Nein, dachte Richie entsetzt, tut das nicht, tut...
Sie gingen zu der niedrigen Betonmauer, und plötzlich tauchte über dem Rand der Clown auf, wie ein schreckliches Schachtelmännchen, ein Clown mit Georgie Denbroughs Gesicht, die Haare glatt nach hinten gekämmt, der Mund ein gräßliches Grinsen voll blutender Fettfarbe, die Augen schwarze Löcher. In einer Hand hielt er drei Ballons an einer Schnur. Mit der anderen packte er seinen Bruder an derKehle.
»N-N-N-NEiN!« schrie Bill gequält auf und griff nach dem Bild.
»Nicht, Bill!« schrie Richie und packte ihn am Arm. Es war fast schon zu spät. Er sah Bills Fingerspitzen durch das Foto hindurch in jene andere Welt eintreten. Sie wurden klein und schienen gar nicht mehr zu Bills Hand zu gehören. Es war so ähnlich wie bei jener optischen Täuschung, die eintritt, wenn man eine Hand in stehendes Wasser hält: der sich im Wasser befindliche Teil der Hand scheint zu schweben, abgelöst und ein Stückchen entfernt von jenem Teil der Hand, der aus dem Wasser herausragt.
Eine Reihe diagonaler Schnitte zog sich über Bills Finger, so als hätte er seine Hand zwischen die Flügel eines Ventilators gesteckt.
Richie zog mit aller Kraft, und sie fielen beide dröhnend auf den Rük-ken. Das Buch schlug auf dem Boden auf und klappte laut zu. Bill steckte seine Finger in den Mund. Vor Schmerz hatte er Tränen in den Augen. Richie konnte sehen, daß dünne Blutrinnsale über seine Hand zum Gelenk flössen.
»Zeig mal«, sagte er.
»T-T-Tut h-höllisch weh«, flüsterte Bill. Er streckte Richie seine Hand hin, mit der Handfläche nach unten. Über Zeige-, Mittel- und Ringfinger zogen sich sprossenartige tiefe Schnitte. Der kleine Finger hatte die Oberfläche des Fotos kaum berührt (wenn es eine Oberfläche hatte!), und obwohl er keine Schnittwunden aufwies, so erzählte Bill Richie später doch, daß der Nagel säuberlich abgeschnitten war wie mit einer Nagelschere.
»Mein Gott, Bill!« sagte Richie. Verbandszeug. Das war das einzige, woran er denken konnte. »Komm, wir müssen das verbinden. Deine Mutter. ..«
»M-Meine M-M-Mutter wird das g-gar nicht m-merken«, sagte Bill. Er griff wieder nach dem Album. Blutstropfen fielen auf den Boden.
»Öffne es nicht!« schrie Richie und packte Bill verzweifelt bei den Schultern. »Mein Gott, Billy, du hättest um ein Haar deine Finger verloren!«
Bill schüttelte ihn ab. Er blätterte die Seiten um Sein Gesicht war bleicher denn je, hatte aber einen grimmig entschlossenen Ausdruck, der Richie mehr ängstigte als alles andere. Bills Augen sahen fast wie die eines
Wahnsinnigen aus. Seine verletzten Finger beschmierten Georgies Album mit Blut.
Und da war wieder die Kitchner-Eisenhütte und die Innenstadt von Derry.
Das Mödel-T stand mitten auf der Kreuzung. Die anderen Autos waren ebenfalls an ihren ursprünglichen Positionen erstarrt. Der auf die Kreuzung zugehende Mann hielt die Krempe seines Filzhutes fest, und sein Mantel war vom Wind gebläht.
Die beiden Jungen waren verschwunden.
Nirgends auf dem Foto waren Jungen zu sehen. Aber...
»Schau«, flüsterte Richie und deutete auf eine Stelle des Bildes, wobei er sorgfältig darauf achtete, der Oberfläche nicht zu nahe zu kommen. Direkt über der niedrigen Betonmauer am Kanalrand war ein Bogen zu sehen - der obere Teil von etwas Rundem.
Etwas wie einem Luftballon.
5
Bill schloß das Album und legte es auf das oberste Fach von Georges
Schrank zurück. Sie verließen das Zimmer und konnten gerade noch rechtzeitig die Tür schließen. Bills Mutter kam die Treppe hinauf.
»Habt ihr gerauft?« fragte sie scharf. Sie konnten ihren Schatten auf der Kletterrosentapete neben der Treppe sehen, das war aber auch alles. »Ich habe Lärm gehört...«
»N-N-ur ein bißchen, Mom«, sagte Bill und warf Richie einen warnenden Blick zu: Sei still.
