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»Ich werd' dem Fahrer fünfDollar Trinkgeld geben«, riefKay. »Das ist die beste Neuigkeit seit Nixons Rücktritt! Komm so schnell wie möglich her, Mädchen! Und...« Sie verstummte, und als sie dann fortfuhr, klang ihre Stimme ernst und so fürsorglich und liebevoll, daß Beverly fast die Tränen kamen. »Und Gott sei Dank, daß du's endlich getan hast, Bev. Ich meine es so, wie ich sage: Gott sei gedankt.«

Kay McCall war eine ehemalige Designerin, die reich geheiratet hatte, durch die Scheidung noch reicher geworden war und im Jahre 1972 plötzlich ihr Interesse für feministische Bestrebungen entdeckt hatte - drei Jahre, bevor Bev sie kennenlernte. Zur Zeit ihrer größten Popularität (oder Kontroversen) wurde sie beschuldigt, sich dem Feminismus zugewandt zu haben, nachdem sie sich zuvor chauvinistischer Gesetze bedient hatte, um ihren Fabrikanten-Ehemann legal um jeden nur möglichen Cent zu erleichtern.

»So ein verdammter Blödsinn!« hatte sich Kay einmal gegenüber Bev Luft ge-

macht. »Die Leute, die diesen Scheiß verzapfen, mußten nie mit Sam ins Bett gehen. Auf mehr als 70 Sekunden brachte er's nur, wenn er sich selbst in der Badewanne einen abwichste. Ich hab' ihn nicht ausgenommen; ich hab'mir nur rückwirkend meinen Anteil geholt.«

Sie schrieb drei Bücher, von denen die beiden ersten ziemlich populär wurden. In den letzten drei Jahren war sie ein wenig aus der Mode gekommen, und Beverly glaubte, daß sie insgeheim darüber erleichtert war. Sie hatte ihr Geld gut investiert (Feminismus und Kapitalismus schließen einander nicht zwangsläufig aus, meine Liebe), und nun war sie eine reiche Frau mit Stadthaus, Landhaus und zwei oder drei Liebhabern, die männlich genug waren, um sie im Bett befriedigen zu können, die aber nicht männlich genug waren, sie im Tennis zu besiegen. »Wenn sie das schaffen, lasse ich sie fallen«, erklärte Kay einmal.

Beverly rief ein Taxi, und als es kam, setzte sie sich mit ihrem Koffer auf den Rücksitz, froh, den lüsternen Blicken des Verkäufers zu entkommen.

Kay wartete am Ende der Auffahrt. Über ihrem Nachthemd trug sie einen Nerzmantel. An den Füßen hatte sie pinkfarbene Pantöffelchen mit großen Pompons. Zum Glück waren diese Pompons nicht orange - das hätte bei Bev eventuell wieder einen hysterischen Lachkrampf ausgelöst. Auf der Fahrt zu Kays Haus hatte sie zwischen Angst und Heiterkeit geschwankt: Erinnerungen brachen über sie herein, in so rascher Folge und so klar, daß es sie ängstigte. Namen, an die sie seit Jahren nicht mehr gedacht hatte: Ben Hanscom, Richie Tozier, Greta Bowie, Henry Bowers, Eddie Kaspbrak, Stan Uris... Bill Denbrough. Besonders Bill - Stotter-Bill, wie sie ihn damals mit jener kindlichen Offenheit genannt hatten, die manchmal als Aufrichtigkeit, manchmal als Grausamkeit bezeichnet wird. Er war ihr sogroß vorgekommen, so vollkommen (das heißt, bis er den Mund aufmachte).

Namen... Orte... Ereignisse... Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, als sie sich an die Stimmen im Ablauf erinnerte. .. und an das, was sie gesehen hatte. Sie hatte geschrien, und ihr Vater hatte sie geschlagen. Ihr Vater... Tom... Sie drohte in Tränen auszubrechen... und dann bezahlte Kay den Taxifahrer und gab ihm ein so hohes Trinkgeld, daß er überrascht ausrief: »Wow! Danke, gnädige Frau!«

Kay führte sie ins Haus, gab ihr einen Morgenrock, untersuchte ihre Verletzungen und verpflasterte ihre Schnittwunde am Fuß. Sie gab Beverly ein großes Glas Whisky und bestand darauf, daß sie ihn bis zum letzten Tropfen austrank. Dann briet sie für sich und Bev Steaks und dünstete dazu frische Pilze. »All right«, sagte sie. »Was ist passiert? Sollen wir die Polente anrufen oder dich einfach nach Reno schicken, damit du in der nächsten Zeit dort deinen Wohnsitz aufschlägst?«

