»Es ist nichts«, sagt sie und bemüht sich wieder, ernst zu sein, aber es gelingt ihr nicht; je mehr sie versucht, ein ernstes Gesicht zu machen, desto mehr muß sie lachen. Genau wie in alten Zeiten. »Es ist nur - mir ist plötzlich eingefallen, daß ich nicht einmal weift, mit welcher Linie ich fliege. Nur daß an der Seite des Flugzeugs eine große fette E-Ente w-w-war...« Aber der Gedanke an die Ente ist zuviel. Sie lacht wieder ausgelassen. Leute drehen sich nach ihr um; manche runzeln die Stirn.
»Republic«, sagt der junge Mann. »Es steht auf dem GoHEA-Prospekt.«
»GDHEA?« fragt sie.
Er zieht den Prospekt aus der Sitztasche heraus. Hier wird erklärt, wo die Notausgänge sind, wo die Schwimmwesten liegen, wie man die Sauerstoffmasken bedienen muß, wie man sich bei einer Bruchlandung zu verhalten hat. »Der Gib-Deinem-Hintern-einen-Abschiedskuß-Prospekt« erklärt er, und diesmal brechen sie beide in schallendes Gelächter aus. Er sieht wirklich gut aus, denkt sie plötzlich... Er trägt einen Wollsweater und verblichene Jeans. Sein dunkelblondes Haar ist mit einem Lederband zusammengebunden, und plötzlich fällt ihr der Pferdeschwanz ein, den sie als Kind getragen hat. Sie denkt: Ich wette, er hat einen hübschen Schwanz, der gut zu diesem höflichen Collegejungen paßt...
Sie beginnt wieder zu lachen; sie kann einfach nicht anders. Ihr fällt ein, daß sie nicht einmal ein Taschentuch hat, mit dem sie sich die nassen Augen trocknen könnte, und bei diesem Gedanken muß sie noch mehr lachen.
»Sie sollten jetzt lieber aufhören, sonst wirft die Stewardeß Sie noch aus dem Flugzeug«, sagt er feierlich, aber sie schüttelt nur lachend den Kopf; vor Lachen tut ihr schon alles weh.
Er gibt ihr ein sauberes weißes Taschentuch, und sie benutzt es. Irgendwie hilft ihr das, sich endlich zu beruhigen, obwohl es ihr nicht auf einen Schlag gelingt. Sobald ihr die große Ente am Flugzeug einfällt, kichert sie wieder los.
Als sie sich endlich völlig unter Kontrolle hat, gibt sie ihm das Taschentuch zurück. »Danke.«
»Mein Gott, Madam, was haben Sie nur mit Ihrer Hand gemacht?« Betroffen hält er sie einen Augenblick fest.
Sie schaut auf ihre Hand und sieht die abgebrochenen und tief eingerissenen Fingernägel, die sie sich beim Hochstemmen des Toikttentisches eingehandelt hat. Die Erinnerung an diese Szene schmerzt mehr als die Fingernägel. Sie entzieht ihm sanft ihre Hand. »Ich hab' sie am Flughafen in die Wagentür eingeklemmt«, erklärt sie und denkt an die unzähligen Male, da sie schon Lügen erzählt hat - um zu verschweigen, was Tom ihr antat und - viel früher - was ihr Vater ihr antat. Ist dies jetzt das letztemal, die letzte Lüge? Wie herrlich wäre das... fast zu schön, um wahr zu sein. Sie muß an einen Arzt denken, der zu einem Krebspatienten kommt und erklärt: Die Röntgenuntersuchung zeigt, daß der Tumor zurückgeht. Wir haben keine Ahnung warum, aber es ist so.
»Das muß ja höllisch weh tun«, sagt der junge Mann.
»Ich habe ein paar Aspirin genommen.« Sie öffnet den Flugprospekt wieder, ob
wohl er bestimmt gemerkt hat, daß sie ihn schon zweimal von A bis Z gelesen hat.
