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Eltern auf der Couch. Es gäbe nicht jene schweigsamen Mahlzeiten, jene vagen Blicke, wenn er etwas über einen seiner Freunde oder über seine Schularbeiten berichtete, so als sei er der Geist, der zwar redete und sich bewegte, aber nicht gehört und gesehen wurde - nur vage gespürt. Seine Schuld zu leugnen hieß, Ursache und Wirkung zu leugnen... oder, was noch schlimmer war, zu unterstellen, daß die Liebe und Aufmerksamkeit, die seine Eltern ihm früher geschenkt hatten, irgendwie nur das Resultat von Georgies Gegenwart gewesen waren und nach Georgies Tod für ihn nichts übriggeblieben war... und das völlig grundlos. Und wenn man sein Ohr an diese Tür lehnte, konnte man draußen die Flügel des Wahnsinns hören.

Deshalb überlegte er verzweifelt, was er an Georgies Todestag getan, was der gefühlt hatte; er suchte nach den negativen Gefühlen, die es gegeben haben mußte, nach Eifersucht, nach Haß. Sie hatten oft Streit gehabt, Georgie und er; bestimmt hatten sie sich auch an jenem Tag gestritten.

Aber sie hatten sich nicht gestritten. Er hatte gehört, wie Georgie im Eßzimmer unglücklich vor sich hin murmelte, und er hatte ihn gefragt, was los sei. Georgie hatte gesagt, er versuche, ein Boot zu machen, wie es in seinem Bastelbuch gezeigt würde, er könne es aber nicht richtig falten. Und Bill, der im Bett lag, ein wenig Fieber hatte und sich furchtbar langweilte, hatte Georgie gesagt, er solle ihm sein Buch bringen. Und während er jetzt neben Richie auf den Stufen saß, konnte er sich noch genau erinnern, wie Georgies Augen geleuchtet hatten, als das Boot aus Zeitungspapier gelang, und wie gut ihm dieser Blick getan hatte, der besagte, daß Georgie ihn für einen tollen Kerl hielt, für einen patenten Bruder, der alles konnte. Jenes Boot hatte Georgie umgebracht, aber Bill hatte nicht gewußt, daß das passieren würde. Er hatte nur gewußt, daß Georgie sich über das Boot freute, daß es ihn glücklich machte.

Ganz plötzlich brach Bill in Tränen aus.

Erschrocken schaute sich Richie nach allen Seiten um, ob jemand in der Nähe war; dann legte er den Arm um Bills Schultern.

»Ist schon gut«, murmelte er. »Ist schon gut, Billy. Beruhige dich.«

»Ich w-w-w-wollte nicht, d-daß er e-e-erm-m-mordet wird!« schluchzte Bill. »Das w-war nicht m-meine Absicht!«

»Mein Gott, Billy, das weiß ich doch«, sagte Richie. Er tätschelte ungeschickt Bills Schulter. »Nun komm, hör auf zu weinen. Ist schon gut.«

Allmählich beruhigte sich Billi wieder. Er litt immer noch, aber es war ein irgendwie reiner Schmerz: es war ein Schmerz, der dadurch entstanden war, daß er etwas von überwältigender Bedeutung herausgefunden hatte.

»Ich w-w-wollte nicht, daß er g-g-getötet wird«, wiederholte er seine Erkenntnis noch einmal. »U-U-Und wenn du je-je-jemandem erzählst, daß ich g-g-geheult habe, schlag ich d-dir die N-N-Nase ein.«

»Ich erzähl's keinem«, versicherte Richie. »Mach dir keine Sorgen. Um Gottes willen, er war doch dein Bruder. Wenn mein Bruder ermordet würde, käme ich aus dem Heulen gar nicht mehr raus.«

»D-Du hast doch gar k-k-keinen B-Bruder.«

»Ja, aber wenn ich einen hätte, würde ich mir die Augen ausheulen.«

»J-Ja?«

»Na klar.« Richie schwieg ein Weilchen, betrachtete Bill bekümmert und versuchte zu erkennen, ob er sich wieder gefaßt hatte. Obwohl sich Bill immer noch mit dem Taschentuch die roten Augen rieb, entschied Richie, daß er jetzt wieder aufnahmefähig war. »Ich wollte nur sagen, daß ich nicht weiß, warum Georgie versuchen sollte, dir Angst einzujagen. Vielleicht hängt das Foto also irgendwie mit dem... na ja, mit dem anderen zusammen. Mit diesem Clown.«

»V-V-Vielleicht weiß Georgie es nicht b-besser. V-V-Vielleicht g-g-glaubt er...«

Richie schob diesen Einwand ungeduldig beiseite.

