Jetzt setzte sich Bill... schob sich vorwärts... und bevor Richie noch so richtig begriffen hatte, was los war, verschwanden die Beine seines Freundes im Fenster.
»Bill!« zischte er. »Um Himmels willen, was machst du? Komm zurück!«
Bill gab keine Antwort. Er glitt durch das Fenster, und eine Sekunde später hörte Richie, wie seine Turnschuhe auf dem harten Lehmboden aufprallten.
»O mein Gott«, murmelte Richie verzweifelt vor sich hin, während er auf das schwarze Rechteck starrte, durch das sein Freund verschwunden war. »O Gott, o Christus, o Jesus, steh uns bei!«
Bills Stimme ertönte von unten: »D-Du k-k-kannst ruhig oben b-b-b-blei-ben, wenn du w-willst, R-R-Richie. Halt da oben W-W-Wache!«
Aber das brachte Richie nicht fertig. Er legte sich auf den Bauch, hoffte, daß er sich nicht an den Glassplittern schneiden würde, und schob seine Beine durch das Kellerfenster.
Etwas packte ihn an den Beinen. Er schrie auf.
»I-Ich b-b-bin's nur«, flüsterte Bill, und einen Augenblick später stand Richie neben ihm im Keller und zog sein Hemd und seine Jacke zurecht. »W-Was d-d-dachtest denn du, w-wer das ist?«
»Der Buhmann«, sagte Richie und lachte unsicher.
»D-Du gehst d-d-dort lang, und i-i-ich...«
»Nein, verdammt noch mal«, sagte Richie. Sein rasendes Herzklopfen war sogar seiner Stimme anzuhören- sie klang holperig und schwankte auf und ab. »Ich bleibe bei dir, Big Bill.«
»O-O-Okay.«
Sie gingen zuerst auf den Kohlenverschlag zu, Bill voran, die Pistole in der Hand, Richie dicht hinter ihm. Er versuchte, seine Augen überall gleichzeitig zu haben. Bill blieb einen Moment lang vor der Holzwand des Koh-lenverschlags stehen, dann sprang er mit einem Satz um die Ecke, die Walther mit beiden Händen umklammernd. Richie drückte seine Augen fest zu und wappnete sich gegen die Explosion. Sie kam nicht. Vorsichtig öffnete er wieder die Augen.
»N-N-Nichts als K-Kohle«, sagte Bill und kicherte nervös.
Richie trat neben ihn und schaute. Vorne, in der Nähe ihrer Füße, lagen nur einzelne Kohlenstücke, aber nach hinten zu stieg der Kohleberg fast bis zur Decke an. Der Anthrazit war so schwarz wie ein Krähenflügel.
»Geh'n wir...«, begann Richie, und dann prallte die Tür am oberen Ende der Kellertreppe mit einem lauten Knall gegen die Wand, und schwaches weißes Tageslicht überflutete die Stufen.
Beide Jungen schrien entsetzt auf.
Richie hörte Knurrlaute. Sie waren sehr laut - sie hätten von einem im Käfig eingesperrten wilden Tier stammen können. Er sah Mokassins die Treppe herunterkommen. Darüber verblichene Jeans... schwingende Hände...
Aber es waren keine Hände... es waren Tatzen. Riesige unförmige Tatzen.
»K-K-Kletter die K-Kohle rauf!« schrie Bill, aber Richie stand da wie gelähmt; er wußte plötzlich, was sich ihnen hier näherte, was sie in diesem Keller mit seinem Gestank nach feuchtem Lehm und billigem, irgendwo in der Ecke verschüttetem Wein gleich töten würde. »Ü-Ü-Über der K-Kohle ist ein F-F-Fenster!«
Die Tatzen waren mit dichtem, rauhem braunem Haar bewachsen; die
Finger endeten in langen gezackten Nägeln. Jetzt sah Richie ein Seidenjakkett, nicht einfach ein gewöhnliches Jackett, nein. Es war schwarz, mit orangefarbenen Borten - die Farben der Derry High School. Es war ein High-School-Jackett.
»L-L-Los!« Bill versetzte Richie einen kräftigen Stoß, und er fiel auf die Kohle. Die scharfen Kanten und Zacken schnitten ihm schmerzhaft in die Haut, und dadurch erwachte er aus seiner Erstarrung. Kohlenstücke rollten ihm über die Hände. Kohlenstaub stieg ihm in die Nase. Er nieste. Dieses irrsinnige Knurren hörte und hörte nicht auf.
