Выбрать главу

»J-Ja«, sagte Bill und klopfte an die Tasche seines grünen Dufflecoats.

»Zeig mal«, sagte Richie fasziniert.

»N-Nicht hier«, sagte Bill. »Jemand k-k-könnte sie sehen.« Er grinste plötzlich. »Aber sieh m-mal, w-w-was ich noch dabei h-habe.« Er griff unter seinen Dufflecoat und zog seine Schleuder aus der Gesäßtasche der Jeans.

»Oh, Scheiße, Mann!« rief Richie lachend.

Bill tat so, als wäre er beleidigt. »Es w-w-war doch d-deine Idee, T-To-zier.«

Bill hatte die Aluminiumschleuder letztes Jahr zum Geburtstag bekommen. Das war Zacks Kompromiß gewesen zwischen der 22er, die Bill sich gewünscht hatte, und der strikten Weigerung seiner Mutter, einem Jungen in Bills Alter eine Schußwaffe in die Hand zu geben. In der Bedienungsanleitung hatte gestanden, daß eine Schleuder eine gute Jagdwaffe sein könne, wenn man sie zu handhaben verstünde. >In den richtigen Händen ist diese Schleuder eine ebenso wirksame und tödliche Waffe wie ein guter Bogen aus Eschenholz oder eine Feuerwaffey, hieß es dort. Und dann wurde gewarnt, der Besitzer dürfe damit ebensowenig auf Menschen zielen wie mit einer geladenen Pistole.

Bill konnte noch nicht besonders gut mit der Schleuder umgehen (und glaubte insgeheim, daß er es nie richtig lernen würde), aber er hielt die Warnung für gerechtfertigt - die breite, dicke Schlinge ließ sich nur schwer spannen, und wenn man mit einer Kugel - zwanzig dieser Kugellager-Ge-schösse waren gleich mitgeliefert worden - eine Blechdose traf, schlug sie ein großes Loch hinein.

»Kannst du inzwischen besser damit schießen, Big Bill?«

»Ein b-b-bißchen«, sagte Bill. Das stimmte nur teilweise. Nachdem er die Anleitungen im Buch genau studiert und danach im Fairmount Park geübt hatte, bis er einen lahmen Arm bekam, traf er die ebenfalls mitgelieferte Zielscheibe von zehn Schüssen etwa dreimal, und einmal hatte er sogar ins Schwarze getroffen - fast.

Richie spannte die Schleuder einmal, dann gab er sie Bill zurück. Er bezweifelte insgeheim, daß sie gegen Monster etwas ausrichten konnte.

»Na gut«, sagte er. »Du hast also deine Schleuder mitgebracht. Ausgezeichnet. Aber das ist noch gar nichts. Sieh mal, was ich dabei habe, Denbrough.« Er zog aus seiner Jackentasche eine Tüte, auf der ein glatzköpfiger Mann mit aufgeblasenen Backen hatschi! machte, dr. wackys Niespulver stand darunter.

Die beiden Jungen starrten einander lange an, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.

»W-W-Wir sind auf alles v-vorbereitet«, rief Bill schließlich kichernd und wischte sich mit einem Ärmel die Tränen aus den Augen.

»Du sagst es, Stotter-Bill!«

»W-Wir w-w-werden dein Rad in den B-Barrens verstecken«, sagte Bill. »D-Du fährst h-hinten bei mir mit, f-für den F-F-Fall, daß wir uns sch-schnell aus dem Staub m-achen müssen.«

Richie nickte. Sein Raleigh (an dessen Lenkstange er sich manchmal, wenn er schnell fuhr, die Knie anschlug) sah neben Silver wie ein Zwergen-rad aus. Er wußte, daß Bill kräftiger und Silver schneller war. Die von Bill vorgeschlagene Lösung war also sinnvoll.

Sie kamen zu der kleinen Brücke, und Bill lehnte Silver ans Holzgeländer und half Richie, sein Rad den schmalen Trampelpfad hinabzuschieben, den er seit dem Frühling gemacht hatte, weil er Silver immer hier unten versteckte, damit das Rad nicht gestohlen wurde, während er mit den anderen in den Barrens spielte.

Sie versteckten Richies Rad am Ufer des Baches, setzten sich unter die Brücke - hin und wieder hörten sie über ihren Köpfen das Rumpeln eines Fahrzeuges -, und Bill öffnete den Reißverschluß seines Dufflecoats und zog die Pistole seines Vaters heraus.

»D-Du mußt verdammt v-v-vorsichtig sein«, sagte er, während er sie Richie reichte, der anerkennend pfiff. »D-D-Diese P-Pistolen haben keine Si-Si-Sicherung.«

»Ist sie geladen?« fragte Richie ehrfürchtig. Die Pistole, eine PK-Walther, die Zack Denbrough während der Besatzung erstanden hatte, kam ihm unglaublich schwer vor.