»Wohin fliegen Sie?«
Sie schließt den Prospekt und schaut ihn lächelnd an. »Sie sind sehr nett«, sagt sie, »aber ich möchte mich nicht unterhalten. Okay?«
»Okay«, sagt er und erwidert ihr Lächeln. »Aber wenn Sie in Boston etwas auf das Wohl der großen Ente trinken möchten, lade ich Sie dazu ein.«
»Herzlichen Dank, aber ich muß dort einen Anschlußflug erreichen.«
»Mann o Mann, war mein Horoskop für heute falsch!« sagt er und schlägt sein Buch wieder auf. »Aber Sie haben ein herrliches Lachen. Ein Mann könnte sich allein deshalb in Sie verlieben.«
Sie öffnet den Prospekt wieder, stellt jedoch gleich darauf fest, daß sie auf ihre eingerissenen Nägel anstatt auf den Artikel über die Vergnüguhgsmög-lichkeiten in New Orleans am Faschingsdienstag schaut. Zwei sind blutunterlaufen. Sie hört im Geiste Tom brüllen: »Ich bring' dich um, du Drecksluder! Du verdammtes Drecksluder!« Sie friert plötzlich. Ein Luder in Toms Augen, ein Luder in den Augen jener Näherinnen, die vor wichtigen Modenschauen Pfuscharbeit lieferten, ein Luder in den Augen ihres Vaters, lange bevor Tom oder die unglückseligen Näherinnen, die für geringen Lohn ihre Augen ruinierten, in ihr Leben getreten waren. Ein Luder...
Sie schließt für kurze Zeit die Augen.
Ihr Fuß, den sie sich bei ihrer Flucht aus dem Schlafzimmer an der Glasscherbe geschnitten hat, tut mehr weh als ihre Finger. Kay hat ihr die Wunde verpflastert, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß keine Glassplitter darin steckten. Kay hat ihr ein Pflaster, ein Paar Schuhe und einen Scheck über 1000 Dollar gegeben, den Beverly gleich um neun Uhr morgens bei der First Bank of Chicago am Watertower Square eingelöst hat.
Ungeachtet Kays Proteste hat sie ihr auf einem Blatt Schreibmaschinenpapier ebenfalls einen Scheck über 1000 Dollar ausgeschrieben. »Ich hab' einmal gelesen, daß sie einen Scheck annehmen müssen, ganz egal, worauf er geschrieben ist«, hat sie Kay erklärt. »Jemand hat einmal einen Scheck eingereicht, der auf einer leeren Patrone geschrieben war. Ich glaub', ich hab's im >Book of the Lists< gelesen.« Nach kurzer Pause hat sie dann gezwungen gelacht. »Lös ihn möglichst schnell ein, bevor Tom daran denkt, die Konten sperren zu lassen.«
Obwohl sie keine Müdigkeit spürt (sie ist sich jedoch bewußt, daß ihre Nerven zum Zerreißen gespannt sind), kommt ihr die vergangene Nacht wie ein Traum vor. Vielmehr der Teil nach der Nacht im Schlafzimmer. An den Kampf selbst erinnert sie sich mit fürchterlicher Klarheit; jede Einzelheit hat sich ihr tief eingeprägt.
Sie erinnert sich daran, daß ihr drei Teenager folgten; die Jungen pfiffen und riefen hinter ihr her, wagten es aber nicht, sie direkt zu belästigen. Sie erinnert sich an ihre Erleichterung, als sie an einer Kreuzung aus einem >Seven-Eleven< weißes Neonlicht auf den Gehsteig fallen sah. Sie ging hinein und ließ den pickeligen Mann an der Theke einen Blick in ihre alte Bluse werfen (in jenem Augenblick war sie zynisch froh, daß sie keinen BH anhatte), und er lieh ihr 40 Cent zum Telefonieren,.
Sie rief Kay McCall an. Die Nummer kannte sie auswendig. Das Telefon klingelte ein dutzendmal, und sie befürchtete schon, daß Kay in New York sein könnte. Schließlich wurde der Hörer aber doch abgenommen, und Kays verschlafene Stimme murmelte: »Wer immer Sie auch sind - müssen Sie zu einer so gottverdammten Zeit anrufen?«
»Ich bin's, Kay - Bev«, sagte sie, zögerte einen Moment und überwand ihre Hemmungen. »Ich brauche deine Hilfe.«
Nach kurzem Schweigen rief Kay hellwach: »Wo bist du? Was ist passiert?«
»Ich bin im >Seven-Eleven< an der Ecke Strayland Avenue und irgendeiner anderen Straße. Ich... Kay, ich habe Tom verlassen.«
Kay, nachdrücklich und aufgeregt: »Gut! Endlich! Hurra! Ich komme und hole dich ab! Dieser Dreckskerl! Dieses verdammte Stück Scheiße! Ich hol' dich mit meinem Mercedes ab! Ich engagiere eine vierzigköpfige Musikkapelle! Ich...«
»Ich nehme ein Taxi«, sagte Bev, die beiden restlichen Münzen in der verschwitzten Hand. In dem runden Spiegel im Hintergrund des Geschäfts konnte sie sehen, daß der pickelige Verkäufer auf ihren Hintern starrte. »Aber du wirst für mich bezahlen müssen. Ich hab'kein Geld. Keinen Cent.«