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»Hmmm?«

»Kannst du mir zeigen, wie man das Yo-Yo zum Schlafen bringt?«

»Ich glaub' schon. Ich hab' noch nie versucht, es jemandem beizubringen.«

»Wie hast du's denn gelernt? Wer hat's dir gezeigt?«

Sie warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Niemand hat's mir gezeigt. Ich hab's mir selbst beigebracht. So wie das Taktstock-Wirbeln. Darin bin ich ganz groß, aber ich hab' keinen Unterricht gehabt oder so was.«

»Du kannst Taktstock-Wirbeln?«

»Klar.«

»Dann wirst du wohl in der Junior High School Cheerleader sein?«

Sie lächelte, und Richie hatte noch nie im Leben ein solches Lächeln gesehen. Es war weise, traurig und zynisch zugleich, und er zuckte angesichts dieser unbewußten Stärke unwillkürlich zusammen wie beim Anblick des Fotos in Georgies Album, das sich plötzlich bewegt hatte.

»Das ist etwas für Mädchen wie Sally Mueller und Greta Bowie und Marcia Fadden«, sagte sie. »Ihre Väter spenden 'ne Menge Geld für die FootballAusrüstung und dadurch haben sie's leicht, Cheerleader zu werden. Ich werd' nie eine sein.«

»Mein Gott, Bev, das ist keine Einstellung...«

»Es ist aber so. Na ja, doch wer möchte ohnehin Purzelbäume schlagen und einer Million Leuten seine Unterwäsche zeigen? So, Richie, und nun paß mal auf.«

In den nächsten zehn Minuten versuchte sie Richie beizubringen, wie er sein Yo-Yo zum Schlafen bringen konnte, und zuletzt hatte er den Dreh fast heraus, obwohl es nur bis zur halben Höhe hochschnellte, wenn er es wieder aufweckte.

Richie schaute auf die Uhr am Merrill Trust auf der anderen Straßenseite und sprang auf. »Du lieber Himmel, ich muß mich beeilen, Bev. Ich treff mich mit dem guten alten Haystack. Er wird glauben, ich sei verschollen oder so was Ähnliches.«

»Mit wem?«

»Oh. Ben Hanscom. Ich nenne ihn Haystack. Nach dem Ringer Haystack Calhoun.«

Bev runzelte die Stirn. »Das ist nicht nett von dir. Ich mag Ben.«

»Oh, bitte, peitschen Sie mich nicht aus, Herrin«, kreischte Richie mit seiner Negerstimme, rollte wild die Augen und faltete die Hände. »Bitte nicht peitschen. Ich schwör', ich tu's nicht wieder, Herrin, ich...«

»Richie«, sagte Bev leise.

Richie hörte sofort auf. »Ich mag ihn auch«, sagte er. »Wir haben vor ein paar Tagen draußen in den Barrens einen Damm gebaut und...«

»Ihr geht in die Barrens?« fragte Bev bestürzt. »Ben geht dorthin?«

»Naklar«, sagte Richie. »Wir.. .«Er schaute wieder auf die Uhr. »Ich muß gehen. Ben wird bestimmt schon warten.«

»Okay.«

Er schwieg einen Moment, dann rief er: »He, komm doch mit, wenn du nichts Besseres vorhast!«

»Ich hab' dir doch schon gesagt, daß ich kein Geld habe.«

»Ich zahl' für dich. Ich hab' ein paar Dollar.«

Sie warf die Überreste ihrer Eistüte in einen Abfallkorb. Dann schaute sie mit ihren schönen klaren blaugrauen Augen leicht amüsiert zu ihm auf. »Du lieber Himmel, werde ich zu einem Rendezvous eingeladen?« fragte sie und tat so, als richte sie ihr Haar.

Einen Augenblick lang war Richie sehr verlegen - was ihm nur sehr selten passierte. Er spürte, wie ihm Röte in die Wangen stieg. Er hatte sein Angebot gemacht, ohne sich etwas dabei zu denken, genau wie bei Ben (nein, flüsterte eine leise innere Stimme, Haystack hast du versprochen, ihm Geld zu leihen ... ich hab' aber nicht gehört, daß du Bev gegenüber das Wörtchen >leihen< erwähnt hast), aber nun war ihm ein bißchen... na ja, sonderbar zumute. Plötzlich nahm er ihre knospenden Brüste wahr - sie bekam tatsächlich schon welche! - und überlegte, wie ihre Beine unter dem Faltenrock wohl geformt sein mochten.

