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»Ein guter Rat, Bill«, meinte Mr. Nell. »Ich wette, dein Vater weiß nicht, daß du hier unten in den Barrens bist, stimmt's?«

Bill senkte die Augen und schüttelte den Kopf.

Mr. Nell wandte sich Ben zu. »Wie heißt du?«

»Ben Hanscom, Sir«, antwortete er kläglich.

Mr. Nell nickte und betrachtete Bens Damm. »Deine Idee war das also?«

Ben blickte zu Boden und nickte.

»Nun, du bist ein fantastischer Ingenieur, Junge«, sagte Mr. Nell, »aber du hast wahrscheinlich keine Ahnung von den Barrens und dem Abwassersystem von Derry, stimmt's?«

Ben schüttelte den Kopf.

Nicht unfreundlich fuhr Mr. Nell fort: »Es besteht aus zwei Teilen. Feste

menschliche Ausscheidungen - im Klartext Scheiße, wenn ich damit deine zarten Ohren nicht beleidige - werden in den Kenduskeag gepumpt und gelangen von dort in den Penobscot. Du hast doch bestimmt schon einmal die Pumpstationen gesehen? Runde Betondinger mit durchlöcherten Dek-keln?« Ben nickte wieder, den Blick immer noch zu Boden gerichtet.

»Nun, dort hast du Gott sei Dank keine Probleme verursacht; weil es nicht der Kenduskeag war, den du eingedämmt hast. Aber alle anderen Abwasserkanäle arbeiten nach dem Prinzip der Schwerkraft. Dort fließt der größte Teil des städtischen Abwassers. Wasser aus den Toiletten und Badewannen und Spülen und so weiter. All diese Abwasserkanäle verlaufen hü-gelabwärts. Und ich brauche dir wohl nicht zu erzählen, wo sie enden?«

»In den Barrens«, flüsterte Ben heiser. Dicke Tränen rollten ihm langsam über die Wangen. Mr. Nell tat so, als sähe er das nicht.

»Stimmt genau, Junge. In den Barrens. Das Abwasser fließt aus den Kanälen in diese Bäche und dann in den Kenduskeag, und das ohne jede Pumpe; die Schwerkraft erledigt die ganze Arbeit. Nun, dieses Wasser, in dem ihr herumgewatet seid, besteht zu mindestens zehn Prozent aus menschlicher Pisse. Was sagt ihr dazu?«

Alle Jungen schauten angeekelt an sich herunter. Das heißt, alle außer Ben, der ein Bild totalen Elends bot. Eddie holte seinen Aspirator hervor und drückte auf die Flasche.

»Ihr habt nun mit eurem Damm das Wasser in etwa sechs Rohren aufgestaut, in welche die Witcham Street, die Jackson Street und vier oder fünf kleine Straßen dazwischen ihr Abwasser leiten«, fuhr Mr. Nell fort. Er warf Bill Denbrough einen trockenen Blick zu. »Euer Haus gehört auch dazu, mein Junge. Und da haben wir dann die Bescherung - Spülen, die nicht ablaufen, Toiletten, die überlaufen und in denen die Scheiße rumschwimmt, Waschmaschinen, die nicht arbeiten, Abflußrohre, deren Brühe sich fröhlich in Kellern ergießt...«

Ben schluchzte laut auf. Die anderen blickten verlegen beiseite. Mr. Nell legte dem Jungen sanft seine große Hand auf die Schulter.

»Nun, nimm's dir nicht so zu Herzen, mein Junge. Man hat mich hergeschickt, damit ich nachschaue, ob vielleicht ein großer Baum umgestürzt ist und sich quer über den Bach gelegt hat. Das passiert nämlich ab und zu. Ich werde diese Sache nicht an die große Glocke hängen. Wir haben wirklich ernstere Sorgen als ein bißchen gestautes Wasser.« Die fünf Jungen verstanden sofort die Anspielung auf die Mordserie. »Ich werde einfach berichten, daß einige Jungs gerade vorbeigekommen sind und mir geholfen haben, den Baum zu entfernen. Eure Namen werde ich überhaupt nicht erwähnen. Ihr braucht keine Angst zu haben, wegen Dammbaus in den Barrens Vorladungen zu bekommen.«

Er betrachtete die fünf Jungen. Ben wischte sich mit seinem Taschentuch das Gesicht ab; Bill blickte nachdenklich zum Damm hinüber; Eddie hielt seinen Aspirator in einer Hand; Stan stand dicht neben Richie und hatte ihm eine Hand auf den Arm gelegt, um sofort fest zupacken zu können, wenn Richie den Mund aufmachen wollte.

»Ihr Jungs habt hier unten sowieso nichts zu suchen«, sagte Mr. Nell und schaute sich um. »Vermutlich kann man sich hier unten sechzig Dutzend verschiedener Krankheiten holen. Drüben die Müllhalde; diese Bäche voll Abwasser, Spülwasser und Unrat; Insekten, Moskitos... es ist ein schlechter Platz zum Spielen, Jungs.«

»U-U-Uns g-gefällt es h-h-hier«, sagte Bill plötzlich trotzig. Die anderen schauten überrascht und etwas besorgt auf, aber Mr. Nell wurde nicht ärgerlich. Er nickte Bill zu, und um seine Lippen spielte ein kleines Lächeln. »Ja«, sagte er. »So ging's mir auch, als ich ein Junge war. Ich verbiet's euch ja auch nicht. Aber sperrt jetzt mal eure Ohren auf. Paßt gut auf, was ich euch jetzt sage.« Er hob den Zeigefinger, und sie sahen ihn alle ernst an, sogar Ben. »Wenn ihr zum Spielen hierherkommt, so dürft ihr das nur zusammen tun, habt ihr mich verstanden?«

Sie nickten.

