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Bill bog in die Neibolt Street ein und stellte einen Fuß auf den Gehweg. »Von hier aus gehen wir am besten zu Fuß«, sagte er.

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Bedauern glitt Richie vom Gepäckträger. »Okay«, sagte er.

Sie gingen auf dem Gehweg, aus dessen Rissen Unkraut herauswuchs. Vor ihnen, auf dem Bahnhofsgelände, schnaubte eine Diesellok, verstummte, schnaubte dann wieder. Ab und zu war auch das metallische Klirren von Waggons zu hören, die aneinandergekoppelt wurden.

»Hast du Angst?« fragte Richie.

Bill, der Silver neben sich her schob, warf Richie einen flüchtigen Blick zu und nickte dann. »Ja. Und d-du?«

»Und wie!« sagte Richie.

Zur Ablenkung erzählte Bill, daß er seinen Vater am Vorabend über die Neibolt Street ausgefragt habe. Sein Vater habe berichtet, daß bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sehr viele bei der Bahn Beschäftigte hier gewohnt hätten - Lokomotivführer, Schaffner, Weichensteller, Gepäckträger, Bahnarbeiter. Als der Bahnhof dann für den Personenverkehr geschlossen wurde, ging es auch mit der Straße bergab. Und als Bill und Richie sie jetzt entlanggingen, wurden die Häuser immer schäbiger und heruntergekommener. Die letzten drei oder vier auf beiden Straßenseiten standen leer; die Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Gärten total verwildert. An der Veranda eines dieser Häuser hing ein uraltes Schild: Zu verkaufen. Dann endete der Gehweg, und sie mußten auf einem von Unkraut überwucherten Trampelpfad weitergehen.

Bill blieb stehen. »D-Da ist es«, sagte er leise und deutete auf ein Haus.

Nr. 29 mußte früher ein hübsches rotes Haus gewesen sein. Vielleicht hatte hier einmal ein Lokführer gewohnt, dachte Richie, ein Junggeselle, der nur ein- oder zweimal im Monat für drei oder vier Tage nach Hause gekommen war und dann Radio gehört hatte, während er in seinem Garten arbeitete; ein Mann, der sich hauptsächlich von Tiefkühlkost ernährt hatte (obwohl er im Garten für seine Freunde Gemüse anbaute), und der in windigen Nächten sehnsüchtig an das Mädchen-das-er-zurückließ gedacht hatte.

Jetzt war die rote Farbe zu einem verwaschenen Rosa verblaßt, das in großen häßlichen Brocken abblätterte. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Die meisten Ziegel waren vom Dach herabgefallen. Auf beiden Seiten des Hauses wucherte Unkraut, und der verwilderte Rasen war mit Löwenzahn bedeckt. Ein hoher Bretterzaun, der früher vermutlich ordentlich weiß gestrichen gewesen war, jetzt aber ebenso grau aussah wie der Himmel, ragte zwischen verwilderten Obststräuchern hervor. Ein Stück weiter unten am Zaun wuchsen riesige Sonnenblumen. Richie fand, daß sie irgendwie aufgeblasen und bedrohlich aussahen. Sie bewegten sich im Wind und schienen einander zuzuraunen: Die Jungen sind hier, ist das nicht schön? Neue Jungen. Ein Schauder lief Richie über den Rücken.

Während Bill sein Rad behutsam an eine Ulme auf der anderen Seite des Pfades lehnte, ließ Richie das Haus nicht aus den Augen. Er entdeckte ein Rad, das aus dem dichten Gras in der Nähe der Veranda herausragte und zeigte es Bill. Dieser nickte. Es war das umgestürzte Dreirad, das Eddie erwähnt hatte.

Sie schauten in beide Richtungen der Neibolt Street. Die Diesellok schnaubte, verstummte, schnaubte wieder. Die Straße war völlig verlassen. Auf der Witcham Street fuhren Autos, aber Richie konnte sie nur hören, nicht sehen.

Die Diesellok schnaubte und verstummte, schnaubte und verstummte.

Die riesigen Sonnenblumen raunten einander zu: Neue Jungen. Ausgezeichnet.

»B-B-Bist du soweit?« fragte Bill, und Richie zuckte ein wenig zusammen.

Sie gingen durch das hohe Gras auf die Veranda zu.

»Sch-Sch-Schau mal«, sagte Bill.

Am linken Ende der Veranda war das Drahtgeflecht losgerissen und ragte ins Gebüsch hinein. Beide Jungen konnten die rostigen Nägel sehen, die aus dem Holz gerissen worden waren. Hier wuchsen alte Rosenbüsche, und während die Rosen rechts und links von dem abgerissenen Verandasaum prachtvoll blühten, waren die Büsche direkt davor verdorrt und abgestorben.

Bill und Richie tauschten einen erschrockenen Blick. Alles, was Eddie erzählt hatte, schien völlig wahr zu sein; nach sechs Wochen war der Beweis dafür immer noch vorhanden.

