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»W-W-Was für ein K-Kostüm?«

Ben schaute Eddie an. »Ein Silberkostüm mit großen orangefarbenen Knöpfen auf der Vorderseite.«

Eddie sperrte den Mund weit auf. »Sag's bitte, wenn du mich nur aufziehst«, bat er. »Scherz nicht darüber. Ich... träume immer noch von diesem Kerl unter der Veranda.«

»Ich scherze nicht«, sagte Ben und begann, seine Geschichte zu erzählen. Er erzählte langsam, fing damit an, wie er sich erboten hatte, Mrs. Douglas mit den Büchern zu helfen, und endete mit seinen eigenen schlechten Träumen. Er redete langsam, ohne die anderen anzuschauen. Er redete so, als

schämte er sich seines Benehmens. Er hob den Kopf erst wieder, als er seine Geschichte beendet hatte.

»Du mußt geträumt haben«, sagte Richie schließlich. Er sah, wie Ben zusammenzuckte und fuhr hastig fort: »Nimm's nicht persönlich, Big Ben, aber du weißt doch selbst, daß Ballons, na ja, daß Ballons nicht gegen den Wind fliegen können...«

Richie sah betrübt zu Bill hinüber. Ben zu beschuldigen, er hätte nur geträumt, war eine Sache; Bill zu beschuldigen, eine ganz andere. Bill war ihr Anführer, der Junge, zu dem sie alle aufschauten. Niemand sagte das laut; das war auch gar nicht notwendig. Aber Bill hatte Ideen, er konnte sich immer etwas Interessantes ausdenken, was man an einem regnerischen Tag tun konnte, er erinnerte sich an Spiele, die andere längst vergessen hatten. Und in gewisser Weise spürten sie alle, daß Bill etwas beruhigend Erwachsenes an sich hatte - vielleicht war es das Gefühl, daß man sich auf Bill verlassen konnte, daß er die Verantwortung übernehmen würde, wenn es notwendig wäre. Die Wahrheit war, daß Richie Bills Geschichte glaubte, so verrückt sie sich auch anhörte. Und daß er Bens Geschichte vielleicht nicht glauben wollte... und Eddies ebensowenig.

»Dir selbst ist so was Ähnliches noch nie passiert, was?« fragte Eddie.

Richie schüttelte den Kopf. »Das Ekelhafteste, was ich in letzter Zeit gesehen habe, war Mark Prenderlist, der sich im McCarron-Park nach allen Regeln der Kunst ausschiß. Das widerlichste Dreckschwein, das es gibt.«

»Und was ist mit dir, Stan?« fragte Ben.

»Nein«, antwortete Stan und wandte den Blick ab. Sein schmales Gesicht war bleich, seine Lippen so fest zusammengepreßt, daß sie weiß waren.

»W-W-War da v-v-v-vielleicht doch was, Stan?« fragte Bill.

»Nein, hab' ich gesagt.« Stan stand auf und ging zum Ufer.

»Nun komm schon, Stan-lee«, rief Richie in schrillem Falsett. Auch das war eine seiner Stimmen: die >Zeternde Oma<. Wenn er mit der Stimme der >Zeternden Oma< sprach, humpelte Richie herum, eine Faust auf dem Rük-ken, und schwatzte eine Menge. Dabei hörte er sich allerdings immer noch fatal wie Richie Tozier an.

»Nun beicht schon, Stanley, erzähl deiner Oma von dem böööösen Clown, und ich werd' dir ein Schokoladenplätzchen geben. Nun komm schon, er-zähl's...«

»Halt die Klappe!« brüllte Stan plötzlich und wirbelte herum, so daß Richie vor Erstaunen ein paar Schritte zurückwich. »Halt doch endlich deine Klappe!«

»Okay, Boß«, sagte Richie und setzte sich wieder. Er sah Stan mißtrauisch an. Stan hatte hektische Flecken auf den Wangen, aber er sah immer noch eher verängstigt als verrückt aus.

»Ist schon gut, Stan«, sagte Eddie leise. »Mach dir nichts draus.«

»D-D-Du kannst es uns r-r-r-r-ruhig erzählen«, sagte Bill, ebenfalls leise. »W-Wir haben es ja auch g-g-getan.«

»Es war kein Clown. Es war...«

In diesem Augenblick wurden sie unterbrochen. Sie sprangen alle wie von einer Tarantel gestochen auf, als sie Mr. Nells whisky-heisere Stimme brüllen hörten: »Je-sus Maria und Josef! Verdammt und zugenäht! Leck mich doch am Arsch und schau sich einer mal diese verfluchte Scheiße an!«

