»Na ja, wir geh'n einfach auf den Balkon rauf«, meinte Richie. »Sie werden bestimmt in der zweiten Reihe sitzen und ihre Schweißfüße hochlegen.«
»Bist du sicher?«
»Ja.« Richie schwieg einen Moment. »Na ja, ganz sicher bin ich nicht. Aber wenn sie irgendwas anfangen wollen, sagen wir einfach Foxy Bescheid, und der schmeißt sie dann raus.« Foxy war Mr. Foxworth, der magere, blasse, verdrießlich aussehende Manager des Aladdin. Er verkaufte jetzt gerade Süßigkeiten und Popcorn und leierte dabei unaufhörlich »Nicht drängeln! Nicht vordrängen!« In seinem fadenscheinigen Smoking und dem vergilbten Hemd sah er wie ein Leichenbestatter aus.
Ben schaute zweifelnd Foxy und dann wieder Richie an.
»Du darfst dein Leben nicht total von ihnen beherrschen lassen, Mann«, sagte Richie leise. »Weißt du das nicht?«
»Eigentlich schon«, seufzte Ben. Er hatte sich bisher nie Gedanken darüber gemacht... aber Beverlys Anwesenheit gab für ihn den Ausschlag. Zum einen wollte er nicht, daß sie ihn für einen Feigling hielt, zum anderen übte der Gedanke, auf dem Balkon im Dunkeln in ihrer Nähe zu sein -selbst wenn Richie zwischen ihnen sitzen würde, was sehr wahrscheinlich war - auf ihn eine ungeheure Anziehungskraft aus.
»Wir gehen rein, sobald die Vorstellung anfängt«, sagte Richie. »Dann ist es dunkel. Nur Mut, HayStack.«
»Nenn mich bitte nicht so, okay?«
»Okay, Haystack.«
Ben runzelte flüchtig die Stirn, dann prustete er los. Auch Richie lachte, und Bev stimmte in ihr Lachen ein.
Richie ging zur Kasse. Wulstlippe Cole musterte ihn mürrisch.
»Guten Tag, schöne Frau«, sagte Richie. »Ich hätt' 'nen dringenden Bedarf an drei hübschen Kärtchen für unsre guten alten amerikanischen Schinken.«
»Was?« schnauzte Wulstlippe so barsch durch die runde Öffnung im Glas und zog so drohend ihre dünnen Brauen hoch, daß Richie hastig einen zerknitterten Dollarschein durch den Schlitz schob und murmelte: »Dreimal bitte.«
Drei Karten fielen in den Schlitz. Richie nahm sie an sich. Mrs. Cole warf ihm eine Vierteldollarmünze zu. »Keinen Unsinn machen, nicht mit Popcorntüten werfen, nicht schreien und kreischen«, kommandierte sie.
»Nein, Madam«, sagte Richie und zog sich zurück. »Es wärmt mir immer das Herz, eine alte Kuh zu sehen, die so 'ne Schwäche für Kinder hat«, sagte er zu Bev und Ben.
Sie standen draußen herum und warteten auf den Beginn der Vorstellung. Wulstlippe starrte sie hinter ihrer Glasbarrikade hervor mißtrauisch an. Richie gab für Bev die Geschichte vom Dammbau in den Barrens zum besten und trompetete Mr. Nells Partien mit seiner Stimme-des-irischen-Bullen. Bald lachte Bev schallend, und sogar Ben grinste, obwohl seine Blicke weiterhin zwischen der Glastür des Aladdin und Beverlys Gesicht hin und her schweiften.
Der Balkon war okay. Gleich zu Beginn von >I Was a Teenage Frankenstein< entdeckte Richie - wie er vorhergesagt hatte - Henry Bowers und seine Scheißfreunde in der zweiten Reihe Parterre. Es waren fünf oder sechs Burschen, Fünft-, Sechst- und Siebenkläßler; alle hatten ihre Motorradstiefel auf die Lehnen vor ihnen gelegt. Foxy ging hin und befahl ihnen, die Füße auf den Boden zu stellen. Sie gehorchten. Foxy entfernte sich. Die Stiefel wurden wieder auf die Lehnen gelegt. Fünf oder zehn Minuten später tauchte Foxy wieder bei ihnen auf, und das Spielchen wiederholte sich. Foxy hatte nicht genug Mumm, um sie hinauszuwerfen.
Die Filme waren wirklich gut. Der Teenage-Frankenstein sah richtig schön gruselig aus. Trotzdem war der Teenage-Werwolf irgendwie furchterregender ... vielleicht, weil er auch ein bißchen traurig war. Er war eigentlich nicht schuld an dem, was passierte. Der Hypnotiseur hatte ihn zu dem gemacht, was er war.
Beverly saß zwischen den beiden Jungen, aß Popcorn aus ihren Tüten, schrie, hielt sich die Augen zu, lachte manchmal. Als der Werwolf das Mädchen schnappte, das nach der Schule in der Turnhalle trainierte, preßte sie ihr Gesicht gegen Bens Arm, und Richie hörte Bens überraschtes Keuchen sogar durch das Kreischen der zwei- oder dreihundert Kinder hinweg.
Zuletzt wurde der Werwolf getötet. Ein Bulle sagte zum anderen, dies würde den Leuten hoffentlich eine Lehre sein, nicht mit Dingen herumzuspielen, die man am besten Gott überlassen solle. Die Lichter im Saal gingen an. Richie war hundertprozentig zufrieden, obwohl er leichtes Kopfweh hatte. Vermutlich würde er bald wieder zum Augenarzt gehen und sich eine stärkere Brille verschreiben lassen müssen. Bis er auf die High School käme, würden seine Gläser so dick wie Cola-Flaschen sein, dachte er niedergeschlagen.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Ben ihn am Ärmel zupfte. »Sie haben uns gesehen«, flüsterte er.
»Häh?«
»Bowers und Criss. Sie haben beim Rausgehen hochgeschaut. Sie haben uns gesehen, Richie!« Ben hörte sich an, als sei er einer Panik nahe. Vielleicht hätte Richie den Grund dafür besser verstanden, wenn er dabei gewesen wäre, als Ben mit blutigem Bauch und zerfetztem Sweater am Bach auf Bill und Eddie zugehinkt war.
»Okay, okay«, sagte Richie. »Beruhige dich, Haystack. Beruhige dich. Wir gehen einfach durch den Seitenausgang raus. Kein Grund zur Sorge.«
Sie gingen die Treppe hinab, Richie als Vorhut, Beverly in der Mitte, Ben als letzter - er schaute immer wieder beunruhigt zurück.
»Sind diese Kerle hinter dir her, Ben?« fragte Beverly.
»Ich nehm's stark an«, antwortete Ben. »Ich hab' am letzten Schultag mit Henry Bowers einen Kampf gehabt.«
»Hat er dich verprügelt?«
»Nicht so sehr, wie er wollte«, sagte Ben. »Deshalb ist er jetzt wahrscheinlich wütender denn je.«
Richie stieß die Ausgangstür auf, und sie traten auf das Gäßchen zwi-
sehen dem Kino und Nan's Luncheonette hinaus. Eine Katze, die in Mülltonnen gewühlt hatte, fauchte und rannte an ihnen vorbei auf einen Bretterzaun am Ende der Gasse zu. Sie kletterte behend am Zaun hoch und verschwand auf der anderen Seite. Ein Mülltonnendeckel klapperte. Bev machte einen Satz und packte Richie am Arm. »Ich bin von den Filmen her noch ein bißchen nervös«, erklärte sie.
»Du brauchst...«, setzte Richie zu einer Antwort an.
»Hallo, Dreckskerl!« rief Henry Bowers.
Bestürzt drehten sich die drei Kinder um. Henry, Victor und Belch standen am Anfang der Gasse, und hinter ihnen zwei weitere Burschen.
»O Scheiße, ich wußte, daß so was passieren würde«, stöhnte Ben.
»Sprich am besten rasch noch ein Gebet, Dreckskerl«, sagte Henry und rannte auf sie zu.
Die folgenden Ereignisse kamen Richie sowohl damals als auch später immer unwirklich vor, wie aus einem Film - im wirklichen Leben passierte so etwas einfach nicht. Im wirklichen Leben bezogen die Kleinen ihre Prügel, sammelten dann ihre Zähne auf und humpelten nach Hause.
Aber diesmal lief es nicht so ab.
Beverly machte einige Schritte vorwärts, als wollte sie Henry entgegengehen, ihm die Hand schütteln oder einen Kuß geben. Richie hörte deutlich seine Stiefelnägel auf dem Pflaster. Victor und Belch folgten ihrem Anführer. Die beiden anderen Jungen standen am Eingang zur Gasse Schmiere.
»Laß ihn in Ruhe!« schrie Beverly. »Halt dich an jemanden von deiner eigenen Größe!«
»Geh mir aus dem Weg, du Hexe!« brüllte Henry, der alles andere als ein Gentleman war. »Sonst walz' ich dich pl...«
Richie streckte sein Bein aus, ohne richtig zu wissen, was er tat. Henry stolperte darüber und fiel hin. Die Pflastersteine waren hier sehr glitschig, weil überall Abfall aus den überquellenden Mülltonnen der Luncheonette herumlag.
»Ich bring' euch um, ihr Scheißkerle!« schrie er, während er sich wieder hochrappelte. Sein Hemd war mit Kaffeesatz, Dreck und Kohlresten beschmiert.