»H-H-Hör mal zu«, fiel Bill ihm ins Wort. Er redete sehr langsam und schaute Richie unverwandt in die Augen. Er wies wieder auf die Ähnlichkeiten zwischen Bens und Eddies Geschichten hin... und verknüpfte sie mit dem, was sie in dem sich bewegenden Foto gesehen hatten. Er wiederholte die Vermutung, daß der Clown die Jungen und Mädchen ermordet hatte, die seit Dezember des Vorjahres in Derry tot aufgefunden worden waren. »Und vielleicht n-nicht nur s-sie«, endete er. »W-Was ist mit all jenen, die v-v-verschwunden sind? W-w-was ist mit E-E-Eddie Corcoran?«
»Scheiße, sein Stiefvater hat ihn umgebracht«, sagte Richie, aber er fühlte sich immer noch sehr unbehaglich. Richard Macklin war am Vortag verhaftet worden. »Liest du denn keine Zeitungen?«
»N-Na ja, v-v-vielleicht hat er's getan, v-vielleicht aber auch n-n-nicht«, meinte Bill. »I-Ich kannte ihn ein b-b-bißchen, und ich w-weiß daß sein D-D-Dad ihn oft prügelte. U-U-Und ich w-weiß auch, daß er m-m-manchmal n-nachts nicht heimging, um vor ihm in S-S-Sicherheit zu sein.«
»Und du glaubst, daß der Clown ihn erwischt hat«, sagte Richie nachdenklich. »So ist es doch?«
Bill nickte.
»Und was willst du - sein Autogramm?«
»W-W-Wenn der Clown die a-a-anderen e-e-erm-m-mordet hat, d-dann hat er auch G-G-Georgie e-ermordet«, sagte Bill und schaute Richie an. Seine Augen waren wie aus Stein - hart, kompromißlos, unversöhnlich. »Ich w-w-will ihn t-t-t-töten.«
»Mein Gott«, rief Richie ängstlich. »Wie willst du denn das machen?«
»Mein D-D-Dad hat eine P-Pistole«, erklärte Bill. Etwas Speichel flog ihm aus dem Mund, aber Richie bemerkte es kaum. »E-Er weiß n-n-nicht, daß ich's w-weiß, a-aber sie liegt g-g-ganz oben in s-seinem Schrank.«
»Das könnte funktionieren, wenn es ein Mann ist«, sagte Richie, »und wenn wir ihn auf einem Haufen Kinderknochen sitzend finden...«
»Ich hab' den Tee eingeschenkt, Jungs!« rief Richies Mutter. »Kommt her!«
»Sofort, Mom!« rief Richie zurück und lächelte strahlend, aber dieses gezwungene Lächeln verschwand sofort aus seinem Gesicht, als er sich wieder Bill zuwandte. »Ich würde nämlich niemanden erschießen, nur weil er ein Clownskostüm anhat, Billy. Du bist mein bester Freund, aber das würde ich nicht tun, und ich würde auch dich daran hindern, wenn ich könnte.«
»U-U-Und w-was, w-w-wenn t-tatsächlich ein H-H-Haufen Knochen daliegen w-würde?«
Richie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schwieg einen Moment lang. Dann fragte er: »Und was willst du tun, wenn es kein Mensch ist, Billy? Wenn es irgendein Monster ist? Wenn es so was tatsächlich gibt? Ben sagt, es sei eine Mumie gewesen, und die Luftballons seien gegen den Wind geflogen, und die Mumie habe keinen Schatten geworfen. Das Foto in Georgies Album... entweder wir haben uns das alles nur eingebildet, oder es war Magie. Was willst du machen, wenn es kein Mensch ist, Billy?«
»D-D-Dann w-werden wir uns was a-a-anderes ausdenken.«
»O ja«, sagte Richie, »ich verstehe. Wenn du vier- oder fünfmal geschossen hast, und es kommt immer noch auf uns zu wie der Werwolf in diesem Film, den Ben und Bev und ich neulich gesehen haben, probierst du dein Glück mit einer Schleuder. Und wenn das auch nichts nützt, schmeiß ich ihm Niespulver ins Gesicht. Und wenn es uns dann immer noch verfolgt, sagen wir einfach: >Jetzt bleiben Sie mal stehen, Mr. Monster. So klappt's nicht. Hören Sie mal, ich muß erst in der Bücherei nachlesen, wie man Ihnen beikommen kann. Ich komme demnächst wieder. Entschuldigung< -Willst du's so anfangen, Big Bill?«
Er schaute seinen Freund mit laut pochendem Herzen an. Es war durchaus möglich, daß Bill sich jetzt einfach von ihm abwenden und ihm erklären würde, wenn es so sei, dann verzichte er gern auf Richie. Ein Teil von ihm lehnte sich unglücklich gegen eine solche Möglichkeit auf, aber ein anderer Teil von ihm wollte direkt, daß Bill genau das sagte; diese Sache war nämlich nicht gefahrlos wie ein Horrorfilm, wo man wußte, daß zuletzt alles gut ausging, und selbst wenn es einmal nicht gut ausging, machte es nichts, denn es war ja nur ein Film. Aber das Foto in Georgies Zimmer - es war etwas ganz anderes als ein Film gewesen. Er hatte gedacht, daß der Vorfall in seiner Erinnerung schon verblaßt war, aber offenbar hatte er sich das nur einreden wollen, denn jetzt sah er wieder genau vor sich, wie Billys Finger in das Foto eingetaucht waren, er sah die Schnittwunden. Wenn er Bill nicht zurückgerissen hätte...
Aber anstatt sich abzuwenden, grinste Bill. »D-Du w-w-wolltest das A-Album sehen, und ich hab's d-dir gezeigt«, sagte er. »Jetzt m-m-möchte ich, daß du z-zusammen mit m-mir einen B-B-B-Blick auf das H-Haus wirfst. W-Wie du m-m-mir, so ich d-dir. M-Morgen vormittag.« So, als sei es schon eine beschlossene Sache.
»Und wenn es nun ein Monster ist?« fragte Richie wieder und schaute Bill fest in die Augen. »Wenn die Pistole deines Vaters es nicht aufhalten kann, Big Bill? Wenn es trotzdem immer näher kommt?«
»W-Wir denken uns sch-sch-schon was aus«, erwiderte Bill, warf den Kopf zurück und lachte, als hätte er plötzlich den Verstand verloren. Richie stimmte in sein Gelächter ein. Es war einfach unwiderstehlich.
Sie schlenderten nebeneinander zu Richies Veranda. Seine Mutter, eine etwas umständliche kleine Frau mit einem lieben Gesicht, hatte ihnen riesige Gläser Eistee mit Pfefferminzblättern und eine Schüssel Vanillewaffeln hingestellt.
»D-D-Du k-kommst also m-m-mit?«
»Ja«, sagte Richie. »Ich will es zwar nicht, aber ich komme trotzdem mit.«
Bill klopfte ihm fest auf die Schulter, und das machte die Angst etwas erträglicher - obwohl Richie sicher war (und er irrte sich nicht), daß der Schlaf in dieser Nacht lange auf sich warten lassen würde.
»Es sah eben so aus, als würdet ihr da draußen eine sehr ernste Besprechung abhalten«, sagte Mrs. Tozier, während sie sich mit einigen Zeitschriften und einem Glas Eistee zu ihnen setzte. Erwartungsvoll blickte sie von einem zum anderen.
»Ach, Denbrough hat die verrückte Idee, daß die Red Sox in die erste Liga aufsteigen werden«, erklärte Richie.
»M-M-Mein D-Dad und ich g-g-glauben, daß s-sie auf den d-d-dritten Platz k-kommen können«, sagte Bill und schlürfte seinen Eistee. »D-D-Das schmeckt sehr g-gut, Mrs. T-Tozier.«
»Danke, Bill.«
»Die Sox kommen im selben Jahr in die erste Liga, in dem du aufhörst zu stottern, du Mißgeburt!« sagte Richie liebenswürdig.
»richie!« schrie Mrs. Tozier entsetzt und ließ fast ihr Glas fallen. Aber Ri-chie und Bill lachten schallend, fast hysterisch. Sie schaute fassungslos von ihrem Sohn zu Bill und wieder zurück zu ihrem Sohn; sie war total perplex, aber da war auch noch etwas anderes - eine unbestimmte Angst, die in ihrem Herzen vibrierte wie eine Stimmgabel aus purem Eis.
Ich verstehe keinen von den beiden, dachte sie. Wohin sie gehen, was sie treiben, was sie wollen... oder was aus ihnen einmal wird. Manchmal - manchmal sind ihre Augen so wild, und manchmal habe ich solche Angst um sie, und manchmal habe ich direkt Angst vor ihnen...
Nicht zum erstenmal dachte sie, wie schön es doch wäre, wenn sie und ihr Mann auch noch eine Tochter hätten, ein hübsches blondes Mädchen, dem sie sonntags Röckchen und schwarze Lederschuhe anziehen und passende Schleifen ins Haar binden könnte. Ein hübsches kleines Mädchen, das nach der Schule Kuchen backen und sich Puppen wünschen würde anstatt Bücher über das Bauchreden und schnelle Automodelle.
Ein kleines hübsches Mädchen könnte sie verstehen.
12
»Hast du sie?« fragte Richie eifrig.
Sie schoben ihre Räder die Kansas Street entlang der Barrens hoch. Es war zehn Uhr vormittags am nächsten Tag. Der Himmel war bewölkt und grau, und für den Nachmittag war Regen vorhergesagt worden. Richie dachte, daß Big Bill mit seinen dunklen Ringen unter den Augen so aussah, als hätte auch er sehr schlecht geschlafen.