»Das bedeutet wirklich zusammen«, fuhr Mr. Nell fort. »Kein VersteckenSpielen, bei dem ihr euch trennt. Ihr wißt alle, was in dieser Stadt vorgeht. Irgendwer - irgendein gemeiner perverser Mörder hat eine besondere Vorliebe für junges Gemüse wie ihr es seid. Ich verbiete euch nicht herzukommen, weil ihr es trotzdem tun würdet. Aber ich sag' euch zu eurem eigenen Wohl - bleibt zusammen, wenn ihr irgendwo hier unten seid.« Er schaute Bill an. »Haben Sie irgendwelche Einwände, Mr. Stotter-Bill Denbrough?«

»N-N-Nein, Sir«, sagte Bill. »W-W-Wir w-werden z-z-zu...«

»Das genügt mir«, fiel Mr. Nell ihm ins Wort. »Gib mir deine Hand drauf.«

Bill streckte seine Hand aus, und Mr. Nell schüttelte sie.

Richie gelang es, Stans Hand abzuschütteln. Er trat vor. »Ein Pfundskerl sind Sie, Mr. Nell, eine Seele von Mensch, das sind Sie wirklich! Ein feiner Mann! Ein wirklich feiner, feiner Kerl!« Er packte Mr. Nells große Pranke und schwenkte sie wild, wobei er die ganze Zeit grinste. Dem verwirrten Mr. Nell kam er wie eine gräßliche Parodie von Franklin Roosevelt vor.

»Danke, Junge«, sagte er und zog seine Hand zurück. »Du solltest noch ein bißchen daran arbeiten. Bis jetzt klingst du in etwa so irisch wie Groucho Marx.«

Die anderen Jungen lachten erleichtert. Aber Stan warf Richie trotzdem einen vorwurfsvollen Blick zu.

Mr. Nell schüttelte ihnen allen die Hand, Ben zuletzt.

»Du brauchst dich wirklich nicht zu schämen, Junge. Du hast einfach nicht gewußt, was für Konsequenzen dein Handeln haben würde, das ist alles. Hast du in einem Buch gesehen, wie man so was macht?«

Ben schüttelte den Kopf.

»Du hast es dir einfach so ausgedacht?«

»Ja, Sir.«

»Na, da schnall doch einer ab! Du wirst eines Tages große Dinge vollbringen, daran zweifle ich nicht. Aber die Barrens sind nicht der richtige Ort dafür.« Er blickte nachdenklich in die Runde. »Hier wird nie etwas Großes vollbracht werden. Gräßlicher Ort.« Er seufzte. »Also, Jungs, reißt alles nieder. Ich glaube, ich setz' mich einfach unter diesen Busch und ruh' mich ein bißchen aus.«

Die Jungen machten sich an die Arbeit; sie ließen sich wieder von Ben Anweisungen geben, wie man am schnellsten niederreißen konnte, was sie ge-

baut hatten. Mr. Nell holte inzwischen eine kleine braune Flasche aus seinem Hemd und trank einen großen Schluck. Dann stieß er zischend die Luft aus.

»Und was ist das wohl, Sir?« fragte Richie vorwitzig von seinem Platz aus

- er stand knietief im Wasser.

»Richie, halt die Klappe!« zischte Eddie.

»Das?« sagte Mr. Nell und betrachtete die kleine Flasche, die keinerlei Aufschrift trug. »Das ist die Hustenmedizin der Götter, mein Junge. Und jetzt beweg mal deine lahmen Knochen!« Mr. Nell genehmigte sich noch einen Schluck seiner Hustenmedizin und schob die Flasche dann wieder in sein Hemd.

»Da geht der niedrigste dahin!« schrie Ben, und mit einer kleinen Flutwelle schoß Wasser in das fast trockene Bachbett. Sie machten sich an den mittleren Dammabschnitt. Ben erklärte, wo sie stehen und wo sie anpacken sollten. Mr. Nell saß am Ufer, beobachtete sie, ruhte seine Füße aus und bewunderte die Sicherheit des Jungen. Er war zwar ein Fettkloß, aber er wußte ganz genau, was er tat, daran bestand gar kein Zweifel. Er hatte die unbewußte Selbstsicherheit der ganz Jungen und der Hochbegabten. Vielleicht würde er eines Tages tatsächlich große Dinge vollbringen. Mit größerer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht. Mr. Nell glaubte, daß die Hochbegabten einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung bildeten als allgemein angenommen wurde. In den meisten Fällen führte diese Begabung aber zu nichts; sie stahl sich eines Nachts hinweg - oder in einer Reihe von Nächten und war dann für immer verschwunden. Hatte nicht seine eigene Mutter ihm erzählt, daß er als Kind wie eine Nachtigall gesungen hatte? Mr. Nell zog die kleine braune Flasche wieder heraus und nahm noch einen kleinen Schluck von seiner Hustenmedizin, in sentimentale Gedanken an seine Mutter versunken.