Kay warf ihr einen forschenden Blick zu »Du hast Angst, daß er dir die ganze Sache doch noch ausreden könnte, stimmt's?«
Und Beverly dachte daran, wie sie zu siebt im Bach gestanden hatten, wie Stanley s Colaflaschen-Scherbe in der Sonne gefunkelt hatte; sie dachte an den schwachen Schmerz, als er ihr die Hand diagonal geritzt hatte, sie dachte daran, wie sie sich im
Kreis stehend an den Händen gefaßt und versprochen hatten zurückzukehren, wenn es jemals wieder anfangen sollte... zurückzukehren und es endgültig zu töten.
»Nein«, sagte sie. »Er könnte mir das nicht ausreden. Aber er könnte mich verletzen, trotz der Sicherheitsbeamten. Du hast ihn letzte Nacht nicht gesehen, Kay. Er...« »Ich habe ihn bei anderen Gelegenheiten genügend kennengelernt«, sagte Kay mit zusammengezogenen Brauen. »Das Arschloch, das sich für einen Mann ausgibt.«
»Er hat sich wie ein Wahnsinniger aufgeführt«, fuhr Bev fort. »Auch Sicherheitsbeamte könnten ihn vielleicht nicht aufhalten. Und ich muß fahren. Es ist besser so. Glaub mir.«
»In Ordnung«, sagte Kay widerwillig, und Bev dachte amüsiert, daß Kay enttäuscht war, weil es nicht zu einer Konfrontation kommen würde, zu einer großen Abrechnung... und vor allem hätte Kay es genossen, wenn ein 400 Pfund schwerer Sicherheitsbeamter auf Toms Kopf gesessen hätte. »Lös den Scheck rasch ein«, riet Bev ihr noch einmal. »Bevor er die Konten sperren läßt. Das wird er nämlich mit Sicherheit tun.« »Wenn er das tut, statte ich ihm einen Besuch ab und sorge dafür, daß dieses Dreckschwein mir das Geld persönlich gibt...« »Du bleibst weg von ihm, hast du verstanden?« sagte Beverly scharf. »Er ist gefährlich, Kay. Glaub mir bitte. Er ist verrückt. Er hat sich aufgeführt wie...«- wie mein Vater, lag ihr auf der Zunge. Statt dessen sagte sie:».. .wie ein Besessener.« »In Ordnung«, sagte Kay. »Du kannst ganz beruhigt sein. Fahr und erfüll dein Versprechen. Und denk schon mal darüber nach, wie es dann weitergehen soll.« »Das tu' ich«, versicherte Bev, aber es war eine Lüge. Sie hatte über zuviel anderes nachzudenken: beispielsweise, was sich ereignet hatte, als sie ein zehnjähriges Mädchen gewesen war. Beispielsweise über Stimmen aus dem Ablauf. Und über etwas, das sie gesehen hatte und das so schrecklich gewesen war, daß sie es immer noch zu verdrängen versuchte, als sie Kay neben dem langen silberfarbenen Greyhound-Bus zum letztenmal umarmte. Jetzt, während das Flugzeug mit der Ente seinen langen Abstieg in die Bostoner Gegend beginnt, kehren ihre Gedanken wieder zu diesen Dingen zurück... und zu Stan Uris... und zu einem Haiku auf einer Postkarte ohne Unterschrift... und zu den Stimmen, und zu jenem Moment, als sie etwas Ungeheurem ins Auge geschaut hatte. Sie blickt aus dem Fenster, blickt hinab und denkt, daß Toms Bösartigkeit klein und unbedeutend ist im Vergleich zu dem Bösen, das sie in Derry erwartet. Wenn es dafür eine Entschädigung gibt, so die, daß Bill Denbrough auch dort sein wird... und es gab einmal eine Zeit, als ein zehnjähriges Mädchen namens Beverly Marsh Bill Denbrough liebte. Sie erinnert sich an jene Postkarte mit dem schönen Gedicht, und sie erinnert sich daran, daß sie einmal gewußt hat, wer ihr diese Karte geschickt hatte. Aber es fällt ihr nicht ein, und auch an das Gedicht selbst kann sie sich nicht mehr genau erinnern... aber vielleicht hatte Bill es geschrieben. Ja, es ist durchaus möglich, daß es Stotter-Bill Denbrough gewesen war. Ihr fällt plötzlich ein, wie sie sich am Abend jenes Tages, als sie mit Richie und Ben im Kino gewesen war und die beiden Horrorfilme gesehen hatte, zum Schlafengehen fertigmachte. Sie hatte mit Richie darüber Witze gerissen - in jener Zeit war das ihre Verteidigungswaffe gewesen -, aber ein Teil von ihr war aufgeregt, gerührt und ein bißchen ängstlich gewesen. Es war in gewisser Weise wirklich ihr erstes Rendezvous gewesen, obwohl sie es mit zwei Jungen anstatt mit einem gehabt hatte. Richie hatte ihre Eintrittskarte und alles bezahlt, genau wie bei einem richtigen Rendezvous. Und hinterher hatten dann jene großen Burschen sie verfolgt... und sie hatten den Rest des Nachmittags in den Barrens verbracht... und Bill Denbrough war mit irgendeinem anderen Jungen auch dorthin gekommen, sie erinnerte sich nicht, wie der andere geheißen hatte, aber sie erinnerte sich daran, wie Bills Blicke sich für einen Moment mit ihren getroffen hatten, und sie erinnerte sich an den elektrischen Schlag, den ihr dieser Blick versetzt hatte ...und an den heißen Schauder am ganzen Körper.
