Der eklen Sippschaft insgemein
Den magren Nachlaß abzutreten;
In stiller Ahnung offenbar,
Wie nah des Oheims Ende war.
LII
Schon kam auch wirklich mit Stafette
Bericht vom Gutsvogt an Eugen:
Sein Oheim, siech im Sterbebette,
Verlange dringlichst ihn zu sehn.
Sofort bestieg nach diesen Zeilen
Eugen die Post, um hinzueilen,
Mit stillem Groll darauf gefaßt,
Daß ihm so manche Pein und Last
Bei Wehgestöhn und Seufzermienen
Ums liebe Geld zu tragen blieb
(Wie ich's zu Anfang schon beschrieb);
Doch, kaum auf Oheims Gut erschienen,
Fand er den Greis schon aufgebahrt
Im Leichenschmuck zur Grabesfahrt.
LIII
Der Gutshof schwoll von Dienerscharen;
Von fern und nah zum Trauerhaus
Kam Freund und Feind herbeigefahren,
Begierig auf den Leichenschmaus.
Kaum barg das Grab die Erdenreste,
Bezechten Popen sich und Gäste
Und taten beim Nachhausegehn,
Als wär's in frommer Pflicht geschehn.
Mein Freund besaß nun weite Länder,
Mit Äckern, Mühlen, Wald und Flur,
War Gutsherr, bis vor kurzem nur
Ein Ordnungsfeind und Geldverschwender,
Und froh, weil seiner Lebensbahn
Solch Umschwung sichtbar wohlgetan.
LIV
Zwei Tage lang gefiel die Stille,
Das freie Land ihm wirklich gut,
Der dunkle Wald, die Saatenfülle,
Des Bächleins leise Murmelflut;
Am dritten schien der Fluren Segen
Ihn freilich kaum noch anzuregen!
Und endlich ließ ihn alles kalt.
Ihn drückte nun auch hier sehr bald
Dieselbe Langeweile nieder,
Wie dort bei Prunk und Stadtgewühl,
Theater, Ball und Kartenspiel.
Der alte Trübsinn kehrte wieder
Und hing ihm wie sein Schatten an,
Wie Weiber am geliebten Mann.
LV
Dafür kann ich so recht genießen,
Wenn mir des Dörfleins Ruhe winkt,
Wo im verborgnen Lieder sprießen,
Der Leier Stimme süßer klingt.
Dort darf ich schlendern, wunschlos sinnen,
Im Nachen schaukelnd Träume spinnen,
Dem far niente still geweiht.
Mit froher Ungebundenheit
Beschenkt mich jeder neue Morgen:
Ich lese wenig, schlafe viel
Und frage kaum nach Zweck und Ziel.
War's nicht dies Dasein ohne Sorgen,
In goldner Freiheit auf dem Land,
Wo ich das reinste Glück empfand?
LVI
O Blumen, Liebe, Flur und Frieden,
Euch geb' ich mich von Herzen hin!
Es freut mich, daß ich so verschieden
Von meinem Freund Onegin bin,
Weil nun kein Leser, mich bespöttelnd,
Noch jemand sonst, der, Arges zettelnd,
Mich selbst mit ihm vergleicht, fortan
Gewissenlos behaupten kann,
Ich hätte mich sehr unverfroren,
Von Byrons stolzer Art verführt,
Hier deutlich selber porträtiert;
Als müßten alle Herrn Autoren
Nur immerfort mit sich allein,
Dem lieben Ich beschäftigt sein!
LVII
Beiläufig: Dichter schwärmen immer,
Sobald ihr Herz von Liebe quillt.
Auch mich entzückte früh der Schimmer
Süßholder Wesen, deren Bild
Mir heimlich in der Seele webte,
Bis es der Muse Hauch belebte;
Und so besang ich froh-bereit
Mein Ideal, des Berglands Maid,
Die am Salgir gefangnen Schönen.
Nun fragt ihr lieben Freunde mich
Jetzt gar so oft: »Für wen, o sprich,
Entströmt dein Schmerz in Leiertönen?