»Du willst doch nicht etwa drunterkriechen?« fragte Richie. Seine Stimme klang flehend.

»N-N-Nein«, erwiderte Bill. »A-Aber ich t-t-tu's trotzdem.«

Und Richie erkannte schweren Herzens, daß er das völlig ernst meinte. Seine Augen hatten wieder jenen harten, leidenschaftlichen Ausdruck, und seine Gesichtszüge waren von einer wilden Entschlossenheit, die ihn älter aussehen ließ. Ich glaube, er hat wirklich vor, es zu töten, wenn es noch hier ist, dachte Richie. Es zu töten, ihm vielleicht den Kopf abzuschneiden, seinem Vater zu bringen und zu sagen: >Sieh mal, das war Georgies Mörder. Wirst du dich jetzt abends wieder mit mir unterhalten, mir erzählen, was bei dir tagsüber los war, wer gewonnen hat, als ihr ausgelost habt, wer den Morgenkaffee bezahlen muß?<

»Bill...«, setzte er zum Sprechen an, aber Bill stand nicht mehr neben ihm. Er ging schon auf das rechte Ende der Veranda zu, dort wo Eddie daruntergekrochen sein mußte. Richie rannte hinter ihm her, wobei er fast über das Dreirad gefallen wäre, das im Gras langsam vor sich hin rostete.

Bill kauerte vor der Veranda nieder und blickte darunter. Hier gab es überhaupt kein Drahtgeflecht; wahrscheinlich hatte irgendein Landstreicher es vor langer Zeit entfernt, um unter die Veranda kriechen zu können, die Schutz vor dem Januarschnee oder dem kalten Novemberregen oder einem Sommergewitter bot.

Richie ging neben Bill in die Hocke. Sein Herz trommelte in der Brust. Unter der Veranda waren nur Haufen halbverfaulter Blätter, gelber Zeitungen - und Schatten. Viel zuviel Schatten.

»Bill«, sagte er leise.

»W-W-Was?« Bill hatte die Walther seines Vaters hervorgeholt und lud sie vorsichtig mit vier Kugeln. Richie sah fasziniert zu, dann schaute er wieder unter die Veranda. Diesmal sah er noch etwas anderes. Glasscherben. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er war alles andere als dumm, und er begriff, daß das die endgültige Bestätigung von Eddies Geschichte war. Wenn die Scheibe von außen zerbrochen worden wäre, hätten die Glassplitter nach innen, auf den Kellerboden, fallen müssen.

»W-Was?« fragte Bill noch einmal und schaute Richie an. Sein Gesicht war bleich und grimmig. Als Richie dieses weiße, zu allem entschlossene Gesicht sah, resignierte er. Bill würde sich durch nichts davon abbringen lassen, sein Vorhaben auszuführen. Richie konnte ihn entweder begleiten oder hier draußen bleiben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.

»Nichts«, sagte er.

»K-Kommst du?«

»Ja«, sagte Richie. Sie krochen unter die Veranda.

Der Geruch fauliger Blätter war stark und alles andere als angenehm, obwohl Richie diesen Geruch normalerweise liebte. Die Blätter fühlten sich unter seinen Händen und Füßen schwammig an, und er hatte das Gefühl, als könnten sie sich jeden Augenblick um zwei oder drei Fuß senken. Er fragte sich plötzlich, was er wohl tun würde, wenn aus diesen Blättern plötzlich eine Hand oder eine Tatze auftauchen und nach ihm greifen würde. Dieser Gedanke war nicht gerade dazu angetan, ihn zu beruhigen.

Bill untersuchte das zerbrochene Fenster. Überall lagen Glassplitter herum. Der Holzrahmen zwischen den Scheiben lag in zwei zersplitterten Stücken unter den Verandastufen. Der obere Rahmen ragte vor wie ein zerbrochener Knochen.

»Jemand hat hier ganz schön gewütet«, flüsterte Richie. Bill, der durchs Fenster spähte, nickte.

Richie schob ihn etwas beiseite, um auch hineinschauen zu können. Im düsteren Keller herrschte ein Durcheinander von Schachteln und Lattenkisten. Der Boden bestand aus Lehm. Wie die Blätter, so verströmte auch er einen feuchten, schlammigen Geruch. Links war ein großer Ofen, von dem runde Rohre zur niedrigen Decke führten. Daneben, in der Ecke, konnte Richie einen großen Holzverschlag erkennen. Eine Pferdebox, war sein erster Gedanke, aber wer könnte auf die Idee kommen, ein Pferd im Keller unterzubringen? Dann dämmerte ihm, daß es ein Kohlenverschlag sein mußte, daß der Ofen mit Kohle und nicht mit Öl geheizt worden war. Das ergab einen Sinn: das Haus war alt. Ganz rechts konnte er eine Treppe erkennen, die ins Erdgeschoß führen mußte.