Richie hatte die Voranzeige der Samstagsmatinee >Twin Schock Show< am Freitagmorgen in den >Derry News< gesehen und sofort vergessen, wie schlecht er in der vergangenen Nacht geschlafen hatte (und wie er schließlich aufgestanden war und Licht gemacht hatte - natürlich war das ein richtiges Baby-Verhalten, aber er hatte zuvor kein Auge zutun können). Aber am Morgen war ihm alles wieder ganz normal vorgekommen - oder doch fast normal. Er überlegte, ob Bill und er nicht einfach gemeinsam einer Halluzination zum Opfer gefallen waren. Natürlich waren da noch Bills Finger.
Aber vielleicht hatte er sich nur an den scharfen Papierkanten des Albums geschnitten. Oder irgend so was.
Und so vertilgte Richie nach einem Erlebnis, das einen Erwachsenen leicht in den Wahnsinn hätte treiben können, ein üppiges Frühstück mit Pfannkuchen, entdeckte die Anzeige für die beiden Horrorfilme und begann, seinen Vater um Geld anzubetteln.
Sein Vater, der schon den weißen Zahnarztkittel trug, legte die Sportseiten der Zeitung beiseite und trank seine zweite Tasse Kaffee. Er war ein sympathisch aussehender Mann mit schmalem Gesicht, einer Brille mit Metallfassung und einer beginnenden Glatze am Hinterkopf.
»Horrorfilme«, sagte Vern Tozier.
»Ja«, grinste Richie.
»Ich hab' das Gefühl, daß du unbedingt hingehen mußt.«
»Jaaa!«
»Vermutlich wirst du sterben, wenn du diese beiden Schundfilme nicht siehst?«
»Ja, ja, das werde ich bestimmt! Ahhhh!« Richie sank in seinem Stuhl zusammen - wobei er um ein Haar seine Milch verschüttete - und hängte die Zunge weit heraus. Auf seine ganz spezielle Art ließ er seinen Charme spielen.
»Hört auf mit dem Unsinn, ihr beiden!« rief Maggie Tozier vom Herd her, wo sie für Richie Spiegeleier machte.
»Du hast doch am Montag Taschengeld bekommen«, sagte Vern. »Wo ist das geblieben?«
Richie grinste etwas verlegen. Zwei neue Comic-Bücher. Zwei alte mit zerrissenen Einbänden. Ein Yo-Yo, das angeblich >schlafen< konnte, es aber nicht tat. Und eine Plastikratte, die angeblich den Leuten Angst einjagte, es aber auch nicht tat. Allerdings leuchtete sie im Dunkeln.
Richie probierte es mit einer seiner Stimmen, der des englischen Gentlemans. »Nun, ich habe es ausgegeben, Herr Gouverneur. Für extrem wichtiges Kriegsmaterial. Wasserbombenwerfer, Haftminen und...«
»Und jede Menge Scheißdreck«, fuhr Vern liebenswürdig fort.
»Du solltest vor dem Jungen wirklich nicht solche Ausdrücke gebrauchen, Vern«, tadelte Maggie, während sie Richie seine Spiegeleier brachte. An Richie gewandt, fügte sie hinzu: »Ich weiß nicht, wozu du dir solchen Blödsinn anschauen willst.«
»Oooch, Mom«, sagte Richie - nach außen hin niedergeschlagen, aber insgeheim frohlockend. Er konnte im Gesicht seines Vaters lesen wie in einem Buch... und er war fast sicher, daß er bekommen würde, was er wollte.
»Ich glaube, ich habe dich jetzt dort, wo ich dich haben will«, sagte Vern. »Du kennst doch unseren Rasen, Richie? Er ist dir doch bestens bekannt, oder?«
»Selbstverständlich, Herr Gouverneur. Bißchen hoch das Gras, wie?«
»Völlig richtig«, stimmte Vern zu. »Mäh diesen Rasen, Richie. Aber den ganzen, du dämlicher Affe. Hinten, vorne und an den Seiten. Zwei Dollar.«
»Zwei Dollar!« rief Richie aufrichtig empört. »Es ist der größte Rasen im ganzen Block! Mein Gott, Dad!«
Vern seufzte und griff wieder nach seiner Zeitung. Auf der ersten Seite konnte Richie die Schlagzeile vermisster junge gibt anlass zu neuen Befürchtungen lesen. Er dachte kurz an George Denbroughs seltsames Album - aber das war bestimmt eine Halluzination gewesen... und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte - das war gestern passiert. Und jetzt war heute.
»Ich glaube, du willst diese Filme doch nicht unbedingt sehen«, sagte Vern. Er hielt sich die Zeitung vors Gesicht... schaute Richie aber über den Rand hinweg an, ziemlich siegessicher - wie ein Mann, der beim Pokern gute Karten hat.
