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Er schlug Bens Nummer im Telefonbuch nach und rief ihn an.

»Ich würde wahnsinnig gern mitgehen«, sagte Ben, »aber ich hab' mein Taschengeld schon ausgegeben.« Er hörte sich nicht nur deprimiert, sondern auch ein wenig beschämt an, als er dieses Geständnis machte.

Richie, der sich wie ein Krösus fühlte (und der nicht gern allein ins Kino ging), sagte: »Ich hab' etwas Geld. Ich könnte dir was pumpen.«

»Wirklich? Das würdest du tun?«

»Na klar«, sagte Richie verwirrt. »Warum denn nicht?«

»Okay!« rief Ben glücklich. »Okay, das wäre super! Zwei Horrorfilme! Wow, das ist toll!«

»Na, nun mach dir mal nicht in die Hose, Mann«, sagte Richie.

Ben lachte. »Wir treffen uns am Eingang, okay?«

»Großartig.«

Richie legte auf und starrte nachdenklich auf das Telefon. Ihm kam plötzlich die Idee, daß Ben einsam sein könnte. Und dadurch fühlte er sich rich-

tig edel. Er pfiff, während er nach oben rannte, um vor der Vorstellung noch ein paar Comics zu lesen.

8

Der Tag war sonnig, aber windig und kühl. Richie schlenderte gutgelaunt die Center Street entlang, auf das Aladdin zu. Ins Kino zu gehen versetzte ihn immer in gute Laune - er liebte diese magische Welt, diese Traumwelt. Er bemitleidete jeden, der an einem solchen Tag zu Hause bleiben oder unangenehme Dinge verrichten mußte - armer alter Bill, armer alter Eddie, die zu einem Nachmittag im Sprechzimmer beziehungsweise zu altbackenen Pfefferminzplätzchen auf Silbertabletts verurteilt waren, armer alter Stan, der die Verandastufen putzen mußte.

Richie hatte sein Yo-Yo dabei und versuchte wieder, es zum Schlafen zu bringen, aber das blöde Ding wollte einfach nicht. Es verwickelte sich nur in seiner eigenen Schnur.

Auf halber Höhe des Center Street Hill (sobald man die Innenstadt von Derry verließ, führten sämtliche Wege hügelaufwärts, es sei denn, man wollte in die Barrens) sah er ein Mädchen in beigem Faltenrock und weißer ärmelloser Bluse auf einer Bank vor dem LaVerdier's Drugstore sitzen. Es aß ein Eis - dem Aussehen nach zu schließen Pistazieneis. Rotbraunes Haar, das in der Sonne kupferfarben leuchtete und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, fiel ihm über den Rücken. Richie kannte nur ein Mädchen mit einer so wunderschönen Haarfarbe. Und das war Beverly Marsh.

Richie hatte Bev sehr gern. Na ja, er hatte sie gern, aber nicht so. Er bewunderte ihr Aussehen (und er wußte, daß er damit nicht allein stand -Mädchen wie Sally Mueller und Greta Bowie haßten Beverly wie die Pest; es war ihnen unbegreiflich, daß sie - die ansonsten alles hatten, was sie sich nur wünschen konnten - in puncto Aussehen mit der Tochter eines Slumbewohners von der unteren Main Street nicht konkurrieren konnten), aber er mochte sie so gern, weil sie ihm stark und humorvoll vorkam. Meistens hatte Bev Zigaretten bei sich. Ein- oder zweimal hatte er sich zwar bei dem Gedanken ertappt, welche Farbe wohl ihr Slip unter der kleinen Auswahl ziemlich abgetragener Röcke haben mochte, aber im allgemeinen konnte er sie einfach wie einen guten Kumpel behandeln - einen sehr hübschen Kumpel, das stand außer Frage.

Sofort zog Richie den Gürtel eines unsichtbaren Mantels enger, schob einen unsichtbaren Schlapphut nach vorne und verwandelte sich in Humph-rey Bogart. Wenn er dazu noch die richtige Stimme einsetzte, war er Humphrey Bogart. Nur hörte er sich an wie ein leicht erkälteter Richie Tozier.

»Hallo, Schätzchen«, rief er und schlenderte auf die Bank zu, wo sie saß und den Verkehr beobachtete. »Sinnlos, hier auf 'nen Bus zu warten. Die Nazis haben uns den Rückzugsweg abgeschnitten. Letztes Flugzeug startet um Mitternacht. Du wirst mit von der Partie sein. Er braucht dich, Schätzchen. Ich auch, aber ich werd's schon irgendwie allein schaffen.«

»Hallo, Richie«, sagte Bev, und als sie sich ihm zuwandte, sah er einen großen blauen Fleck auf ihrer rechten Wange. Ihm fiel wieder auf, wie hübsch sie aussah... nur erkannte er jetzt plötzlich, daß sie nicht einfach hübsch aussah, sondern wirklich schön war. Vielleicht war es der blaue Fleck, dem er diese Erkenntnis verdankte - der starke Gegensatz, der besonders ins Auge fiel und die Schönheit ihrer graublauen Augen, der roten Lippen, der makellosen hellen Haut besonders hervorhob. Auf ihrer Nase tummelten sich winzige Sommersprossen.

