»E-Er w-w-war mein B-B-Bruder«, erwiderte Bill schlicht. »M-M-Manch-mal m-m-m-möchte ich h-hier sein.«
An den Wänden hingen Poster - Poster für kleine Kinder, wie Richie registrierte. Eines zeigte Tom Terrific, den Cartoon-Helden aus Captain Kanga-roo. Ein anderes zeigte Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track, die in ihren Waschbärmützen in ein Dickicht marschierten. Auf Georgies Kommode standen aufgeklappt seine Fleißkärtchen aus dem Kindergarten und der ersten Schulklasse. Als Richie sie betrachtete und daran dachte, daß Georges Ausbildung mit diesen wenigen Kleinkind-Kärtchen unwiderruflich und für immer geendet hatte, begriff er zum erstenmal in seinem Leben die Realität des Todes. Ein lähmendes Entsetzen überkam ihn. Ich könnte sterben! dröhnte es in seinem Kopf. Jeder kann sterben! Jeder kann sterben!
»Mann o Mann«, murmelte er mit zittriger Stimme. Mehr brachte er einfach nicht heraus.
»Jaaa«, sagte Bill und setzte sich auf Georgies Bett. »Schau.«
Richie folgte seinem Finger und sah das Fotoalbum auf dem Boden liegen. mein album, las er.
»Es w-war offen«, sagte Bill. »G-G-Gestern.«
»Dann ist es eben wieder zugeklappt«, sagte Richie unbehaglich. Er setzte sich neben Bill auf das Bett und blickte auf das Album. »Viele Bücher tun das.«
»D-Die S-S-Seiten vielleicht«, widersprach Bill. »N-Nicht der E-E-Ein-band. Es h-hat sich g-g-geschl-1-lossen.« Er sah Richie ernst an, und seine Augen wirkten in dem bleichen, müden Gesicht ungewöhnlich dunkel. »Es w-w-will, daß du es öffnest! D-Das ist es, w-w-was ich glaube!« Richie stand langsam auf und ging zu dem Album hinüber. Es lag unter einem Fenster mit hellen, fröhlichen Vorhängen. Draußen konnte er den Apfelbaum im Hinterhof der Denbroughs sehen. Von einem dicken, knorrigen Ast hing eine Schaukel herab, die sich langsam im Wind bewegte.
Er schaute auf das Album. Georgie Denbroughs Album.
Die mittleren Seiten des Schnitts waren rotbraun. Es hätte alter Ketchup sein können, die Visitenkarte, die ein kleiner Junge hinterlassen hatte, der seine Fotos anschaute, während er einen Hotdog oder Hamburger aß - aber Richie wußte, daß das nicht der Fall war. Es war Blut.
Er berührte das Album und zog seine Hände rasch wieder zurück. Es fühlte sich kalt an. Kalt.
Er schaute Bill an, und Bill erwiderte seinen Blick und schüttelte ganz langsam den Kopf.
Ach was, dachte Richie, ich lasse es einfach liegen. Ich hab sowieso keine Lust, in sein dummes altes Album zu schauen und einen Haufen Leute zu sehen, die ich nicht kenne. Ich werde jetzt einfach aufstehen, und Bill und ich können in sein Zimmer gehen und Comics lesen, und spätestens morgen früh werde ich sicher sein, daß es Ketchup und kein Blut ist. Das werde ich tun. Genau das.
Seine Hände schienen meilenweit von ihm entfernt zu sein, am Ende langer Kunststoffarme, als er das Album öffnete, und er betrachtete die Gesichter und Landschaften in Georges Album: Tanten, Onkel, Fremde, Babys, Häuser, alte Autos, Holzzäune, ein Riesenrad auf dem Jahrmarkt, den Wasserturm, die alte Kirchner-Eisenhütte...
Er wendete die Seiten immer schneller um, und plötzlich waren sie leer. Er blätterte zurück; eigentlich wollte er es nicht tun, aber irgend etwas zwang ihn dazu. Und da war wieder die Kirchner-Eisenhütte und ein Foto aus der Innenstadt von Derry - Main Street und Canal Street, aufgenommen etwa 1930...
»Es ist verschwunden!« rief Richie.
»Was?«
»Wenn du's nicht genommen hast, ist es einfach verschwunden. Hier ist kein Schulfoto deines kleinen Bruders, Bill!«
Bill stand vom Bett auf und ging zu Richie hinüber. Er betrachtete einen Augenblick lang die Fotos von der Eisenhütte und von Derry Innenstadt, wie sie vor etwa dreißig Jahren ausgesehen hatte - altmodische Autos und Lastwagen und Fußgänger, die am Kanal entlanggingen und auf dem Foto für immer mitten in einem Schritt versteinert waren. Dann blätterte er um. Eine leere eierschalenfarbene Seite bot sich ihm dar - abgesehen von einer einzigen Fotoecke eine absolut leere Seite.
