Trotz seines Asthmaanfalls radelte Eddie immer schneller; er rechnete damit, daß eine der rauhen, trockenen Hände des Landstreichers ihrt jeden Moment am Arm packen, vom Rad zerren und in den Straßengraben werfen würde, wo ihm dann Gott weiß was passieren würde. Er wagte erst, sich umzuschauen, als er schon an der Neibolt-Schule vorbei über die Kreuzung der Route 2 gesaust war. Der Landstreicher war verschwunden.
Eddie behielt dieses schreckliche Erlebnis fast eine Woche für sich und vertraute es dann Richie und Bill an, als sie eines Tages über der Garage Comics lasen.
»Er hatte nicht Lepra, du Dummkopf«, sagte Richie. »Der Kerl hatte Syphilis.«
Eddie schaute fragend zu Bill hinüber, um festzustellen, ob Richie ihn aufzog - er hatte das Wort Syphilis noch nie gehört; es klang so, als hätte Richie es eben erfunden - aber Bill nickte ernst.
»Was ist Syphilis?« fragte Eddie.
»Eine Krankheit, die Frauen haben«, erklärte Richie. »Du weißt doch übers Picken Bescheid, oder?«
»Na klar«, sagte Eddie und hoffte nur, daß er dabei nicht errötete. Er wußte, wenn man älter wurde, kam irgendein Zeug aus dem Penis heraus, wenn er steif war. Nach Aussage eines Jungen aus der Schule namens Frank Frick mußte man dazu den Schwanz am Bauch des Mädchens reiben, bis man >das Gefühl bekam<. Als Eddie gefragt hatte, was das bedeutete, hatte Frank nur geheimnisvoll den Kopf geschüttelt. Wenn du >das Gefühl
bekommst<, wirst du's wissen, hatte Frank gesagt, und dann hatte er weiter erklärt. Nachdem man also >das Gefühl bekam<, kam dieses Zeug aus dem Penis heraus. Die meisten Jungs nannten das: >Kommen<, sagte Frank, aber sein großer Bruder hatte ihm gesagt, das richtige wissenschaftliche Wort dafür sei Saft. Und diesen Saft mußte man in den Bauchnabel des Mädchens schießen, und dann wanderte er ihm den Magen runter und machte ein Baby. Gefällt das den Mädchen, hatte Eddie bestürzt gefragt. Ich nehm's an, hatte Frank erwidert, aber er hatte selbst ein bißchen verwirrt ausgesehen.
»Okay«, sagte Richie. »Manche Frauen haben jedenfalls diese Krankheit. Die Syphilis. Und ein Mann kann sie bekommen, wenn er sie fickt. Dann fängt er an zu verfaulen. Die Nase verschwindet als erstes. Manchen Burschen, die Syph haben, fallen die Nasen einfach ab. Und dann die Schwänze.«
»B-B-B-B-Bitte«, sagte Bill. »Ich habe g-g-gerade g-g-gegessen.«
»He, Mann, das ist Wissenschaft!« rief Richie.
»Was ist denn dann der Unterschied zwischen Lepra und Syphilis?« fragte Eddie.
»Lepra kann man nicht vom Ficken bekommen«, erwiderte Richie prompt und brach in ein Gelächter aus, das weder Bill noch Eddie verstanden.
Von jenem Tag an hatte das Haus am Ende der Neibolt Street - Nummer 29 - Eddies Fantasie immer mehr beschäftigt. Wenn er den verwilderten Garten und die eingesunkene Veranda und die mit Brettern vernagelten Fenster betrachtete, geriet er in den Bann einer krankhaften Faszination. Und vor knapp sechs Wochen hatte er sein Fahrrad am Straßenrand abgestellt (der Gehweg endete vier Häuser weiter vorne) und war durch das Gras zur Veranda gegangen.
Sein Herz hatte laut in seiner Brust geklopft, und sein Mund war wieder ganz trocken gewesen - als er Bills Geschichte von dem schrecklichen Foto hörte, dachte er, daß er bei seinem Erlebnis ganz ähnliche Gefühle gehabt hatte wie Bill, als dieser ins Zimmer seines toten Bruder George ging. Er hatte das Gefühl gehabt, nicht aus freiem Willen zu handeln, sondern unter Zwang.
Das stille Haus kam immer näher.
Vom Bahnhof hörte man schwach das Rattern einer Diesellok und das metallische Zusammenprallen von Puffern. Dort wurden wohl Waggons auf Nebengleise rangiert, andere wiederum angekoppelt. Man stellte einen Zug zusammen.
Er griff nach seinem Aspirator, aber seltsamerweise bekam er keinen Asthmaanfall wie an dem Tag, als er vor dem Landstreicher mit der zerfressenen Nase geflohen war. Er hatte nur das Gefühl, in ein schreckliches schwarzes Loch der Angst zu fallen.
