3
Einige Stunden später gingen Bill und Richie die Witcham Street entlang, auf die Kreuzung an der Jackson Street zu. Bill schob Silver; er war zu müde, um zu fahren. Beide Jungen waren schmutzig und zerzaust und ziemlich erschöpft. Nachdem sie den Damm niedergerissen hatten, und das Wasser wieder dahinfloß wie eh und je, hatte Mr. Nell darauf bestanden, daß sie die Bretter zur Müllhalde trugen. Jeder von ihnen nahm also ein paar, und in einer kleinen Prozession legten sie den gewundenen, zweieinhalb Meilen langen Pfad zur riesigen Kiesgrube zurück, wo der größte Teil von Derrys Müll landete.
Sie hielten sich dort nicht lange auf; sie warfen nur die Bretter hinein und beobachteten, wie sie nach unten schlitterten, wo träge Feuerzungen durch den Abfall krochen. Bei anderer Gelegenheit wären sie vermutlich eine Weile hiergeblieben - die Müllhalde hatte ihre eigene Anziehungskraft -, aber nun stapften sie gleich wieder den Pfad entlang. Richie ßonnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so müde gewesen war.
Stan fragte, ob sie Lust hätten, mit ihm zu kommen und Monopoly oder
Parcheesi oder sonstwas zu spielen, aber sie lehnten alle ab. Ben sagte, er wolle nach Hause gehen und nachschauen, ob jemand vielleicht seine Büchereibücher abgegeben hatte. Diese Hoffnung war nicht ganz unberechtigt, denn die Bücherei schrieb nicht nur den Namen des Entleihers auf die Karte hinten im Buch, sondern auch seine Adresse. Eddie sagte, er wolle sich im Fernsehen >Bandstand< anschauen, und Stan beschloß, ihn zu begleiten.
Richie ging weiter neben Bill her. Sie redeten nicht viel. Richte dachte über Bills Geschichte von dem Foto nach, auf dem Georgie den Kopf gedreht und gezwinkert hatte. Und trotz seiner Müdigkeit kam ihm plötzlich eine Idee. Sie war verrückt... aber auch faszinierend.
»Billy«, rief er. »Halt mal einen Augenblick an. Ich muß mal verschnaufen.«
Sie kamen gerade am Theologischen Seminar von Derry vorbei. Bill legte Silver vorsichtig auf den grünen Rasen, und die beiden Jungen setzten sich auf die breiten Steinstufen, die zu dem ausgedehnten roten viktorianischen Gebäude führten, in dem die Verwaltung des Seminars untergebracht war.
»W-W-Was für ein Tag!« sagte Bill verdrießlich. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sein Gesicht sah bleich und abgespannt aus.
»Ja. Das kann man wohl sagen. Hör mal, Big Bill...«
Richie schwieg einen Moment und dachte an Bens Mumie, Eddies Aussätzigen ... und an das, was Stan Uris ihnen fast erzählt hätte. Flüchtig schoß ihm noch etwas anderes durch den Kopf, und er hatte die Statue von Paul Bunyan vor Augen, Aber das war nur ein Traum gewesen, weiter nichts.
»Gehen wir zu euch und werfen einen Blick in Georgies Zimmer. Ich möchte dieses Foto sehen. Was hältst du davon?«
Bill sah Richie entsetzt an. Er versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort hervor. Statt dessen schüttelte er heftig den Kopf.
»Du hast Bens Geschichte gehört. Und Eddies. Glaubst du an das, was sie gesagt haben?«
Bill dachte darüber nach. »I-I-Ich w-w-weiß n-nicht«, sagte er schließlich. »Ich d-d-denke, daß sie e-etwas g-g-gesehen haben m-m-m-müssen.«
»Ja«, sagte Richie. »Das glaube ich auch. Und all die Kinder, die ermordet worden sind, angefangen mit Georgie. Ich denke mir, daß sie vielleicht auch etwas gesehen haben. Vielleicht jenen Clown. Und vielleicht besteht der einzige Unterschied zwischen diesen Kindern und Eddie und Ben darin, daß Eddie und Ben nicht erwischt wurden.«
Bill hob die Augenbrauen, zeigte aber keine große Überraschung. Das hatte Richie auch nicht erwartet. Er hatte vermutet, daß Bill mit seinen Überlegungen selbst schon soweit gekommen war. Er konnte zwar nicht gut reden, aber er war alles andere als ein Dummkopf.