Wem aus der eifersücht'gen Schar
Der Mädchen bringst du Opfer dar?
LVIII
Wes Zauberblick voll Seligkeiten
Belohnte mit der Liebe Dank
Den tiefen Wohllaut deiner Saiten?
Sprich, wen vergöttert dein Gesang?«
Ei, niemand, Freunde, Gott zum Zeugen!
Der Leidenschaften Sturmesreigen
Warf Trostes bar mich an den Strand.
O glücklich, wer dem Sinnenbrand
Des Sanges reine Glut vermählte,
Zwiefach so steigernd ihren Glanz
Und mit Petrarcas Ruhmeskranz
Begnadet – alles, was ihn quälte,
Vom Herzen warf! Nur mich allein
Zwang Liebe, blöd und stumm zu sein.
LIX
Sie schwand; die Muse kehrte wieder,
Der Schleier fiel von meinem Blick.
Befreit nun ruf' ich alte Lieder,
Gefühl, Gedanken mir zurück.
Mein Herz ist still, derweil ich schreibe;
Die Feder malt zum Zeitvertreibe
Kein Köpfchen, keine Füßchen mehr,
Wie sonst, um meine Strophen her.
Kein Funke kann im Busen zünden,
Der Seufzer starb, ich traure nur,
Und bald wird auch die letzte Spur
Der einst'gen Seelenstürme schwinden.
Gleich fang' ich ein Poem sodann
In fünfundzwanzig Sängen an.
LX
Schon hab' ich nebst der Form des Planes
Mir einen Helden ausgedacht –
Inzwischen hier des Versromanes
Ersten Gesang zum Schluß gebracht;
Hab' viel gebessert, viel gestrichen,
Zwar wimmelt's noch von Widersprüchen,
Doch sei's darum. Und kurz und gut:
Dem Zensor zahl' ich gern Tribut,
Und übergebe zur Vernichtung
Mein Werk der Rezensentenhand.
So zieh denn hin zum Newastrand,
Du, meine neugeborne Dichtung,
Und wirb mir dort des Sängers Lohn:
Mißdeutung, Undank, Spott und Hohn!
Zweites Buch
O rus!
Horaz
O Rußland!
I
Der Landsitz, wo Onegin gähnte,
War recht ein Plätzchen zum Gedeihn;
Dort durfte, wer nach Glück sich sehnte,
Dem Himmel wahrhaft dankbar sein.
An eines Bächleins klarem Spiegel
Stand unterm Windschutz sanfter Hügel
Allein für sich ein Herrenhaus.
Sein Giebel schaute frei hinaus
Auf Saatengold und grüne Matten;
Rings lagen Dörfchen still verstreut,
Viehherden grasten weit und breit,
Und flüsternd wölbte seine Schatten
Des Parks verträumter Wipfelwald,
Ernster Dryaden Aufenthalt.
II
Das Schloß, von ernst behäb'gen Zügen,
Wie sich's für Schlösser so gebührt,
War würdevoll und streng gediegen
Nach alter Baukunst ausgeführt:
Hochhelle Räume, breite Gänge,
Im Saal schwerseidne Wandbehänge,
Des Zaren Bild in Hermelin
Und bunte Fliesen am Kamin.
Heut gilt das alles für veraltet,
Weiß Gott warum; wie dem auch sei,
Für meinen Freund blieb's einerlei,
Welch ein Geschmack darin gewaltet:
Denn gähnend fand er's ganz egal,
Ob alter, ob moderner Saal.
III
Er fand im selben Raum Behagen,
Wo vierzig Jahr' lang frommbeseelt
Der Dorfgreis Fliegen totgeschlagen
Und mit der Magd herumkrakeelt.
Ein schlichtes Zimmer: eichne Diele,
Zwei Schränke, Sofa, Tisch und Stühle,
Kein kleinster Tintenfleck zu sehn.
Die Schränke prüfend fand Eugen: