»Ich wünschte, ich hätte ein paar von diesen Fischen«, sagte Richie fröhlich. »Ich würde sie Henry Bowers in die Badewanne legen.«
Ben begann zu kichern. »Ich glaube nicht, daß er jemals badet.«
»Wir sollten lieber auf der Hut vor diesen Burschen sein«, sagte Beverly und strich mit dem Finger über den blauen Fleck auf ihrer Wange. »Mein Dad hat mich vorgestern verprügelt, weil ich ein paar Teller zerbrochen habe. Einmal pro Woche ist genug.«
Ein kurzes Schweigen trat ein, das aber nichts Betretenes oder Peinliches an sich hatte. Dann erzählte Richie, ihm habe am meisten die Szene gefallen, als der Werwolf den bösen Hypnotiseur erwischte. Sie unterhielten sich länger als eine Stunde über die Filme - und über andere Horrorfilme, die sie gesehen hatten, und über die Alfred-Hitchcock-Show im Fernsehen. Bev entdeckte am Ufer Gänseblümchen und pflückte eines. Sie hielt es zuerst unter Richies und dann unter Bens Kinn, um festzustellen, ob sie Butter mochten. Sie erklärte, das sei bei beiden der Fall. Als sie ihnen die Blume unters Kinn hielt, war jeder der beiden Jungen sich der leichten Berührung auf der Schulter und des frischen Geruchs ihrer Haare stark bewußt. Ihr Gesicht war nur ganz flüchtig Bens Gesicht sehr nahe, aber in der folgenden Nacht träumte er von ihren Augen.
Die Unterhaltung geriet gerade etwas ins Stocken, als sie auf dem Pfad hinter sich Schritte und Gesprächsfetzen hörten. Sie drehten sich rasch um, und Richie schoß es plötzlich durch den Kopf, daß hinter ihnen der Fluß war, daß sie keine Rückzugsmöglichkeit hatten.
Die Stimmen wurden lauter. Unwillkürlich stellten sich Ben und Richie schützend vor Beverly.
Die Büsche am Ende des Pfades bewegten sich... und plötzlich kam Bill Denbrough zum Vorschein. Ein anderer Junge war bei ihm, den Richie flüchtig kannte. Er hieß Bradley Sowieso und lispelte furchtbar. Wahrscheinlich war er zusammen mit Bill bei diesem Sprachtherapiedingsbums gewesen, dachte Richie.
»Big Bill!« rief er, dann fuhr er in seiner gewählten britischen Stimme fort: »Wir sind sehr glücklich, Sir, Sie hier begrüßen zu dürfen, Mr. Denbrough.«
Bill grinste fröhlich - und als seine Blicke von Richie zu Ben und Beverly und dann zu Bradley Wieimmererauchheißenmochte schweiften, überkam Richie plötzlich eine unheimliche Gewißheit. Beverly gehörte irgendwie zu ihnen. Bills Augen verrieten es deutlich. Aber Bradley nicht. Er würde heute vielleicht ein Weilchen hierbleiben und sogar wieder einmal in die Barrens kommen - niemand würde ihm sagen, tut uns leid, der Klub der Verlierer ist schon voll, wir haben bereits unser sprechbehindertes Mitglied -, aber er gehörte einfach nicht dazu.
Dieser Gedanke machte Richie plötzlich Angst. Sie überwältigte ihn mit solcher Kraft, daß er einen Augenblick lang befürchtete zu ersticken. Es war ein Gefühl, wie wenn man plötzlich erkennt, daß man zu weit hinausgeschwommen ist und den Kopf nicht mehr über Wasser halten kann. Es war eine blitzartige intuitive Erkenntnis: Wir werden in irgend etwas hineingezogen. Werden sorgfältig ausgewählt - auserwählt. Nichts von alldem ist Zufall. Weder daß Ben neulich in die Barrens gefallen ist, noch daß Stan und ich rechtzeitig gekommen sind, um beim Dammbau zu helfen, noch daß ich heute Beverly auf jener Bank getroffen habe. Nichts davon war Zufall. Wir werden in irgend etwas hineingezogen. Sind wir schon komplett?
Dann verschwand die Angst wieder, und die Intuition zerfiel in bedeutungslose Gedankenfetzen - wie die Splitter einer zerbrochenen Glasscheibe. Bill war hier, und Bill bot Sicherheit; er war physisch der größte von ihnen, und er sah auch am besten aus. Er brauchte nur einen Seitenblick auf Bev zu werfen, die Bill fasziniert anschaute, und dann Bens Augen zu sehen, der Bev unglücklich und wissend betrachtete, um sich dessen sicher zu sein. Aber Bill sah nicht nur am besten aus, er war auch am stärksten von ihnen allen, und Richie vermutete, daß Ben nicht eifersüchtig sein würde, wenn Beverly sich in Bill verknallte oder wie immer man das nennen wollte (wenn'sie sich hingegen in mich verknallen würde, dachte Richie, wäre Ben bestimmt eifersüchtig). Er würde das als etwas völlig Natürliches akzeptieren. Und da war auch noch etwas anderes: Bill war gut. Es war dumm, so was zu denken (er dachte es auch nicht richtig; vielmehr spürte er es), aber er konnte es nicht ändern. Bill hatte nun mal diese Ausstrahlung. Stark und gut, wie ein Ritter in einem alten Film, der kitschig ist, der einen aber trotzdem zum Weinen bringt. Stark und gut. Und fünf Jahre später, als seine Erinnerungen an das, was in Derry in jenem Sommer und auch zuvor passiert war, rasch verblaßten, würde der Teenager Richie Tozier entdecken, daß John F. Kennedy ihn an Stotter-Bill erinnerte.
An wen? würde eine innere Stimme fragen.
Er würde verwirrt aufschauen und den Kopf schütteln. An einen Jungen, den ich einmal gekannt habe, würde er denken und ein vages Unbehagen verdrängen, indem er seine Brille hochschieben und sich wieder seinen Hausaufgaben zuwenden würde. An einen Jungen, den ich vor langer Zeit gekannt habe.
Jetzt stemmte Bill seine Hände in die Hüften, lächelte fröhlich und
sagte: »N-N-Na, d-da wären w-wir a-also... u-u-und was m-m-machen wir jetzt?«
»Hast du Zigaretten?« fragte Richie hoffnungsvoll.
11
Fünf Tage später, als der Juni sich dem Ende zuneigte, erzählte Bill Richie, er wolle zur Neibolt Street fahren und sich unter der Veranda umschauen, wo Eddie den Aussätzigen gesehen hatte.
Sie waren fast vor Richies Haus angekommen, und Bill schob Silver. Richie hatte die ganze Strecke auf dem Gepäckträger zurückgelegt - es war eine aufregend schnelle Fahrt quer durch Derry gewesen -, aber einen Block vor Richies Haus hatte Bill lieber angehalten, und sie waren abgestiegen. Wenn Richies Mutter sehen würde, daß er auf dem Gepäckträger mitfuhr, würde sie glatt in Ohnmacht fallen. In Silvers Drahtkorb lagen Spielzeuggewehre - zwei gehörten Bill, zwei Richie. Sie hatten den größten Teil des Nachmittags in den Barrens verbracht und mit Gewehren gespielt. Beverly war gegen drei Uhr aufgetaucht, in verblichenen Jeans, mit einem uralten Daisy-Luftgewehr, das nicht mehr viel taugte - wenn man den abblätternden Drücker betätigte, gab es ein erschöpftes Schnauben von sich. Bevs Spezialität war japanisches Heckenschießen, und sie konnte ausgezeichnet auf Bäume klettern und von dort Unvorsichtige erschießen, die unten vorbeigingen. Der blaue Fleck auf ihrer Wange war zu einem hellen Gelb verblaßt.
»Was hast du gesagt?« fragte Richie. Er war geschockt... aber auch ein wenig neugierig.
»I-Ich m-m-möchte einen B-B-Blick unter jene V-V-Veranda werfen«, wiederholte Bill. Seine Stimme klang eigensinnig, aber er vermied es, Richie anzuschauen. Auf seinen Backenknochen brannten kleine rote Flek-ken. Sie standen jetzt vor Richies Haus. Richies Mutter saß auf der Veranda und las ein Buch. Sie winkte ihnen zu und rief: »Hallo, Jungs! Wollt ihr Eistee haben?«
»Wir kommen gleich, Mom«, rief Richie, dann wandte er sich wieder Bill zu: »Es wird dort nichts zu sehen geben. Er hat einen Landstreicher gesehen und ist darüber zu Tode erschrocken. Mein Gott, du kennst doch Eddie!«
»Ja-Ja, ich k-kenne Eddie. Aber d-d-denk mal an das Foto im A-A-Album.«
Richie trat unbehaglich von einem Bein aufs andere. Bill zeigte ihm seine rechte Hand. Die Finger waren nicht mehr verpflastert, aber Richie konnte die verheilenden Schnittwunden noch deutlich erkennen.
»Ja, aber...«