»Wenn die Clark-Zwillinge den Rasen mähen, gibst du jedem von ihnen zwei Dollar!«
»Sehr richtig«, sagte Vern und ließ die Zeitung für einen Moment sinken. »Aber soviel ich weiß, wollen sie morgen nicht ins Kino gehen. Übrigens hast du Ei am Kinn, Richie.« Er verschwand wieder hinter der Zeitung.
»Das ist Erpressung!« sagte Richie zu seiner Mutter, die trockenen Toast aß, weil sie wieder einmal abzunehmen versuchte.
»Ja, mein Liebling«, stimmte seine Mutter zu. »Wisch dir das Ei vom Kinn ab.«
Richie tat, wie ihm befohlen. »Drei Dollar«, begann er zu handeln.
»Zwei«, sagte Vern trocken hinter seiner Zeitung. »Zweieinhalb, wenn alles fertig ist, bis ich heute abend nach Hause komme.«
»Okay!« rief Richie. »Abgemacht.«
Auf dem Weg zur Garage hörte er seinen Vater zu seiner Mutter sagen: »Sieht so aus, als hätte der Mörder wieder ein Opfer gefunden. Hast du das gelesen, Maggie?«
Der Clown, dachte Richie, und in der halbdunklen Garage lief ihm ein Schauder über den Rücken. Hier kam der Clown ihm viel realer vor als in seinem sonnigen Zimmer oder in der gemütlichen Eßecke. Hier war auch das Foto, das sich bewegt hatte, irgendwie realer. Georgie Denbrough mit einer Traube Luftballons.
Er packte den Holzgriff der Mähmaschine und zog sie aus der Garage heraus. Sobald er wieder im hellen Junisonnenschein stand, fühlte er sich besser. Er kannte Eddie Corcoran, und er glaubte nicht, daß der Killer ihn erwischt hatte - ganz egal, ob dieser Killer nun ein Mensch oder ein Monster war. Er glaubte vielmehr, daß Eddie nur wieder einmal seinem prügelwütigen Stiefvater aus dem Wege gehen wollte. Das hätte er seinen Eltern erzählen können, aber er hatte gelernt, daß man über solche Dinge am besten den Mund hielt. Sie glaubten nicht, daß Kinder über so was Bescheid wußten, obwohl Kinder in Wirklichkeit wahrscheinlich mehr darüber wußten als Erwachsene.
Richie machte sich an die Arbeit.
Während er den Rasenmäher vor sich her schob, übte er seine Stimmen.
Am Samstagmorgen hatte Richie zweieinhalb Dollar in seiner Jeanstasche -ein halbes Vermögen. Er rief Big Bill Denbrough an, aber Bill erzählte ihm mürrisch, er müsse nachmittags zu einem Sprachtherapietest in Bangor sein. Richie drückte sein Mitgefühl aus, dann fügte er in seiner besten Stot-ter-Bill-Stimme hinzu: »G-G-Gib ihnen S-S-S-Saures, B-Big Bill!«
»Arschloch!« erwiderte Bill und legte auf.
Als nächstes rief Richie Eddie an, aber Eddie hörte sich noch deprimierter als Bill an. Seine Mutter wollte heute ein volles Programm absolvieren; sie würden mit dem Bus die Schwestern seiner Mutter - seine Tanten - in Newport, Bangor und Hampden besuchen. Alle drei waren fett wie Mrs. Kaspbrak, und alle drei waren alleinstehend.
»Sie werden mir die Wangen tätscheln und mir sagen, wie sehr ich gewachsen bin«, klagte Eddie.
»Dann tätschle sie ebenfalls«, sagte Richie und fuhr nach einigem Zögern fort: »Eddie?«
»Ja, was ist?«
»Kommst du nächste Woche in die Barrens?«
»Wenn ihr auch da seid. Wollt ihr mit Gewehren schießen?«
»Ich glaube, daß Big Bill und ich euch was zu erzählen haben.«
»Was denn?«
»Es ist Bills Geschichte. Bis nächste Woche dann. Halt die Ohren steif, Mann.«
»Tanten!« sagte Eddie kläglich und hängte ein.
Richies dritte Wahl war Stan, aber Stan hatte Ärger mit seinen Eltern, weil er mit einem Baseball drei Fenster eingeschlagen hatte. Zur Strafe mußte er allerlei unangenehme Arbeiten im Haus und Garten verrichten. Richie fragte auch ihn, ob er nächste Woche in die Barrens käme. Vermutlich ja, sagte Stan. Richie legte nachdenklich den Hörer auf und stellte fest, daß das Erlebnis in Georgies Zimmer ihm doch mehr zu schaffen machte, als er gedacht hatte. Er suchte immer wieder nach Erklärungen und war wider Willen etwas beunruhigt. Er fragte sich, ob es Bill ähnlich gehen mochte.