»N-Noch nicht«, sagte Bill. Er klopfte auf seine Tasche. »I-Ich hab' ein paar K-K-Kugeln bei mir. Aber mein D-Dad sagt, w-w-wenn die P-Pistole glaubt, du seist nicht v-vorsichtig genug, 1-1 -lädt sie sich von a-a-allein. U-Und erschießt d-d-dich.« Sein Gesicht zeigte ein sonderbares Lächeln; es drückte aus, daß er etwas so Absurdes natürlich nicht glauben konnte, daß er es aber dennoch glaubte.

Richie verstand das sehr gut. Dieses Ding sah irgendwie viel bedrohlicher aus als die drei Gewehre und die Schrotflinte seines Vaters. Diese Pistole sah so aus, als diene sie nur einem einzigen Zweck: Menschen zu erschießen.

Ganz vorsichtig, ohne dem Abzug zu nahe zu kommen, drehte er die Mündung zu sich, und nach einem einzigen Blick in das schwarze lidlose Auge der Walther verstand er Bills eigenartiges Lächeln noch besser. Er erinnerte sich an die Worte seines Vaters: Geh mit einer Schußwaffe immer so um, als sei sie geladen, Richie. Jetzt konnte er das verstehen. Er gab Bill die Pistole zurück und war froh, sie los zu sein.

Bill verstaute sie wieder in der Innentasche seines Dufflecoats. Das Haus an der Neibolt Street hatte für Richie jetzt einen Teil des Schreckens verloren ... aber dafür kam es ihm nun viel wahrscheinlicher vor, daß es tatsächlich zu irgendeiner Gewalttat kommen, daß Blut fließen würde.

Er schaute Bill an und wollte diesen Gedanken Ausdruck verleihen, aber Bill las in seinem Gesicht und fragte: »B-B-Bist du soweit?«

»Ich glaube schon«, antwortete Richie verdrießlich. »Ich glaube schon, Big Bill.«

13

Wie jedesmal, wenn Bill auch den zweiten Fuß aufs Pedal stellte, war Richie überzeugt davon, daß sie gleich umstürzen und sich die Schädel einschlagen würden. Das große Fahrrad schwankte bedenklich von einer Seite zur anderen. Die beiden Pik-Asse an den Speichen hörten sich an wie Maschinengewehre. Silver schwankte immer stärker, wie ein total betrunkener Mann. Richie schloß die Augen und wartete auf den unvermeidlichen Sturz.

Dann brüllte Bilclass="underline" »Hi-yo, Silver, lös!« Das Fahrrad wurde noch schneller, aber das Schwanken hörte auf. Richie lockerte seine verzweifelte Umklammerung von Bills Taille und hielt sich statt dessen vorne am Gepäckträger, über dem Hinterrad, fest. Bill überquerte waghalsig die Kansas Street und sauste auf Seitenstraßen hügelabwärts. Sie rasten mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit von der Strapham Street auf die Witcham Street hinaus, und Richie lachte in den Wind hinein, als Silver sich gefährlich zur Seite neigte und Bill wieder sein »Hi-yo, Silver, lös!« brüllte.

»Ja, los, Big Bill!« schrie Richie; er machte sich vor Angst fast in die Hose, aber gleichzeitig lachte er wild. »Los!«

Bill ließ sich nicht zweimal bitten. Über die Lenkstange gebeugt, trat er stehend wie wild in die Pedale. Und während er Bills Rücken betrachtete, der für einen noch nicht elfjährigen Jungen erstaunlich breit war, überkam Richie plötzlich die Gewißheit, daß sie unverwundbar waren... daß sie immer und ewig leben würden. Na ja... vielleicht nicht sie, aber Bill bestimmt. Bill selbst hatte keine Ahnung, wie stark er war, wie sicher und irgendwie vollkommen - wie König Artus, der in die Schlacht zieht.

Sie sausten dahin; die Abstände zwischen den Häusern wurden größer, die Querstraßen, die in die Witcham Street mündeten, seltener.

Kurz darauf fuhren sie an grünen Feldern vorbei, die unter dem grauen Himmel seltsam flach und leblos aussahen. In der Ferne konnte Richie jetzt schon den alten Bahnhof erkennen, und rechts davon die Wellblech-Lagerhäuser. Und da war auch schon die Kreuzung Neibolt Street. Unter dem Straßenschild war ein blaues Wegweiserschild: bahnhof derry. Es war rostig und hing schief. Darunter war ein wesentlich größeres gelbes Schild angebracht, auf dem mit schwarzen Buchstaben stand: sackgasse.