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»R-R-Rette dich, Richie!« schrie Bill. »R-Rette...«

Plötzlich tauchte das Gesicht des Werwolfs aus der Dunkelheit auf. Seine Stirn war niedrig und gewölbt, mit kurzen Haaren bedeckt. Seine pelzigen Wangen waren hohl. Die Augen waren dunkelbraun und verrieten eine schreckliche Wachsamkeit, eine fürchterliche Intelligenz. Er öffnete den Mund und begann wieder zu knurren. Weißer Schaum rann ihm aus den Winkeln der dicken Unterlippe am Kinn hinab. In diesem Augenblick glich er mehr einem Pavian denn einem Wolf. Er warf den Kopf zurück und brüllte, ohne Richie aus den Augen zu lassen.

Bill kroch ein Stückchen höher. Richie packte ihn an den Unterarmen und zog. Das Gesicht des Werwolfs verschwand, und plötzlich wurde Bill wieder zurückgezerrt, auf die Dunkelheit zu. Der Werwolf war stärker. Er hatte Bill erwischt und dachte nicht daran, seine Beute entkommen zu lassen.

Und plötzlich hörte Richie sich mit der Stimme-des-irischen-Bullen brüllen, ohne daß er diese Absicht gehabt hatte. Nur war es diesmal nicht Richie Tozier, der eine schlechte Imitation lieferte, und es war auch nicht direkt Mr. Nell. Es war die Stimme aller irischen Polizisten, die je gelebt und auf ihren nächtlichen Streifen den Knüppel an seinem Lederriemen geschwungen hatten, während sie nach Mitternacht die Türen geschlossener Läden prüfen:

»Laß ihn sofort los, Bürschchen, oder ich schlag' dir deinen dicken Schädel ein! Ich schwor's bei Gott! Laß ihn sofort los, sonst präsentier' ich dir deinen Arsch auf’nem Tablett!«

Die Kreatur im Keller stieß ein lautes Wutgebrüll aus... aber es kam Richie so vor, als schwinge in diesem Brüllen noch etwas anderes mit. Vielleicht Angst. Oder Schmerz.

Er zog wieder mit aller Kraft, und Bill flog durchs Fenster und landete im Gras. Er starrte Richie mit dunklen, entsetzten Augen an. Sein Dufflecoat war vorne mit schwarzem Kohlestaub beschmiert.

»Sch-Sch-Schnell!« keuchte Bill, und es hörte sich fast wie ein Stöhnen an. Er packte Richie am Hemd. »W-W-Wir m-m-müssen...«

Richie hörte, wie unten wieder Kohle hinabrollte. Einen Augenblick später füllte die Fratze des Werwolfs das Kellerfenster aus. Er heulte und knurrte. Seine Tatzen landeten auf dem Gras.

Bill hatte immer noch die Pistole in der Hand - er hatte sie die ganze Zeit über nicht losgelassen. Nun richtete er sie mit ausgestreckten Armen auf das Monster, preßte die Augen zu Schlitzen zusammen und drückte auf den Abzug. Wieder ertönte der ohrenbetäubende Knall. Ein Blutstrom floß über die Wange der Kreatur, verfärbte ihr Fell und tropfte auf den Kragen des Jacketts.

Langsam, wie im Traum, zog Richie die Tüte mit dem Niespulver aus der Tasche. Er riß sie auf, während das brüllende blutende Monster sich durch das Fenster zwängte und dabei mit seinen Pfoten tiefe Furchen in die Erde grub. Zurück mit dir, Bürschchen, schrie Richie mit der Stimme-des-irischen-Bullen und drückte die Tüte zusammen. Eine weiße Wolke flog dem Werwolf ins Gesicht. Sein Gebrüll verstummte abrupt. Er starrte Richie mit fast komischer Überraschung an und stieß ein ersticktes Schnauben aus. Seine roten Triefaugen schienen sich Richie für immer genau einprägen zu wollen.

Dann begann er zu niesen.

Er nieste und nieste und nieste. Speichel schoß aus seinem Maul, grünlichschwarze Rotze aus der Nase. Etwas von diesem Schleim landete auf Richies Haut und brannte wie Feuer. Er schrie vor Schmerz und Ekel auf und wischte das Zeug rasch ab.

Die Fratze des Werwolfs drückte jetzt neben rasender Wut auch Schmerz aus - das war unübersehbar. Bill hatte ihn mit der Pistole seines Vaters verwundet - aber Richie hatte ihn stärker verletzt, zuerst mit der Stimme-des-irischen-Bullen und dann mit dem Niespulver.

Mein Gott, wenn ich auch noch Juckpulver und eine schrille Trillerpfeife hätte, könnte ich ihn vielleicht töten, dachte Richie, und dann packte ihn Bill am Kragen und riß ihn zurück.

Das war auch gut so, denn der Werwolf hatte plötzlich aufgehört zu niesen und versuchte, Richie zu packen - und er war schnell, unglaublich schnell.