»Ja, ein Rendezvous!« rief er, fiel vor ihr auf die Knie und faltete flehend die Hände. »Bitte, komm mit! Komm mit! Ich bring' mich um, wenn du nein sagst!«

»Oh, Richie, du bist so ein Superarschloch!« sagte sie kichernd. Aber waren nicht auch ihre Wangen ein bißchen gerötet? Wenn ja, so sah sie dadurch nur noch reizender aus. »Steh auf, bevor du verhaftet wirst.«

Er stand auf. »Kommst du mit?«

»Klar«, sagte sie. »Herzlichen Dank. Na so was - mein erstes Rendezvous!«

»Ich wollte, du würdest aufhören, es so zu nennen.«

Sie seufzte. »Du hast keine sehr romantische Seele, Richie.«

»Stimmt haargenau.«

Aber er war in sehr gehobener Stimmung. Die ganze Welt kam ihm mit einem Male wunderschön vor. Von Zeit zu Zeit warf er ihr scheue Seitenblicke zu. Sie betrachtete im Vorbeigehen die Schaufensterauslagen - die Kleider und Nachthemden im >Cortell-Siegel<, die Handtücher und Töpfe im >Discount Barn<, und er betrachtete währenddessen ihre Haare und die Linie ihres Kinns und ihre nackten Arme, und alles entzückte ihn. Er wußte selbst nicht warum, aber die Ereignisse in Georgie Denbroughs Zimmer waren ihm plötzlich unendlich fern.

Kinder bezahlten an der Kasse ihren Vierteldollar und gingen in den Vor-führsaal hinein. Mit einem Blick durch die Glastür stellte Richie fest, daß an der Süßwarentheke ein Riesengedränge herrschte. Die alte Popcornmaschine arbeitete auf Hochtouren. Ben war nirgends zu sehen.

Auch Beverly hielt nach ihm Ausschau. »Ich seh' ihn nicht. Vielleicht ist er schon reingegangen.«

»Er hat mir erzählt, er hätte kein Geld. Und die Tochter von Frankenstein dort drüben würde ihn ohne Karte nie reinlassen.« Richie deutete mit dem Daumen auf Mrs. Cole, die etwa seit der Zeit, da Gott Himmel und Erde geschieden hatte, im Aladdin an der Kasse saß. Ihr rotgefärbtes Haar war so dünn, daß ihre Kopfhaut hindurchschimmerte. Sie hatte wulstige Lippen und trug eine Schmetterlingsbrille mit falschen Edelsteinen an den Ecken der Fassung. Sie war eine perfekte Demokratin - sie haßte alle Kinder in gleichem Maße.

»Mann, gleich beginnt die Vorstellung«, sagte Richie. »Wo bleibt er nur?«

»Du kannst ihm eine Karte kaufen und an der Kasse für ihn hinterlegen«, sagte Bev vernünftig. »Wenn er dann kommt...«

Aber in diesem Augenblick bog Ben um die Ecke Center- und Macklin Street. Er schnaufte, und sein Bauch schwabbelte unter seinem Sweater. Er sah Richie und winkte ihm zu. Dann entdeckte er Bev. Seine Augen wurden riesengroß. Seine Hand erstarrte mitten in der Bewegung, dann ließ er sie langsam sinken und kam ein wenig zaudernd auf sie zu.

»Hallo, Richie.« Er zögerte und schaute dann ganz kurz zu Bev hinüber, so als hätte er Angst, eine Verbrennung durch Hitzestrahlung oder so was Ähnliches zu bekommen, wenn er seine Blicke zu lange auf ihr ruhen ließ.

»Hallo, Ben«, sagte sie, und ein seltsames Schweigen breitete sich zwischen den beiden aus - kein unangenehmes Schweigen, dachte Richie, sondern ein irgendwie bedeutungsvolles. Er verspürte einen Anflug von Eifersucht. Als er Jahre später in seinem Mietwagen vor dem Derry Town House vorfuhr, fiel ihm diese Szene wieder ein, und er dachte, daß seine Eifersucht sich damals hauptsächlich auf Ben konzentriert hatte... es war ein momentaner instinktiver Neid auf Bens starke Emotionen, wie immer diese auch beschaffen sein mochten.

»Tag, Haystack«, sagte er dann. »Ich glaubte schon, du hättest mich versetzt. Bei diesen Filmen wirst du dir mindestens zehn Pfund abschwitzen. Du wirst bestimmt den ganzen Sommer über Alpträume haben.«

Richie wollte zur Kasse gehen, aber Ben griff nach seinem Arm. Richie drehte sich um.

Ben setzte zum Sprechen an, warf Bev einen Seitenblick zu (sie lächelte ihn an) und machte dann einen neuen Anlauf. »Ich bin um die Ecke gegangen, weil diese Kerle anmarschiert kamen«, sagte er. »Henry Bowers und Criss. Belch Huggins. Und noch ein paar andere.«

Richie pfiff durch die Zähne. »Sind sie ins Kino gegangen?«

Ben nickte.

»Wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich zu Hause bleiben und einfach in den Spiegel schauen«, sagte Richie. »Horrorfilme ganz gratis.« Bev lachte, aber Ben lächelte nur ein wenig. Henry Bowers hatte ihn neulich umbringen wollen. Dessen war er sich ganz sicher.