Er schaute unter die Veranda. Es waren keine Landstreicher da - sie sprangen hauptsächlich im Herbst in Derry aus den Zügen, wenn sie wußten, daß sie auf den abgelegenen Farmen Tagesjobs wie Äpfel oder Kartoffeln ernten bekommen konnten. Aber es gab jede Menge Indizien dafür, daß sie hier gewesen waren. Leere Flaschen - Whisky, Bourbon und Wein -schimmerten im gelben Unkraut. Eine alte Wolldecke lag an der Ziegelmauer des Hauses wie ein toter Hund. Da lag auch zerknülltes Zeitungspapier und ein alter Schuh; er stank nach Abfällen. Der ganze Boden war mit einer dicken Schicht welker Blätter bedeckt.
Eddie wollte nicht unter die Veranda kriechen, tat es aber doch. Sein Herz pochte jetzt so laut, daß ihm der Kopf dröhnte und weiße Lichtfunken vor seinen Augen flimmerten.
Unter der Veranda war der Gestank noch schlimmer - nach Fusel, Schweiß, Schimmel und Laub. Die welken Blätter raschelten nicht einmal unter seinen Händen und Knien. Die Zeitungen seufzten. Ich bin ein Landstreicher, stellte Eddie sich vor. Ich fahre als blinder Passagier kreuz und quer durchs Land. Hab' kein Geld, hab' kein Heim. Aber ich hab' eine Flasche und einen Dollar und einen Platz zum Schlafen. Diese Woche werde ich Äpfel ernten und nächste Woche Kartoffeln, und wenn der Frost einsetzt, wenn der Frost die Erde verschließt wie Geld in einer Stahlkammer, dann springe ich auf einen Zug, setze mich in die Ecke eines leeren Waggons, der nach Zuckerrüben riecht, trinke etwas, esse etwas, und früher oder später gelange ich nach Portland oder Boston, und wenn ich nicht von einem der Bahnhofsbullen geschnappt werde, springe ich auf einen anderen Zug und fahre in den Süden, und dort pflücke ich Zitronen, Limonen oder Orangen. Wenn ich aber wegen Landstreicherei aufgegriffen werde, baue ich Straßen, auf denen Touristen fahren können. Ich bin nur ein einsamer alter Vagabund, hab' kein Geld, hob' kein Heim, aber etwas habe ich doch. Ich habe eine Krankheit, die mich auffrißt, meine Haut bricht auf, ich spüre, wie's mir immer schlechter geht, sie frißt mich von innen her auf und...
Er packte die alte Wolldecke vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger, schnitt eine Grimasse, weil sie vor Dreck starrte und stank und zog sie ein Stück zur Seite. Dahinter kam eines der kleinen Kellerfenster zum Vorschein; eine Scheibe war zerbrochen, die andere so schmutzig, daß sie undurchsichtig war. Eddie beugte sich vor; die Faszination war jetzt so stark, daß er sich fast wie hypnotisiert vorkam. Er kroch näher an jene Dunkelheit heran, die nach Alter und Moder und Trockenfäule roch, kroch immer näher an das schwarze Rechteck heran, und er wäre mit Sicherheit gefangen worden, wenn nicht sein Asthma ihn plötzlich überfallen und ihm die Brust mit einem schmerzlosen, aber beängstigenden Druck zusammengepreßt hätte, wodurch sein Atem den vertrauten pfeifenden Ton bekam.
Er lehnte sich etwas zurück, und in diesem Moment tauchte das Gesicht im Kellerfenster auf, das Gesicht des aussätzigen. Eddie konnte nicht einmal schreien. Ihm stockte der Atem. Seine Augen traten fast aus den Höhlen hervor. Sein Unterkiefer klappte herunter. Es war nicht der Landstreicher mit der zerfressenen Nase, aber es gab Ähnlichkeiten. Schreckliche Ähnlichkeiten. Und doch... dies hier konnte kein menschliches Wesen sein. Nichts konnte so zerfressen sein und trotzdem noch leben.
Die Haut auf der Stirn hing in Fetzen herab. Weißer Knochen, überzogen mit einer dünnen schleimigen Masse, schimmerte hervor. Die Nase war eine Brücke aus rohem Knorpel über zwei flammendroten Kanälen. Ein Auge war von funkelndem, heiterem Blau. Das andere war nur noch eine Masse von schwammigem braunschwarzem Gewebe. Die Unterlippe des Aussätzigen hing herab wie ein Stück Leber. Die Oberlippe fehlte völlig; die Zähne standen vor.
Eine Hand des Aussätzigen schoß durch die zerbrochene Scheibe vor. Die andere zerschmetterte die schmutzige Scheibe und schoß ebenfalls vor.
Seine tastenden Hände waren mit schwärenden, eiternden Wunden bedeckt, auf denen Käfer herumkrochen.