Vielleicht wäre Richie einfach dagesessen, zur Salzsäule erstarrt, hätte das Monster mit einer Art betäubter Verwunderung angesehen und gedacht, wie braun sein Fell und wie rot sein Blut war, und daß es solche Farben im wirklichen Leben überhaupt nicht gäbe... vielleicht wäre er so dagesessen, bis die Tatzen seinen Hals umklammert und die langen Krallen ihm die Kehle aufgeschlitzt hätten, aber Bill packte ihn wieder und zog ihn auf die Beine.

Richie stolperte hinter Bill her. Sie rannten zur Vorderseite des Hauses, und Richie dachte: Es wird nicht wagen, uns weiter zu verfolgen, wir sind jetzt auf der Straße, es wird nicht wagen, uns zu verfolgen, das wagt es nicht, wagt es nicht...

Aber das Monster folgte ihnen. Er hörte es hinter sich, knurrend und heulend und brüllend.

Da stand Silver, an den Baum gelehnt. Bill sprang auf den Sattel und warf die Pistole seines Vaters in den Drahtkorb. Richie riskierte einen Blick zu-

rück, während er sich auf den Gepäckträger schwang. Der Werwolf überquerte den Rasen, er war weniger als zwanzig Fuß von ihnen entfernt. Sein High-School-Jackett war mit Blut und Kohlestaub verschmutzt. Über der rechten Schläfe schimmerte weißer Knochen durch das Fell. Und dann sah Richie zwei weitere Dinge, die den Horror vervollständigten: Das Jackett hatte keinen Reißverschluß; statt dessen hatte es große flaumige orangefarbene Knöpfe, die aussahen wie Pompons. Aber die zweite Einzelheit war noch schlimmer; sie gab ihm das Gefühl, daß er gleich ohnmächtig werden oder einfach aufgeben und sich umbringen lassen würde. Auf das Jackett war in Goldfäden ein Name aufgesteppt, so wie man das im >Dakin's Tro-phy Shop< für einen Dollar machen lassen konnte.

Auf der linken Brusttasche des Jacketts stand in blutgetränkten Buchstaben: RICHIE TOZIER.

Das Monster kam immer näher.

»Los, Bill!« schrie Richie.

Silver setzte sich in Bewegung, aber langsam... viel zu langsam. Bill brauchte so lange, um richtig in Fahrt zu kommen...

Der Werwolf überquerte gerade den Trampelpfad, als Bill in die Mitte der Neibolt Street radelte. Seine verblichenen Jeans waren blutbefleckt, und Richie - der in einer schrecklichen Faszination, wie in Hypnose, über die Schulter hinweg nach hinten starrte - sah, daß die Nähte der Jeans stellenweise aufgerissen waren und zottiges braunes Fell hervorschaute.

Silver schwankte wild von einer Seite zur anderen. Bill trat jetzt stehend in die Pedale, den Kopf dem bewölkten Himmel zugewandt, die Lenkstange von unten her umklammernd. Seine Adern im Nacken traten hervor. Aber immer noch gaben die Spielkarten an den Speichen nur einzelne Schüsse ab.

Eine Tatze griff nach Richie. Er schrie auf und duckte sich. Der Werwolf knurrte und grinste ihn an. Er war jetzt so nahe, daß Richie die gelbliche Hornhaut seiner Augen sehen und den süßlichen, fauligen Gestank seines Atems riechen konnte. Er hatte große krumme Fangzähne.

Richie schrie wieder auf, als die Tatze erneut ausholte. Er war sicher, daß sie ihm den Kopf zerschmettern würde, aber sie sauste dicht vor ihm vorbei, so dicht, daß Richies verschwitzte Haare ihm aus der Stirn nach hinten flogen.

»Hi-yo, Silver, lös!« brüllte Bill, so laut er konnte.

Er hatte einen kleinen, ziemlich flachen Hügel erreicht, aber die Neigung genügte, um Silver richtig in Gang zu bringen. Die Spielkarten begannen ihr Maschinengewehrtrommeln. Bill trat wie wahnsinnig in die Pedale. Silver hörte auf, hin und her zu schwanken und sauste geradeaus die Neibolt Street hinab, auf die Witcham Street zu.

Danke, lieber Gott, danke, lieber Gott, danke, dachte Richie. Dan...

Der Werwolf brüllte wieder - o mein Gott, es klingt, als sei er direkt neben mir - und Richies Luftzufuhr wurde plötzlich abgeschnitten, weil sein Hemd so heftig zurückgerissen wurde, daß es ihm die Luftröhre zudrückte. Er stieß einen röchelnden Laut aus und konnte im letzten Moment, bevor er vom Gepäckträger gezerrt worden wäre, Bills Taille umklammern. Bill wurde ein Stückchen zurückgezogen, aber er hielt sich an den Griffen seines Fahrrades fest, und einen Moment lang dachte Richie, daß Silver sich gleich auf das Hinterrad stellen und sie beide nach hinten hinabfallen würden. Dann gab der Stoff seines Hemdes, das alt und morsch und beinahe reif für den Lumpensack war, nach, und der Hemdenrücken zerriß mit einem lauten durchdringenden Ton, der sich fast wie ein Schluckauf anhörte. Richie konnte wieder atmen.