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An anderen Samstagen fuhr er direkt zum Güterbahnhof am Ende der Neibolt Street und beobachtete die Züge. Seine Mutter hatte ihm erzählt, daß hier früher ein richtiger Bahnhof - Neibolt Station - gewesen war, wo Fahrgäste abfahren und ankommen konnten, aber damit war so um das Jahr 1950 herum Schluß gewesen. »In nördlicher Richtung konnte man nach Browncville fahren«, hatte sie erzählt, »und von dort konnte man quer durch ganz Kanada fahren, wenn man wollte, bis zum Pazifik. In südlicher Richtung konnte man nach Portland und Boston fahren, und am Bostoner South Station stand einem dann das ganze Land offen, Eddie. Aber die Passagierzüge dürfen jetzt passe sein, Das Auto ist ihr Tod. Vielleicht wirst du nie mit einem Zug fahren.«

Aber immer noch fuhren Züge durch Derry, lange Güterzüge, auf dem Weg nach Süden beladen mit weichem Holz, Kartoffeln und Papier, auf dem Weg nach Norden beladen mit allen möglichen Waren für Bangor, Mil-linocket und Presque Isle. Besonders liebte Eddie die langen Autozüge mit den unzähligen funkelnden Fords oder Chevrolets. Eines Tages werde ich ein solches Auto haben, schwor er sich. Ein funkelnagelneues. Vielleicht sogar einen Cadillac!

Güter für Derry wurden hier abgeladen, manchmal direkt in bereitstehende Lastwagen, manchmal in die Wellblech-Lagerhäuser neben Gleis 1. Ingesamt waren es sechs Gleise, die hier zusammenliefen wie die Fäden eines Spinnennetzes in der Mitte: die Bangor- und die Great Northern-Linie von Norden her, die Great Southern und die Western Maine von Westen her, die Boston und die Maine von Süden her und die Southern Seacoast von Osten her.

Eines Tages, als Eddie am Ende des Bahnhofs am Gleis der Southern Seacoast gestanden war - das war 1956 gewesen, vor zwei Jahren -, hatte ein betrunkener Eisenbahner, der in der geöffneten Tür eines langsam fahrenden Güterwaggons stand, eine Lattenkiste herausgeworfen, in der sich etwas bewegte. »Letzte Fahrt, Junge!« brüllte er, und der Hals der flachen braunen Flasche, die aus seiner Jackentasche herausschaute, funkelte in der Sonne. »Bring sie heim zu deiner Mutter! Mit besten Grüßen von der verfluchten Southern Seacoast-Linie.« Er lehnte sich bei diesen letzten Worten weit hinaus, weil der Zug nun schneller fuhr, und einen Moment lang befürchtete Eddie, daß er herausfallen würde.

Dann verschwand der Zug außer Sichtweite. Eddie beugte sich über die Kiste. Er hatte Angst, ihr zu nahe zu kommen. Dort drin war etwas Lebendiges, etwas Schlüpfriges, Kriechendes. Bring sie heim zu deiner Mutter, hatte der Eisenbahner gerufen. Eddie klaute ein Stück Schnur aus einem der leeren Lagerhäuser und band die Kiste auf seinem Gepäckträger fest. Seine Mutter öffnete sie vorsichtig und stieß einen Schrei aus - nicht vor

Angst, sondern vor Freude. Vier Hummer lagen in der Kiste, große Zweipfünder mit zusammengebundenen Scheren. Sie kochte sie zum Abendessen und ärgerte sich, daß Eddie nichts davon essen wollte.

»Was glaubst du, was die Rockefellers heute abend essen?« fragte sie empört. »Das gleich wie wir! Nun komm schon, Eddie, probier mal!«

Aber Eddie konnte nicht. Er mußte dauernd an jene kriechenden, schlüpfrigen Geräusche in der Kiste denken. Seine Mutter schickte ihn daraufhin früh zu Bett, und er hörte, wie sie ihre Freundin Eleanor Dunton anrief. Eleanor kam herüber, und die beiden Frauen stopften sich mit kaltem Hummersalat voll. Als Eddie am nächsten Morgen aufstand, um zur Schule zu gehen, schnarchte seine Mutter noch und furzte häufig, was sich anhörte wie tiefe Klarinettentöne. Die Schüssel mit dem Hummersalat war leer, bis auf winzige Reste Mayonnaise.

