»Hi«, sagte Stan.
»Hallo«, erwiderte Ben.
»Ich sag's nicht gern, aber es sieht ganz so aus, als würdest du deinen Damm verlieren«, rief Richie. »Das Tal wird bald überflutet sein. Frauen und Kinder zuerst!«
Und ohne sich die Mühe zu machen, seine Turnschuhe auszuziehen oder seine Jeans hochzukrempeln, sprang er ins Wasser und begann, Grasstücke seitlich des Damms festzudrücken, wo die beharrliche Strömung wieder die Füllung auszuwaschen versuchte. Ein Stück Pflaster stand an der geflickten Stelle seines Brillengestells ab. Bill fing Eddies Blick auf, lächelte ein wenig und zuckte mit den Schultern. Eddie zuckte ebenfalls die Achseln. Es war eben Richie. Er konnte einen zur Verzweiflung bringen... aber es war trotzdem schön, wenn er mit von der Partie war.
Die nächste Stunde war mit Arbeiten am Damm schnell verstrichen. Ri-chie befolgte Bens schüchterne Kommandos mit überraschender Bereitwilligkeit, führte seine Aufgaben mit irrsinniger Geschwindigkeit aus und meldete sich sofort wieder zur Stelle, um neue Befehle entgegenzunehmen. Er war schon nach kürzester Zeit von der Taille abwärts völlig durchnäßt. Von Zeit zu Zeit hänselte er die anderen mit einer seiner Stimmen: der deutsche Kommandant, der Senator aus den Südstaaten, der Wochenschausprecher im Kino.
Die Arbeit hatte rasche Fortschritte gemacht. Und nun, während sie am Ufer saßen, schien der Bach völlig eingedämmt zu sein. Die Autotür bildete den dritten Dammabschnitt, abgestützt durch einen Riesenwall aus Lehm
und Steinen. Bill, Ben und Richie rauchten; Stan lag auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und blickte zum Himmel empor. Eddie saß einfach da; er fühlte sich angenehm müde und lethargisch und zufrieden. Er hatte die tollsten Freunde, die ein Junge sich nur wünschen konnte. Sie fühlten sich zusammen wohl. Besser konnte er die allgemeine Stimmung nicht beschreiben.
Er schaute zu Ben hinüber, der seine halbgerauchte Zigarette linkisch hielt und häufig ausspuckte, als sage ihm der Geschmack nicht besonders zu. Dann drückte er sie verstohlen aus und vergrub sie. Als er bemerkte, daß Eddie ihn beobachtet hatte, schaute er verlegen zur Seite.
Eddies Blick schweife weiter, und etwas in Bills Gesicht weckte sein Unbehagen. Bill blickte über das Wasser hinweg auf die Bäume und Büsche am anderen Ufer; seine blauen Augen waren sehr nachdenklich. Sein Gesicht hatte einen grübelnden Ausdruck, und Eddie dachte, daß Bill richtig gequält aussah.
Als hätte er seine Gedanken gelesen, blickte Bill plötzlich zu ihm hinüber. Eddie lächelte, aber Bill erwiderte sein Lächeln nicht. Er drückte seine Zigarette aus und schaute in die Runde. Sogar Richie war verstummt und hing seinen eigenen Gedanken nach, die Knie bis zum Kinn hochgezogen, die Arme um die Schienbeine geschlungen.
Eddie fiel plötzlich ein, daß Bill selten etwas Wichtiges sagte, es seidenn, daß es völlig still war- das lag daran, daß ihm das Sprechen so schwerfiel. Und Eddie wünschte auf einmal, daß ihm selbst irgendeine geistreiche Bemerkung einfiele, oder daß Richie etwas in einer seiner Stimmen von sich gäbe, denn er war sicher, daß Bill jeden Moment seinen Mund aufmachen und etwas Schreckliches sagen würde. Etwas, das er absolut nicht hören wollte.
Er hatte plötzlich Angst. Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Trotzdem hatte er Angst. Instinktiv tastete er nach seinem Aspirator. Das zylinderförmige Ding in seiner rechten Vordertasche übte auf ihn eine beruhigende Wirkung aus.
»K-K-Kann ich euch etwas erzählen?« fragte Bill.
Sie schauten ihn alle an. Laß einen Witz los, Richie, dachte Eddie. Mach irgendeinen Witz, sag irgend etwas verdammt Abscheuliches, verwirr ihn, bring ihn
zum Schweigen. Ich will es nicht hören. Was immer es auch sein mag, ich will es
nicht hören!
Aber Richie sagte nur: »Na klar, Big Bill. Was ist los?«
Bill öffnete den Mund (Eddies Angst wurde noch größer), schloß ihn (Eddie war erleichtert), öffnete ihn wieder (neue Angst).