»Nun, ich möchte, daß ihr sofort damit aufhört«, sagte Sharon Denbrough. »Es hat sich so angehört, als würde mir gleich die Decke auf den Kopf fallen. Und stellt den Plattenspieler leiser. Ich habe Kopfweh.«
»J-Ja, M-Mon.«
»Wenn ihr nicht leise spielen könnt, wird Richie heimgehen müssen.«
»O-Okay, M-Mom.«
Sie hörten Hausschuhe auf der Treppe. Dann entfernten sich ihre Schritte. Bill hielt seine blutende Hand. Sie gingen ins Bad am Korridorende, und er hielt sie unter kaltes Wasser, wobei er sich vor Schmerz auf die Unterlippe biß. Richie suchte inzwischen nach Verbandszeug. Nachdem die Schnittwunden von Blut gesäubert waren, sah man erst, daß sie dünn, aber entsetzlich tief waren. Beim Anblick der weißen Ränder und des roten Fleisches im Innern wurde Richie fast übel. Rasch verband er jeden Finger einzeln mit Pflaster.
»B-B-Brennt höllisch!« flüsterte Bill.
»Warum mußtest du aber auch deine Hand dort hineinstecken?« zischte Richie. »Du hast noch Glück gehabt, daß du sie nicht verloren hast, du verdammter Dummkopf! Das ist dir doch klar, oder?«
Bill nickte, betrachtete ernst seine verpflasterten Finger und schaute dann Richie an. »W-W-Was hat das zu b-b-be-bedeuten?«
Richie schüttelte langsam den Kopf. Das grelle Neonlicht im Bad ließ beide Jungen alt aussehen, wie kleine kraftlose Männer.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte er. »Aber ich sage dir eines, Big Bilclass="underline" ich glaube nicht, daß Borton jemals den Mann erwischt, der Kinder ermordet. Ich glaube nämlich nicht, daß es ein Mensch ist.«
»I-I-Ich versteh' dich n-nicht.« Aber Bill sah so aus, als verstünde er es sehr gut.
»Die vermißten Kinder. Die toten Kinder. Die Mumie, die Ben gesehen hat. Dieser kranke Kerl, den Eddie gesehen hat - dieser Vagabund...«
»Der A-A-Aussätzige.«
»Ja. All diese Dinge. Und Georgies Album. Ich glaube, das gehört alles irgendwie zusammen. Und gemacht wird das alles, glaube ich...»
Richie verstummte. Bill sah ihn nachdenklich an.
»...von irgendeinem Monster«, beendete Richie schließlich leise und tonlos seinen Satz. »Von irgendeinem Monster in Derry.«
6
Das geschah am Donnerstag. Am Samstag sahen sich Richie, Ben und Beverly Marsh zwei Monstern gegenüber - aber in völliger Sicherheit, im Aladdin-Kino auf der oberen Main Street. Eines der Monster war ein Werwolf (gespielt von Michael Landen), das andere eine von einem Nachkommen Victor Frankensteins geschaffene Kreatur (gespielt von Gary Con-way). Außerdem wurde noch gezeigt: eine tönende Wochenschau mit der neuesten Pariser Mode (das Sackkleid - das Kino dröhnte vor Gelächter) und der letzten Vanguard-Raketenexplosion in Cape Canaveral; zwei Cartoons der Warner Brothers; ein Cartoon von Popeye und Voranzeigen, unter denen zumindest zwei Filme waren, die Richie unbedingt sehen wollte: >I Married a Momterfrom Outer Space< und >The Blob<.
Ben war während der ganzen Vorstellung sehr still. Richie, der keine Ahnung davon hatte, daß Ben über die unmittelbare Nähe von Bev Marsh völlig aus dem Häuschen war, daß ihm vor Liebe abwechselnd heiß und kalt wurde, während sie in die Popcorntüte griff - Richie, der von alldem nichts ahnte, nahm einfach an, daß der alte Haystack vielleicht an diesem Tag nicht ganz auf dem Posten war. Richie selbst fühlte sich großartig. Das einzige, was seiner Meinung nach noch besser war als zwei Filme über Francis the Talking Mule, waren zwei Horrorfilme in einem Kino voller Kinder, die bei den blutrünstigen Szenen schrien und kreischten und Popcorntüten nach den großen Bildern auf der Leinwand warfen.
Er sah keinen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in den beiden Filmen und dem, was in Derry vorging. Zumindest damals nicht.