Richie Tozier geriet in Panik.
Kaum wissend, was er tat, kletterte er den Kohleberg hinauf, rutschte dabei ab, kroch weiter. Er schrie. Das Fenster unter der Decke war mit Kohlestaub bedeckt und ließ kaum Licht durch. Richie packte den Fenstergriff und versuchte ihn mit aller Kraft zu drehen. Er bewegte sich nicht. Das Knurren kam jetzt schon aus der Nähe.
Plötzlich ging unter ihm die Pistole los; sie machte in dem geschlossenen Raum einen ohrenbetäubenden Lärm. Scharfer, beißender Rauch stieg Richie in die Nase. Er stellte fest, daß er in seiner Panik den Griff in die falsche Richtung gedreht hatte. Er drehte in die Gegenrichtung. Mit einem rostigen Quietschlaut bewegte sich der Griff. Kohlestaub rieselte wie Pfeffer auf seine Hände.
Wieder ging unten die Pistole mit ohrenbetäubendem Knall los. Bill Denbrough brüllte: »Du hast meinen Bruder ermordet, du Dreckskerl!«
Und einen Moment lang schien die Kreatur, die die Treppe herabgekommen war, zu lachen und zu sprechen - es war so, als würde ein bösartiger Hund plötzlich entstellte Wörter bellen, und Richie glaubte zu hören, wie diese Kreatur in ihrem High-School-Jackett knurrte: Ich werde auch dich töten.
»Richie!« schrie Bill, und Richie hörte die Geräusche hinabrollender Kohlestücke, während Bill hochkletterte. Das Knurren und Brüllen hörte nicht auf. Holz splitterte. Bellen und Heulen - Geräusche aus einem furchtbaren Alptraum.
Richie versetzte dem Fenster mit aller Kraft einen Stoß, ohne daran zu denken, daß es zerbrechen und ihm die Hände zerschneiden könnte. Um solche Kleinigkeiten konnte er sich jetzt nicht kümmern. Aber das Fenster zerbrach nicht; es flog an einer alten rostigen Metallangel auf. Diesmal rieselte der Kohlestaub auf Richies Gesicht. Er wand sich auf den Hof hinaus wie ein Aal, atmete herrlich frische Luft und spürte das hohe Gras an seinem Gesicht. Es regnete. Er konnte die dicken Stengel der Riesensonnenblumen sehen, grün und haarig.
Die Walther explodierte ein drittesmal, und die Kreatur im Keller brüllte -ein primitiver Laut rasender Wut. Und gleich darauf schrie Bilclass="underline" »Es hat mich geschnappt, Richie! H-H-Hilfe! Es hat mich geschnappt!«
Richie drehte sich auf Händen und Knien um und sah das emporgewandte Gesicht seines Freundes im Rechteck des großen Kellerfensters, durch das einst jedes Jahr im Oktober die Kohlen in den Keller geschüttet worden waren.
Bill lag auf dem Kohlehaufen. Seine Hände versuchten vergeblich, den Fensterrahmen zu erreichen. Sein Hemd und sein Dufflecoat waren bis zur
Brust hochgerutscht. Und er glitt abwärts... nein, er wurde abwärts gezogen. Es war nur ein riesiger Schatten hinter Bill. Ein Schatten, der knurrte und plärrte und sich fast menschlich anhörte.
Richie brauchte ihn gar nicht zu sehen. Er hatte ihn am Samstag zuvor im Aladdin gesehen. Es war zwar verrückt, total verrückt, aber Richie zweifelte keinen Augenblick daran - weder an seinem Verstand noch an seiner Erkenntnis.
Der Teenage-Werwolf hatte Bill Denbrough erwischt. Nur war dies hier nicht Michael Landon mit einer Maske und viel Schminke im Gesicht und jeder Menge falschem Fell. Dies war ein echter Werwolf.
Wie zum Beweis schrie Bill wieder.
Richie streckte beide Arme durchs Fenster und packte Bills Hände. Mit einer Hand hielt Bill die Walther umklammert, und zum zweitenmal an diesem Tag blickte Richie in ihre schwarze Mündung... nur war sie diesmal geladen.
Sie kämpften um Bill... Richie zog an seinen Händen, der Werwolf an seinen Knöcheln.