»Und jetzt denk mal weiter, Big Bill«, sagte Richie. »Ein Mann könnte sich in ein Clownskostüm verkleiden und Kinder ermorden. Ich weiß zwar nicht, wozu er das tun sollte, aber es wäre möglich. Der Unterschied zum Joker in einem Batman-Comic oder zum Penguin oder irgend so was ist nicht allzu groß.« Darüber zu reden, seine eigenen Ideen auszusprechen, erregte Richie. Er fragte sich kurz, ob er tatsächlich etwas zu beweisen versuchte oder nur einen Wortschwall von sich gab, um das Zimmer und jenes Schulfoto sehen zu können. Um festzustellen, ob es seine verrückten Tricks auch bei ihm versuchen würde. Aber seine Motive waren letztlich vielleicht gar nicht so wichtig. Er sah, daß eine Erregung, die seiner eigenen sehr ähnlich war, in Bills Augen aufglomm, und das verlieh ihm ein Gefühl der Macht.
»A-A-Aber wie p-paßt das F-F-Foto da hinein?« fragte Bill.
»Genau das habe ich mir auch gerade überlegt«, sagte Richie. »Was glaubst denn du, Billy?«
Leise, ohne Richie anzuschauen, erwiderte Bill, er glaube, daß es überhaupt nicht dazupasse. »Ich g-g-glaube, daß ich Georgies G-G-G-Geist gesehen habe.«
»Auf einem Foto? Einem Schulfoto?« fragte Richie nachdenklich.
Bill nickte.
Richie dachte darüber nach. Seinem kindlichen Verstand bereitete die Vorstellung von Geistern keinerlei Schwierigkeiten. Er war sich sicher, daß es solche Dinge gab; erst mit zunehmendem Alter würden ihm daran Zweifel kommen, würde er Probleme damit haben, diese Vorstellung irgendwie mit Logik unter einen Hut zu bringen. Seine Eltern waren Methodisten, und Richie ging jeden Sonntag in die Kirche, und donnerstags besuchte er die methodistischen Jugendabende. Er kannte sich schon ganz gut in der Bibel aus, obwohl der Inhalt- Dinge wie »Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen« und »Lazarus, komm heraus!« - ihm über die buchstäbliche Aussage hinaus noch wenig sagten. Wenn ihn jemand gefragt hätte, so hätte er geantwortet, in der Bibel stehe, es gäbe Zauberinnen, und Jesus habe einen Mann auferweckt, der drei Tage in seinem Grab gelegen sei. Richies Verstand, der bis vor vier Jahren auf ganz ähnliche Weise den Weihnachtsmann akzeptiert hatte, war noch nicht verwirrt durch die Notwendigkeit der Interpretation. Er sah alles noch ganzheitlich.
Und deshalb glaubte er sofort, daß Bills Vermutung völlig richtig sein konnte. Der Clown (oder jemand anders) hatte Georgie umgebracht, und jetzt war Georgies Seele auf irgendeine Weise in sein Schulfoto geschlüpft.
»Aber du sagtest doch, du hättest Angst gehabt«, sagte Richie. »Warum sollte Georgie dir denn Angst einjagen wollen, Bill?«
Bill fuhr sich mit der Hand über den Mund. Seine Hand zitterte dabei ein wenig. »E-Er ist w-w-wütend auf mich«, sagte er. »W-W-Weil er ermordet wurde. Es war m-m-m-meine Schuld. Ich hab' ihn m-mit dem B-B-B-B...« Er brachte das Wort >Boot< nicht heraus, aber Richie verstand ihn auch so. Er nickte.
»Das glaube ich nicht«, wandte er dann ein. »Wenn du ihn von hinten erstochen oder ihn erschossen hättest, wäre es etwas anderes. Oder wenn du ihn rausgeschickt hättest, damit er umgebracht wird. Aber in Wirklichkeit«
- Richie hob einen Finger wie ein Rechtsanwalt - »in Wirklichkeit wolltest du doch nur, daß er rausgeht und Spaß hat und sich freut. Stimmt's?«
Bill dachte angestrengt nach. Richies Worte hatten ihm gutgetan, er hatte sich in bezug auf Georgies Tod besser gefühlt als seit Monaten, und ein Teil von ihm bestand mit ruhiger Beharrlichkeit darauf, daß er sich nicht besser fühlen durfte. Andernfalls gäbe es nicht jenen kalten Platz zwischen seinen