Er warf einen Blick zurück und starrte direkt in jene trüben mörderischen Augen.
»Bill!« schrie er, aber kein Laut kam aus seinem Mund.
Trotzdem schien Bill ihn irgendwie gehört zu haben, denn er trat noch schneller in die Pedale, so schnell wie noch nie. Er spürte dickes, metallisch schmeckendes Blut in seiner Kehle. Seine Augen traten aus den Höhlen hervor. Sein Mund war weit geöffnet. Er war erfüllt von einem aberwitzigen wilden Jubel.
Silver steigerte die Geschwindigkeit immer mehr, und Bill hatte das Gefühl zu fliegen.
»Hi-yo, Silver, lös!« schrie er wieder.
Aber Richie hörte noch ein anderes Geräusch: das schnelle Tappen von Schuhen auf dem Pflaster. Er drehte sich wieder um. Die Tatze des Werwolfs traf ihn mit betäubender Wucht über den Augen, und einen Moment lang glaubte Richie, der obere Teil seines Kopfes wäre abgerissen worden. Alles kam ihm plötzlich unwichtig und trübe vor. Die Welt büßte jede Farbe ein. Alle Geräusche drangen nur noch verschwommen an sein Ohr. Er drehte den Kopf wieder nach vorne und klammerte sich verzweifelt an Bill. Warmes Blut rann ihm ins rechte Auge.
Erneut holte die Pranke zum Schlag aus. Diesmal traf sie das Fahrrad. Einen Augenblick schwankte das Rad wie verrückt hin und her und drohte umzukippen, dann hatte Bill es aber unter Kontrolle. Er brüllte wieder Hi-yo, Silver, lös! Doch Richie hörte das nur noch wie aus weiter Ferne, wie ein verklingendes Echo.
Er schloß die Augen, hielt sich mit letzter Kraft an Bill fest und erwartete sein Ende.
14
Auch Bill hatte die schnellen Schritte gehört und begriffen, daß der Clown immer noch nicht aufgegeben hatte; aber er wagte es nicht, sich umzuschauen. Wenn der Clown sie einholte, würde er es schon früh genug merken.
Los, Junge, dachte er. Gib jetzt dein Letztes. Los, Silver, LOS!
Und so befand sich Bill Denbrough wieder in einem Wettlauf mit dem Teufel, nur war der Teufel jetzt ein gräßlich grinsender Clown, an dessen Gesicht Schweiß und Schminke herabliefen, dessen Mund sich in einem verzerrten roten Vampirgrinsen nach oben zog, dessen Augen funkelnden Silbermünzen glichen. Ein Clown mit roten Haarbüscheln, wie Bozo der Clown sie hatte. Ein Clown, der aus irgendeinem unbegreiflichen Grund ein Derry-High-School-Jackett über dem silbrigen Kostüm mit der orangefarbenen Halskrause und den gleichfarbigen Pompon-Knöpfen trug.
Los, Silver, los, Junge, gib dein Bestes!
Silver sauste dahin wie der Wind. Die Neibolt Street flog an ihm vorbei. Klangen die sie verfolgenden Schritte jetzt etwas ferner? Bill wagte es immer noch nicht zurückzuschauen. Richie hielt ihn so fest umklammert, daß er kaum Luft bekam, und Bill wollte ihm zurufen, er solle seinen Griff etwas lockern, aber er durfte darauf keinen Atem verschwenden.
Und da tauchte vor ihm plötzlich das Halteschild auf, das die Kreuzung Neibolt- und Witcham Street anzeigte. Auf der Witcham Street herrschte in beiden Richtungen lebhafter Verkehr. In seinem Zustand erschöpften Schreckens kam das Bill wie ein Wunder vor.
Weil er jetzt ohnehin bremsen mußte, wagte Bill einen Blick zurück.
Was er sah, ließ ihn die Pedale mit einem einzigen Ruck zurückdrehen. Silver schleuderte durch die plötzliche Blockierung des Hinterrads, und Richies Kopf prallte unsanft gegen Bills Schulter.
Die Straße hinter ihnen war leer.
Völlig leer.
Aber etwa 25 Yards entfernt, auf der Höhe des ersten leerstehenden Hauses, war ein heller orangefarbener Fleck. Was immer es auch sein mochte, es lag jedenfalls neben einem Gully.