»Ich kann dir nicht allzuviel erzählen«, sagte Beverly. »Es würde sich viel zu verrückt anhören. Aber es war größtenteils meine Schuld...«

Kay schlug mit der Hand so fest auf die polierte Mahagoniplatte des Tisches, daß es sich anhörte wie ein Schuß aus einer Kleinkaliberpistole. Bev zuckte zusammen. »Sag so was nicht!« rief Kay. Auf ihren Wangen glühten rote Flecken, und ihre braunen Augen funkelten. »Wie lange sind wir jetzt befreundet? Fünf Jahre? Sechs? Wenn ich dich noch einmal sagen höre, daß es deine Schuld war, muß ich kotzen. Hörst du? Ich werde dann einfach kotzen. Es war nicht deine Schuld, diesmal nicht, und letztes Mal nicht, und vorletztes Mal nicht, und überhaupt nie. Weißt du denn nicht, daß die meisten deiner Freunde glaubten, daß er dich früher oder später zum Krüppel schlagen oder töten würde?«

Beverly sah sie mit großen Augen an.

»Und das wäre deine Schuld gewesen, zumindest teilweise«, fuhr Kay fort. »Weil du bei ihm geblieben und das zugelassen hast. Aber jetzt hast du ihn endlich verlassen. Gott sei Dank! Aber sitz nicht da, mit deinen aufgerissenen Fingernägeln, dem aufgeschnittenen Fuß und Striemen auf den Schultern, und erzähl mir, es sei deine Schuld gewesen!«

»Er hat mich nicht mit dem Riemen geschlagen«, sagte Bev. Die Lüge kam ihr ganz automatisch über die Lippen... und ebenso automatisch färbte eine tiefe Schamröte ihr Gesicht.

»Wenn du mit Tom fertig bist, solltest du's auch mit den Lügen sein«, sagte Kay ruhig und sah Bev so lange und liebevoll an, daß Bev ihre Augen senken mußte. »Wen glaubtest du denn täuschen zu können?« fragte Kay, immer noch in diesem ruhigen Ton. Sie nahm Bevs Hände in die ihrigen. »Die dunklen Brillen, die Blusen mit Stehkragen und langen Ärmeln... vielleicht konntest du ein paar Käufer täuschen. Aber nicht deine Freunde, Liebling. Nicht jene Menschen, die dich lieben.«

Und dann weinte Bev lange, und Kay hielt sie in den Armen, und später, bevor sie endlich zu Bett gingen, erzählte sie Kay, soviel sie durfte: daß ein alter Freund aus Derry in Maine, wo sie aufgewachsen war, sie angerufen und an ein Versprechen erinnert hatte, das sie vor langer Zeit gegeben hatte. Nun sei die Zeit gekommen, dieses Versprechen einzulösen, hatte er gesagt. Ob sie kommen würde? Ja... sie würde kommen. Und dann hatten die Schwierigkeiten mit Tom begonnen.

»Was für ein Versprechen war das?« fragte Kay.

Beverly schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann es dir nicht erzählen, Kay. So gern ich es auch tun würde.«

Kay dachte darüber nach, dann nickte sie. »In Ordnung. Was wirst du wegen Tom unternehmen, wenn du aus Maine zurückkommst?«

Und Bev, die immer stärker das Gefühl hatte, daß sie nie aus Derry zurückkehren würde, sagte nur: »Ich werde zuerst zu dir kommen, und wir werden es uns gemeinsam überlegen. Einverstanden?«

»Mehr als einverstanden«, sagte Kay. »Ist das auch ein Versprechen?«

»Sobald ich zurück bin«, versicherte Bev ruhig. »Du kannst dich auf mich verlassen.« Und sie umarmte Kay.

Mit Kays eingelöstem Scheck und Kays Schuhen an den Füßen hatte sie einen Greyhound-Bus nach Milwaukee genommen, weil sie Angst hatte, daß Tom auf dem Flughafen O'Hare nach ihr suchen könnte. Kay, die sie zum Busbahnhof begleitete, versuchte ihr das auszureden.

»Im O'Hare wimmelt es nur so von Sicherheitsbeamten, Liebling«, sagte sie. »Du brauchst vor ihm keine Angst zu haben. Wenn er in deine Nähe kommt, brauchst du nur wie am Spieß zu schreien.«

Beverly schüttelte den Kopf. »Ich möchte ihm völlig aus dem Weg gehen. Und auf diese Weise kann ich das.«