»Wenn man tot ist, weiß man alles, was die Leute über einen dachten, Big Bill«, sagte er mit der nachsichtigen Miene eines Lehrers, der den Grammatikfehler eines dummen Schülers verbessert. »So steht's in der Bibel. Es heißt da: > Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.< Und das bedeutet...«

»Ich v-v-verstehe, was es b-bedeutet«, sagte Bill.

»Und was meinst du nun?«

»W-W-Wozu?«

»Gehen wir in sein Zimmer und schauen nach? Vielleicht finden wir etwas heraus.«

»Ich habe A-A-Angst davor.«

»Ich auch«, sagte Richie. Im ersten Moment glaubte er, daß er das nur so dahingesagt hatte, um Bill zu trösten, aber gleich darauf hatte er ein ganz komisches Gefühl im Magen und erkannte, daß es stimmte: er hatte Angst.

4

Die beiden Jungen schlichen sich ganz leise ins Haus der Denbroughs in der Witcham Street.

Bills Vater war noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Sharon Denbrough las am Küchentisch ein Taschenbuch. Im Eingangsflur roch es nach Kabeljau, den es zum Abendessen geben sollte.

»Wer ist da?« rief Sharon, als die Jungen auf halber Treppe waren.

Sie blieben ertappt stehen, schauten einander einen Augenblick mit großen Augen an, und dann rief Bilclass="underline" »I-I-Ich, Mom. Und R-R-R-R...«

»Richie Tozier, Madam«, rief Richie und legte seine kalte Hand auf Bills Unterarm.

»Hallo, Richie«, rief Mrs. Denbrough zurück; es hörte sich völlig geistesabwesend an.

»K-Komm«, flüsterte Bill.

Sie gingen nach oben, in Bills Zimmer. Es war nicht gerade perfekt aufgeräumt, aber auch nicht allzu unordentlich: Bücher, Comics, Spielsachen und Modellfahrzeuge lagen herum, außerdem ein paar Kleidungsstücke, die zwar zusammengelegt, aber noch nicht weggeräumt waren. Auf der Kombination von Schreibtisch und Bücherschrank gegenüberfßills Bett stand ein Plattenspieler, und auf einem Regal direkt darüber lag ein Stapel zerkratzter 45er Schallplatten.

Bill legte sie auf die Spindel, mit der man zehn Platten hintereinander abspielen konnte, und schaltete das Gerät ein. Das erste Lied war >Come Sofly, Darling< von den Fleetwoods. Richie rümpfte die Nase. Trotz seines Herzklopfens mußte Bill grinsen.

»S-S-Sie mögen keinen Rock and Roll«, erklärte er. »I-Ich hab' auch Pat B-B-Boone und T-T-Tommy S-Sands. Aber meine M-Mutter wird glauben, daß w-w-wir hier im Z-Z-Zimmer sind. K-Komm.«

»Schließen sie es nicht ab?« flüsterte er Bill zu. Plötzlich hoffte er, daß es abgeschlossen war. Er konnte kaum noch glauben, daß das Ganze seine eigene Idee gewesen war.

Mit bleichem Gesicht schüttelte Bill den Kopf und öffnete die Tür. Er ging in Georgies Zimmer hinein, und nach flüchtigem Zögern folgte Richie ihm. Bill schloß hinter ihm die Tür, und Richie zuckte zusammen, als sie leise einklinkte. Die Fleetwoods waren jetzt nur noch gedämpft zu hören.

Richie schaute sich um, ängstlich, aber zugleich auch außerordentlich neugierig. Als erstes nahm er die dumpfe, abgestandene Luft wahr. Hier ist schon lange kein Fenster mehr geöffnet worden, dachte er. Verdammt, hier drin hat schon lange niemand mehr geatmet. Ein Schauder lief ihm über den Rücken, und er fuhr sich wieder mit der Zunge über die Lippen.

Sein Blick fiel auf Georgies Bett, und er dachte daran, daß Georgie jetzt unter einer Erddecke auf dem Mount Pleasant Cemetery schlief. Dort verweste. Und seine verwesenden Hände waren nicht gefaltet, denn er hatte nur noch einen Arm, eine Hand. Die andere war verschwunden.

Bill schaute ihn an.

»Du hast recht«, sagte Richie heiser. »Es ist unheimlich hier. Ich kapier' nicht, wie du's ausgehalten hast, allein hier zu sein.«