Sie erinnert sich daran, daß sie an all diese Dinge dachte, als sie ihr Nachthemd anzog und ins Bad ging, um sich das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Sie dachte, daß es bestimmt lange dauern würde, bis sie einschlief, weil sie über so vieles nachdenken mußte... und daß es schön war, daran zu denken, denn es schienen sehr nette Jungen zu sein, Kinder, mit denen man spielen und denen man vielleicht sogar ein bißchen vertrauen konnte. Das wäre schön. Es wäre... nun ja, es wäre einfach himmlisch.
Und während sie all das dachte, griff sie nach ihrem Waschlappen und beugte sich über das Waschbecken, und die Stimme
2
kam flüsternd aus dem Ablauf:
»Hilf mir!«
Beverly fuhr erschrocken zurück, den trockenen Waschlappen immer noch in der Hand haltend. Ihre Augen waren riesengroß. Sie schüttelte den Kopf, so als wollte sie ihn klar bekommen, dann beugte sie sich wieder über das Becken. Das Bad befand sich am Ende ihrer Vierzimmerwohnung. Sie hörte schwach, daß im Fernsehen irgendein Western gezeigt wurde. Danach würde ihr Vater wahrscheinlich auf ein Baseballspiel oder einen Boxkampf umschalten und in seinem Sessel einschlafen.
Die Badtapete hatte ein scheußliches Muster: Frösche auf Wasserlilienblättern. Sie wellte sich über dem unregelmäßigen Verputz, hatte Wasserflecken und löste sich stellenweise. Die Badewanne hatte Rostflecken, der Toilettendeckel war gesprungen. Eine nackte 6o-Watt-Birne war in die Porzellanfassung über dem Waschbecken eingeschraubt. Beverly erinnerte sich vage daran, daß es hier einmal eine richtige Lampe gegeben hatte, aber der Schirm war vor einigen Jahren zerbrochen und nie ersetzt worden. Der Fußboden war mit Linoleum bedeckt, dessen Muster völlig ausgeblichen war, abgesehen von einem kleinen Stück unter dem Waschbecken.
Es war kein sehr ansprechendes Bad, aber Beverly benutzte es schon so lange, daß ihr das nicht mehr auffiel.
Auch das Waschbecken hatte Flecken. Der Abfluß war rund, hatte einen Durchmesser von etwa zwei Zoll und ein einfaches kreuzförmiges Abflußventil. Früher hatte er noch eine Chromeinfassung gehabt, aber auch die war schon vor langer Zeit kaputtgegangen. Ein Gummistöpsel hing an einer Kette ins Waschbecken. Das Abflußloch war schwarz, und als Beverly sich dicht darüberbeugte, fiel ihr zum erstenmal der schwache unangenehme Geruch auf - ein leichter Fischgestank -, der aus dem Abflußrohr aufstieg. Sie rümpfte angeekelt die Nase.
»Hilf mir...«
Sie schnappte nach Luft und hatte plötzlich einen trockenen Mund. Das war eine Stimme. Sie hatte an ein Rasseln in den Rohren gedacht... oder es für reine Einbildung gehalten... hervorgerufen durch die Horrorfilme...
»Hilf mir, Beverly...«
Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Sie hatte das Gummiband aus ihrem Haar gelöst, und nun fiel es ihr in roten Locken über die Schultern. Sie spürte, wie es sich an den Wurzeln sträubte.
Ohne zu überlegen, was sie tat, beugte sie sich wieder über das Becken und flüsterte halblaut: »H-Hallo! Ist dort jemand?« Die Stimme aus dem Abfluß hatte einem Kind gehört, einem sehr kleinen Kind, das vermutlich erst vor kurzem sprechen gelernt hatte. Und trotz der Gänsehaut auf ihren Armen suchte sie nach einer rationalen Erklärung. Dies hier war ein Mietshaus. Die Marshs hatten die hintere Wohnung im Erdgeschoß. Es gab noch vier weitere Wohnungen. Vielleicht vergnügte sich in einer dieser Wohnungen ein Kind damit, in die Abflußrohre zu rufen. Und irgendein akustischer Trick...