»Uhhh...«
Erst im letzten Moment merkte Bill, daß Richie vom Gepäckträger glitt. Er hatte die Augen so verdreht, daß Bill nur die unteren Ränder seiner Iris unter den Lidern sehen konnte. Der geflickte Bügel seiner Brille hing an der Bruchstelle durch. Aus seiner Schläfe sickerte Blut.
Bill packte ihn am Arm, wurde von seinem Gewicht nach rechts gezogen, Silver kam aus dem Gleichgewicht, und sie stürzten auf die Straße. Bill schlug sich den Musikantenknochen so stark an, daß er vor Schmerz aufschrie. Richies Lider flatterten.
»Ich werd' Ihnen gleich zeigen, wie Sie zu dem Schatz kommen, Senhor«, sagte Richie röchelnd. Es sollte seine Mexikaner-Stimme sein, aber sie hörte sich so tonlos und fern an, daß Bill erschrak. »Nur noch ein Tequila...«
Bill schlug Richie auf die Wangen. Er sah, daß an der Schläfenwunde einzelne braune Haare klebten. Sie waren leicht gelockt, wie die Schamhaare seines Vaters. Ihr Anblick steigerte seine Angst noch mehr, und er gab Richie eine kräftige Ohrfeige.
»Auah!« schrie Richie. Seine Lider flatterten, dann riß er die Augen weit auf. »Warum schlägst du mich, Big Bill? Du wirst noch meine Brille kaputtmachen.«
»I-I-Ich d-dachte, du stirbst«, sagte Bill. Und dann fügte er absurderweise hinzu: »Ü-Ü-Übrigens ist d-deine B-B-Brille sch-schon k-k-kaputt!«
Richie setzte sich langsam auf und griff nach seinem Kopf. Er stöhnte. »Was...« Und dann fiel ihm ein, was passiert war, er riß vor Entsetzen die Augen weit auf, rang nach Luft und blickte in panischer Angst um sich.
»N-N-Nicht«, beruhigte ihn Bill. »E-Er ist f-f-fort, R-Richie. Er ist v-v-ver-schwunden.«
Richie sah die leere Straße, auf der sich nichts bewegte, und plötzlich brach er in Tränen aus. Bill legte die Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. Richie umklammerte seinen Hals und umarmte ihn ebenfalls.
»N-N-Nicht, Richie«, sagte Bill, »n-n-n...« Dann brach er selbst in Tränen aus, und sie hielten einander fest und weinten am Straßenrand, neben Bills umgestürztem Rad, und ihre Tränen hinterließen helle Streifen auf ihren mit Kohlestaub beschmierten Gesichtern.
Neuntes Kapitel
Was aus dem Abfluß herauskam; der Wasserturm
1
Irgendwo hoch oben über dem Bundesstaat New York beginnt Beverly Huggins am Nachmittag des 28. Mai 1985 wieder zu lachen. Sie hält sich beide Hände vor den Mund, weil man sie für verrückt halten könnte, aber sie kann das Lachen nicht unterdrücken.
Wir haben damals sehr viel gelacht, denkt sie, und dieser Gedanke ist ein tröstliches Licht in der Finsternis. Wir hatten ständig Angst, aber wir konnten nicht aufhören zu lachen, ebensowenig wie jetzt ich. Der Mann, der neben ihr auf dem Platz am Gang sitzt, ist jung, langhaarig und gutaussehend. Seit das Flugzeug um 14.30 Uhr in Milwaukee gestartet ist (vor nunmehr fast zweieinhalb Stunden, mit Zwischenlandungen in Cleveland und Philly), hat er ihr bewundernde Blicke zugeworfen, aber die Tatsache respektiert, daß sie sich nicht unterhalten möchte; nach einigen mißlungenen Versuchen, ein Gespräch zu beginnen, hat er einen Roman aus seiner Reisetasche geholt.
Jetzt legt er seinen Finger als Lesezeichen hinein, klappt es zu und erkundigt sich: »Alles in Ordnung?«
Sie nickt und versucht, ein ernsthaftes Gesicht zu machen, aber statt dessen muß sie wieder lachen. Er lächelt ein wenig verwirrt und fragend.