»Es w-w-war h-hier«, sagte Bill. »Ich schwor's bei Gott.« Er starrte Richie offenen Blickes, erstaunt und ängstlich an.
»Ich glaube dir, Bill«, sagte Richie. »Mein Gott, was denkst du, was damit passiert ist?«
»Ich w-w-weiß es n-nicht.«
Bill nahm Richie das Album aus der Hand. Er blätterte die Seiten um und
suchte nach Georgies Schulfoto. Als er damit aufhörte, blätterten sie sich ganz von allein weiter um. Die beiden Jungen tauschten einen erschrockenen Blick, dann starrten sie wieder auf das Album.
Es hatte sich wieder auf der letzten vollen Seite geöffnet. Rechts war die Kitchner-Eisenhütte, links die Innenstadt von Derry, ein sepiafarbenes Foto, das jemand Georgie geschenkt hatte, und das Derry zu einer Zeit lange vor ihrer aller Geburt zeigte.
»Na so was!« rief Richie plötzlich und nahm das Album wieder an sich. In seiner Stimme lag keine Angst, nur verblüfftes Staunen. »Heiliger Strohsack, Bill...!«
»Was?« fragte Bill. »W-W-Was ist 1-los?«
»Heiliger Strohsack! Das sind ja wir\ Mein Gott, sieh doch nur!«
Über Georgies Fotoalbum gebeugt, sahen sie aus wie zwei Jungen, die sich bei einer Chorprobe ein Buch teilen. Richie hörte, wie Bill zischend Luft holte, und erkannte daran, daß er es ebenfalls gesehen hatte.
Auf diesem alten Schwarzweißfoto gingen zwei Jungen die Main Street entlang, auf die Kreuzung Central Street zu, wo der Kanal für etwa eineinviertel Meilen unter die Erde verschwand. Die beiden Jungen hoben sich deutlich von der niedrigen Betonmauer am Kanalrand ab. Einer der beiden trug Knickerbocker. Der andere trug etwas, das fast wie ein Matrosenanzug aussah. Er hatte eine Tweedkappe auf dem Kopf. Sie waren etwa im Dreiviertelprofil der Kamera zugewandt, so als hätte sie gerade jemand von der anderen Straßenseite her gerufen. Der Junge in den Knickerbockern war Richie Tozier. Und der Junge mit der Tweedkappe war Stotter-Bill. Daran konnte gar kein Zweifel bestehen.
Wie hypnotisiert starrten sie auf das fast dreißig Jahre alte Foto, auf dem sie selbst zu sehen waren. Einige Schritte vor ihnen hielt ein Mann die Krempe seines Filzhutes fest, und ein Windstoß hatte im Moment der Aufnahme gerade seinen Mantel aufgebläht. Auf der Straße waren Autos, ein Model-T, ein Pierce-Arrow, einige Packards und Chevrolets mit Trittbrettern.
»I-I-Ich g-g-g-glaub' n-nicht...«, begann Bill, und in diesem Augenblick bewegte sich das Foto.
Das Model-T, das eigentlich ewig in der Mitte der Kreuzung hätte bleiben müssen (oder zumindest so lange, bis die Chemikalien des alten Fotos sich völlig zersetzt hätten und es total verblaßt und verschwunden wäre), überquerte sie und fuhr in Richtung Up-Mile-Hill weiter. Eine kleine weiße Hand schoß aus dem Fenster neben dem Fahrersitz heraus und signalisierte, daß das Auto nach links abbiegen wollte. Es bog in die Court Street ein, fuhr über den weißen Bildrand hinaus und verschwand auf diese Weise außer Sicht.
Der Pierce-Arrow, die Chevrolets und Packards - sie alle rollten in verschiedenen Richtungen über die Kreuzung. Die Mantelschöße des Mannes flatterten im Wind. Er setzte seinen Hut fester auf und ging weiter.
Die beiden Jungen drehten ihre Köpfe vollends, und jetzt waren ihre Gesichter ganz von vorne zu sehen, und einen Moment später erkannte Richie, wohin sie schauten: ein räudiger Hund überquerte die Straße. Der Junge im Matrosenanzug - Bill - schob sich zwei Finger in die Mundwinkel und pfiff. Wie vom Donner gerührt, nahm Richie wahr, daß er den Pfiff hören konnte, daß er das unregelmäßige Tuckern der Automotoren hören konnte. Die Geräusche waren zwar nur schwach, wie durch dickes Glas, zu hören - aber sie waren zu hören.
Der Hund schaute zu den Jungen hinüber und trottete dann weiter. Sie wechselten einen Blick und lachten. Sie wollten gerade weitergehen, als Richie Bill am Arm packte und auf den Kanal deutete. Sie gingen darauf zu.