»Du bist ein Arschloch, Richie. Das hört sich kein bißchen nach Humph-rey Bogart an.« Aber sie lächelte ein wenig.

Richie setzte sich neben sie auf die Bank. »Gehst du auch ins Kino?«

»Ich hab' kein Geld«, sagte sie. »Kann ich mal dein Yo-Yo haben?«

Er gab ihn ihr. »Ich will's zurückbringen«, berichtete er. »Es soll angeblich schlafen, tut's aber nicht. Man hat mich reingelegt.«

Sie steckte ihren Finger durch die Schlinge, drehte ihre Handfläche nach oben, das Yo-Yo mit dem rechten Daumen festhaltend. Dann ließ sie es los. Es rollte sich ab, schlief und schnellte gehorsam wieder hoch, als sie ihre Finger bewegte.

»Oh, Scheiße!« rief Richie und schloß die Augen.

»Schau mal«, sagte Bev. Sie stand auf, rollte das Yo-Yo wieder ab und ließ es ein paarmal gekonnt bis zur halben Höhe hochschnellen und wieder abrollen.

»Oh, hör auf!« stöhnte Richie. »Ich kann Angeberei nicht ausstehen.«

»Und wie findest du das?« fragte Beverly mit süßem Lächeln. Sie ließ das Yo-Yo nach vorne und hinten schnellen und beendete ihre Vorführung mit zwei eleganten Schlenkern (wobei sie um ein Haar eine vorbeischlurfende alte Dame getroffen hätte, die den Kindern einen mißbilligenden Blick zuwarf). Zuletzt landete das Yo-Yo säuberlich aufgerollt wieder in ihrer Handfläche. Bev gab es Richie zurück, setzte sich wieder und kreuzte anmutig die Knöchel. Richie starrte sie mit offenem Mund in ungespielter Bewunderung an. Sie warf ihm einen Blick zu und kicherte.

»Mach den Mund zu, es zieht!«

Richie klappte laut vernehmlich seinen Mund zu. Kinder gingen vorbei, die ebenfalls auf dem Weg ins Aladdin waren. Peter Gordon näherte sich mit Marcia Fadden. Es hieß, die beiden gingen miteinander, aber Richie war der Ansicht, es läge nur daran, daß sie am West Broadway direkt gegenüber wohnten und beide solche Arschlöcher waren, daß sie sich gegenseitig unterstützen und schützen mußten. Obwohl er erst elf war, hatte Gordon schon jede Menge Pickel im Gesicht. Er trieb sich manchmal mit Bowers, Criss und Huggins herum, aber allein war er nicht allzu mutig. So beschränkte er sich auch jetzt darauf, als er Richie und Bev nebeneinander auf der Bank sitzen sah, spöttisch zu singen: »Richie und Beverly hoch auf einem Baum, küssen sich und sind wie im Traum! Zuerst kommt Liebe, dann kommt Ehe...«

»... und ein Baby rückt auch schon in die Nähe!« vollendete Marcia den geistreichen Spruch.

Bev zeigte ihnen sofort einen Vogel. Marcia schaute angewidert weg, so als könne sie nicht begreifen, daß jemand ein derart ungehobeltes Benehmen hatte. Gordon legfe den Arm um sie und rief Richie über die Schulter hinweg zu: »Vielleicht seh' ich dich später noch, Vierauge!«

»Vielleicht siehst du auch die Strapse deiner Mutter«, erwiderte Richie schlagfertig, wenn auch nicht besonders geistreich. Beverly mußte so lachen, daß sie sich einen Augenblick an Richies Schulter lehnte, und Richie stellte fest, daß es alles andere als unangenehm war, ihre Berührung zu spüren. Dann rückte sie wieder ein Stückchen zur Seite.

»Was für Arschlöcher!« sagte sie.

»Ja, ich nehm' an, daß Marcia Fadden Rosenwasser pißt«, sagte Richie, und Beverly kicherte wieder.

»Chanel Nummer Fünf«, sagte sie, sich die Hand vor den Mund haltend.

»Genau«, stimmte Richie zu, obwohl er keine Ahnung hatte, was Chanel Nummer Fünf war. »Bev?«