»W-W-Wenn ihr 1-1-1-lacht, w-w-w-werde ich nie w-w-wieder mit euch r-r-r-r-reden«, sagte Bill. »Es hört sich v-v-verrückt an, aber es ist w-w-wirk-lich passiert, das sch-sch-schwöre ich.«
»Wir werden nicht lachen«, sagte Ben. Er blickte in die Runde. »Oder?« Stan schüttelte den Kopf, Richie ebenfalls. Auch Eddie schüttelte den Kopf, obwohl er am liebsten gerufen hätte: Doch, Billy, wir werden lachen und sagen, du seist ein Riesendummkopf also halt lieber gleich die Klappe! Aber Bill war sein Freund, und er konnte ihm nicht etwas so Abscheuliches sagen. Also schüttelte er langsam den Kopf. Er hatte das Gefühl, als würden starke, aber unsichtbare Hände seinen Kopf bewegen.
Und während sie so über der Dammanlage saßen, die sie nach Bens Anleitung gebaut hatten, und von Bills Gesicht zum aufgestauten Wasser und wieder zurück in sein Gesicht blickten, erzählte Bill ihnen, was ihm am Vorabend passiert war. Er erzählte ihnen, daß seine Eltern - hauptsächlich seine Mutter - in Georges Zimmer nichts verändert hatten, seit George getötet worden war (»erm-m-m-mor-det«, brachte Bill mühsam hervor, in abgehackten Sprachfetzen). Er erzählte ihnen, daß er Angst hatte, dorthin zu gehen, daß er aber trotzdem manchmal hinging, um sich an Georgie zu erinnern. Und zuletzt erzählte er ihnen, wie Georgies Schulfoto sich bewegt und ihm zugeblinzelt hatte, und wie das Album geblutet hatte, als er es durchs Zimmer schleuderte.
Es war eine lange, qualvolle Erzählung, und noch bevor Bill zum Schluß kam, hatte er ein hochrotes Gesicht und schwitzte. Eddie hatte ihn noch nie so schlimm stottern gehört.
Zuletzt war er aber doch fertig und schaute sie der Reihe nach an, herausfordernd und zugleich ängstlich. Eddie sah auf allen Gesichtern den gleichen Ausdruck: eine Art feierlichen Ernst - und Angst. Niemand schaute ungläubig drein. Eddie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte gebrüllt: 'Was für eine verrückte Geschichte! Du glaubst doch wohl nicht im Ernst daran, Bill? Schulfotos können nicht blinzeln oder bluten! Du mußt den Verstand verloren haben, Bill!
Aber er tat es nicht. Denn die Gesichter der anderen drückten nicht nur Ernst und Angst aus. Ben blickte zum Wasser hinüber und sah richtiggehend krank aus. Stan preßte sich eine Hand vor den Mund. Seine Augen waren riesig. Richie rauchte wieder eine Zigarette, und seine Hand zitterte.
Es war nicht nur feierlicher Ernst. Nicht nur Angst. In ihren Gesichtern stand ein Wiedererkennen geschrieben, so als hätten sie die Geschichte schon gekannt, noch bevor Bill sie erzählt hatte.
Was aber noch schlimmer war - Eddie wußte, daß er selbst den gleichen Gesichtsausdruck hatte, und er dachte an die Neibolt Street 29. An das Haus am Güterbahnhof. Alt, mit halbverfallener Veranda und verwildertem Rasen. Ein altes Dreirad, rostig und umgestürzt, lag in diesem hohen Gras, und nur ein Rad schaute noch heraus.
Aber links von der Veranda war eine große kahle Stelle im Rasen, und man konnte die Kellerfenster sehen, klein und schmutzig, in die dreckigen Mauern eingelassen.
m einem dieser Fenster hatte Eddie zum erstenmal das Gesicht des Aussätzigen gesehen, vor weniger als sechs Wochen.
5
Manchmal, wenn Eddie niemanden hatte, mit dem er samstags spielen konnte, begab er sich zum Güterbahnhof draußen an der Neibolt Street. Er fuhr mit dem Rad die Witcham Street entlang und bog dann nach Nordwesten ab. Die Christian Day School, die normalerweise nur Neibolt-Schule genannt wurde, stand hier draußen, an der Ecke Neibolt Street und Route 2. Es war ein etwas schäbiges, aber sauberes Fachwerkhaus mit einem gro-
ßen Kreuz auf dem Dach, und über der Eingangstür stand in vergoldeten Lettern: lasset die kinder zu mir kommen. Manchmal hörte Eddie samstags, daß dort Harmonium gespielt und dazu gesungen wurde - flotte Gospelmusik, von der Eddie kaum glauben konnte, daß es sich dabei um religiöse Lieder handelte. Manchmal stellte er dann sein Rad auf der anderen Straßenseite ab, setzte sich unter einen Baum und tat so, als lese er dort, während er in Wirklichkeit dieser Musik lauschte.