Das war der letzte Zug der Southern Seacoast gewesen, den Eddie je gesehen hatte, und als er später Mr. Braddock, den Bahnhofsvorsteher, sah, fragte er ihn zögernd, was passiert sei. »Sie hat Pleite gemacht, weiter nichts«, sagte Mr. Braddock. »Liest du keine Zeitungen, Junge? So was passiert jetzt im ganzen Land. Und jetzt mach, daß du hier wegkommst. Hier ist nicht der richtige Ort für Kinder.«

Von nun an spazierte Eddie manchmal entlang der Gleise der Southern Seacoast - Gleis 4 -, die nach Osten führten, in Städte, die ein Schaffner mit monotoner Stimme in seinem Kopf auszurufen schien, Namen mit magischem Klang: Camden, Rockport, Bar Harbor, Wiscassett, Bath, Portland, Ogunquit, the Berwicks; er lief an den Gleisen entlang, bis er müde wurde, und es machte ihn traurig zu sehen, daß zwischen den Schwellen Unkraut wucherte. Einmal hatte er aufgeschaut und Möwen gesehen (vermutlich waren es nur fette, alte, bequeme Möwen gewesen, denen das Meer scheißegal war, aber daran hatte er damals nicht gedacht), die über seinem Kopf umherschwirrten und schrien, und der Klang ihrer Stimmen hatte ihm Tränen in die Augen getrieben, als müsse er um etwas Unwiederbringliches trauern.

Früher hatte es einmal am Bahnhofseingang von der Neibolt Street her ein Tor gegeben, aber es war bei einem heftigen Wintersturm vor Jahren umgestürzt, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, es zu reparieren. Eddie konnte kommen und gehen, wie es ihm beliebte, obwohl Mr. Braddock ihn wegjagte, sobald er ihn - oder irgendein anderes Kind - sah und obwohl manchmal Lastwagenfahrer hinter ihm herliefen (aber nie sehr weit); ab und zu empfahl es sich auch, den Lagerhäusern nicht zu nahe zu kommen, wenn ein Militärzug irgendwelches Zeug abgeladen hatte. Das kam aber nicht oft vor. Die meisten Militärzüge fuhren bis Bangor durch. Es gab auch ein Pförtnerhäuschen am Eingang zum Bahnhofsgelände, aber es war leer, die Scheiben waren mit Steinen eingeworfen. Seit 1950 oder so gab es hier keine Aufsicht mehr. Nur nachts machte ein Wachmann vier- oder fünfmal in seinem alten Studebaker die Runde.

Manchmal hielten sich hier Vagabunden und Landstreicher auf. Wenn Eddie vor etwas Angst hatte, so vor diesen Männern mit unrasierten Wangen und rissigen Lippen und Blasen und Frostbeulen; sie fuhren ein Stück mit den Güterzügen, blieben dann eine Zeitlang irgendwo und fuhren wieder weiter. Manchmal fehlten ihnen Finger. Meistens waren sie betrunken. Eines Tages war einer dieser Landstreicher unter der Veranda des Hauses am Ende der Neibolt Street hervorgekrochen und hatte Eddie das Angebot gemacht, ihn für einen Vierteldollar fliegen zu lassen. Eddie war erschrok-ken zurückgewichen, mit eiskalter Haut und trockenem Mund. Ein Nasenloch des Landstreichers war vom Aussatz zerfressen gewesen. Man konnte direkt in den roten, schorfigen Kanal sehen.

»Ich habe keinen Vierteldollar«, sagte Eddie und bewegte sich rückwärts auf sein Rad zu.

»Ich tu's auch für zehn Cent«, krächzte der Landstreicher und kam auf Eddie zu. Er trug alte grüne Hosen mit gelben Flecken im Schritt. Er versuchte zu grinsen. Aber das Schlimmste war diese rote zerfressene Nase.

»Ich... ich hab' keine zehn Cent«, stammelte Eddie und dachte plötzlich: O mein Gott, er hat Lepra! Wenn er mich berührt, steckt er mich an! Er drehte sich um und rannte auf sein Fahrrad zu, und er hörte, daß der Landstreicher schlurfend hinter ihm herrannte.

»Komm zurück, Junge!« krächzte er. »Ich mach's umsonst. Komm zurück!«

Eddie sprang auf sein Rad. Er keuchte und bekam kaum noch Luft. Trotzdem trat er in die Pedale und fuhr los, aber plötzlich schwankte das Fahrrad, weil der Landstreicher versucht hatte, es am Gepäckträger festzuhalten. Eddie warf einen Blick über seine Schulter und sah, daß der Mann ihn verfolgte und nur wenige Schritte vom Hinterrad entfernt war (er holte immer mehr auf!). Er bleckte seine schwarzen Zahnstummel, und sein Gesichtsausdruck konnte sowohl Verzweiflung als auch Wut bedeuten.