief Richie.
Bill lächelte entschuldigend. »D-D-Drei mit einem Streichholz b-b-bringt U-Unglück.«
»Ein Unglück war für deine Leute der Tag deiner Geburt«, sagte Richie liebenswürdig und zündete seine Zigarette mit einem neuen Streichholz an. Er blinzelte Ben zu, der ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Vorsicht betrachtete.
Eddie konnte das gut verstehen. Er kannte Richie nun schon seit vier Jahren, kannte sich mit ihm aber immer noch nicht richtig aus. Er wußte, daß Richie in allen Schulfächern gute Noten hatte - hauptsächlich As und Bs -, aber im Betragen regelmäßig ein C oder D bekam. Er konnte anscheinend nicht stillsitzen, und noch weniger konnte er seinen Mund halten. Hier unten in den Barrens brachte ihn das nicht in Schwierigkeiten, aber in der größeren Welt von Derry hatte er dadurch jede Menge Probleme - sowohl mit Erwachsenen, was schlimm war, als auch mit Burschen wie Henry Bowers, was noch viel schlimmer war.
Sein heutiger Auftritt war dafür ein perfektes Beispiel gewesen: er war aufgeregt den Pfad hinabgesaust, während Stan Uris ihm gemächlicher folgte. Als Richie Ben Hanscom gesehen hatte, war er auf die Knie gefallen und hatte eine Reihe tiefer Verbeugungen gemacht, mit ausgestreckten Armen, die jedesmal im Schmutz landeten. Gleichzeitig hatte er mit einer seiner stimmen geredet.
Eddie wußte, daß Richie etwa ein Dutzend verschiedener Stimmen hatte. An einem regnerischen Nachmittag, als sie über der Garage der Kaspbraks Comics gelesen hatten, hatte er Eddie anvertraut, daß er den Ehrgeiz hatte, der größte Bauchredner der Welt zu werden; besser noch als Edgar Bergen. Eddie befürchtete allerdings, daß er Probleme mit der Verwirklichung dieses Wunschtraums haben würde. Erstens klangen sämtliche Stimmen Ri-chies nämlich sehr nach Richie Tozier (was nicht ausschloß, daß Richie manchmal wirklich komisch sein konnte). Zweitens bewegte er beim Bauchreden die Lippen. Nicht nur ein bißchen, sondern sehr stark. Und drittens, wenn Richie erklärte, er werde jetzt seine Stimme verlagern, so kam sie danach doch immer noch aus seinem Mund und nirgendwo sonst her. Die meisten von Richies Freunden waren zu taktvoll - oder zu verwirrt von Richies manchmal bezauberndem, oft aber anstrengendem Charme -, um ihn auf diese kleinen Mängel hinzuweisen.
Während er sich wie wahnsinnig vor dem total verwirrten und verlegenen Ben verbeugte, redete Richie mit seiner - wie er das nannte - >Nigger-Jim~Stimme<.
»Jesses, das ist ja Haystack Calhoun!« schrie er. »Fall nicht auf mich, Hay-stack! Du wirst mich zu Mus zerquetschen, wenn du's tust! Jesses, 300 Pfund wabbelndes Fleisch, 88 Zoll von Titte zu Titte, Haystack riecht wie Pantherschitte! Ich tu' alles, was du willst, Haystack, nur fall nicht auf mich armen schwarzen Boy!«
»M-M-Mach dir nichts d-d-draus«, sagte Bill zu Ben. »So ist R-R-R-Richie nun mal. Er ist v-v-verrückt.«
Richie sprang auf. »Ich hab's vernommen, Denbrough. Du solltest lieber abhauen, sonst schmeiß' ich Haystack auf dich drauf.«
»Der b-b-beste Teil von dir ist am B-B-Bein deines V-Vaters runtergelaufen«, sagte Bill.
»Stimmt«, sagte Richie. »Wie geht's, Haystack? Richie Tozier.« Er streckte seine Hand aus. Total verwirrt wollte Ben ihm die Hand schütteln, aber Richie zog sie im letzten Moment zurück. Ben errötete. Richie ließ sich davon nun doch erweichen und reichte ihm die Hand.
»Ben Hanscom«, stellte Ben sich vor.
»Ich hab' dich in der Schule schon gesehen«, sagte Richie. Er deutete auf den Teich. »Das muß deine Idee gewesen sein. Diese Trottel da könnten nicht mal einen Feuerwerkskörper mit einer brennenden Pechfackel zünden!«
»Du solltest nur für dich selbst sprechen«, sagte Eddie. »Ben hat uns gezeigt, wie man's machen muß, das stimmt.«
»Gute Arbeit.« Richie drehte sich um und entdeckte Stan, der immer noch hinter ihm stand. Er war schlank, dunkelhaarig und still. »Das da ist Stan Uris. Stan ist ein Jude. Er hat Christus umgebracht - zumindest hat mir Victor Criss das einmal erzählt. Seitdem halte ich mich immer an Stan. Wenn er nämlich so alt ist, sollte er uns eigentlich ein paar Bierchen spendieren können. Stimmt's, Stan?«
»Ich nehm' an, daß das mein Vater getan haben muß«, sagte Stan ruhig, und über diese Bemerkung mußten sie alle - einschließlich Ben - schallend lachen. Eddie lachte, bis er keine Luft mehr bekam.
»Ein toller Witz!« schrie Richie und stolzierte mit ausgebreiteten Armen umher. »Stan Uris läßt einen guten Witz los! Ein historischer Augenblick!«