Achtes Kapitel

Georgies Zimmer und das Haus an der Neibolt Street 1

Richard Tozier schaltet das Radio aus, fährt an den Straßenrand, stellt den Motor des Mustangs ab, den Carol am internationalen Flughafen von Bangor für ihn bei Avis vorbestellt hat, und steigt aus. Er hört seine Atemzüge - kurzes, tiefes, lautes Luftholen, und er spürt die Gänsehaut auf seinem Rücken. Er geht nach vorne und legt eine Hand auf die Motorhaube des Wagens. Er hört das leise Ticken des Motors, während dieser sich abkühlt. Ein Eichelhäher schreit, verstummt aber gleich wieder. Ansonsten herrscht völlige Stille. Es ist der Moment zwischen Dunkelheit und Dämmerung; der Tag kündigt skh schon an. Richie hat gerade die Stadtgrenze von Derry passiert. Es hat 25 Jahre gedauert, aber nun ist er nach Hause zurückgekehrt.

Ein scharfer, brennender Schmerz in seinen Augen reißt ihn aus seiner Nachdenklichkeit heraus. Er stößt einen Schrei aus und will sich unwillkürlich an die Augen greifen. Den Bruchteil einer Sekunde lang verspürt er Angst. Das einzige Mal, dass er etwas Ähnliches wie diesen brennenden Schmerz verspürt hat, war im College, als eine Wimper unter seine Kontaktlinse geriet - und auch das war nur in einem Auge gewesen. Noch bevor seine Hände sein Gesicht erreicht haben, ist der Schmerz vorüber. Langsam läßt er sie wieder sinken und blickt die Route 7 entlang. Er hat die Autobahn an der Ausfahrt Etna-Dixmont verlassen; aus irgendeinem ihm selbst unverständlichen Grund wollte er nicht direkt bis Derry auf der Autobahn fahren, die auf jenem Abschnitt noch im Bau gewesen war, als seine Familie und er den Staub dieser Stadt von sich abschüttelten und wegzogen. Nein, er wollte nicht auf der Autobahn zurückkehren, obwohl es schneller gegangen wäre. Deshalb ist er an der Ausfahrt Etna-Dixmont abgebogen und hat zuerst Route 2, Maines wichtigsten Ost-West-Highway, und dann Route 7 eingeschlagen. Langsam ist die Dunkelheit gewichen, und seine Scheinwerfer waren auf dem Asphalt nur noch schwach zu sehen. Schließlich hat er sie ausgeschaltet und ist im stillen rosigen Schimmer der anbrechenden Morgendämmerung dahingefahren - und kurz darauf hat er am Straßenrand das kleine Schild auf grünem Pfosten gesehen. Es war genauso wie all die ändern, die an den Stadtgrenzen der mehr als 600 Städte Maines aufgestellt sind, und doch - wie hat dieses Schild ihm plötzlich ans Herz gegriffen!

Penobscot

County

D

E

R

R

Y

Darunter eine >Elks<-Plakette, ein Schild des >Rotary Club< und - aller guten Dinge sind drei - ein >Lions<-Schild Dahinter ßhrte die Route 7 unverändert geradeaus, durch den Nadelwald. In diesem seltsamen stummen Licht bei Tagesanbruch sahen die Bäume so unwirklich aus wie blaugrauer Zigarettenrauch in der stehenden Luft eines stillen Zimmers.

Derry, dachte Rich. Gott steh mir bei.

Er befindet sich auf Route 7. Noch fünf Meilen, und er wird an der Farm der Rhulins vorbeifahren - wenn es sie noch gibt -, wo seine Mutter immer Eier und Gemüse kaufte. Zwei Meilen weiter ging die Route 7 in die Witcham Road über, und kurz danach würde er die Farm der Bowers zur Rechten und das alte Haus der Hanions zur Linken passieren. Und nach weiteren ein-zwei Meilen würde er links von sich den Kenduskeag funkeln sehen, und dann würde das grüne Dickicht in Sicht kommen. Die Barrens.

Ich weiß nicht, ob ich das alles ertragen kann, denkt Richie. Die ganze Nacht ist wie im Traum vergangen; solange er unterwegs gewesen ist, sich vorwärtsbewegt hat, hielt dieser Traum an. Aber nun ist er vorüber; die Wirklichkeit bricht wieder über ihn herein. Er kann sich der Erinnerungen nicht erwehren, und diese Erinnerungen werden ihn schließlich um den Verstand bringen, denkt er, und er beißt sich auf die Unterlippe und preßt seine Hände fest gegeneinander, so als wollte er damit verhindern, gespalten zu werden. Er fühlt, daß das bald geschehen wird, und obwohl ein kleiner, verrückter Teil von ihm sich direkt auf die bevorstehenden Ereignisse freut, wird er doch im wesentlichen von der wahnsinnigen Angst beherrscht, wie er die nächsten Tage überstehen soll. Er...