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Hier Wirtschaftsbücher, dort die Spender

Des Seelentrostes: Schnaps, Likör

Und Apfelwein, ein ganzes Heer;

Von Anno acht den Volkskalender.

Sonst hatte bei der Pflichten Last

Der Greis kein Buch mehr angefaßt.

IV

Allein inmitten seiner Güter,

Auch weil er sonst noch nichts getan,

Verfiel Eugen als Ortsgebieter

Auf einen neuen Wirtschaftsplan:

Als freier Geist in engen Zeiten

Erließ er seinen armen Leuten

Die altererbte harte Fron;

Sie dankten ihm mit Gotteslohn.

Darob erboste sich im Winkel

Der geiz'ge Nachbar, weil für ihn

Solch Beispiel höchst gefährlich schien;

Gespottet ward sogar aus Dünkel,

Und endlich kam man überein:

Das muß ein schlimmer Vogel sein!

V

Erst gab's noch oft Besuch und Gönner;

Doch weil er sich verschmitzt erwies

Und jedesmal sich flugs den Renner

Im Hinterhofe satteln ließ,

Sobald er vorn die stark beschwerte

Familienkutsche rumpeln hörte,

Verschnupfte diese Prellerei,

Und mit der Freundschaft war's vorbei.

»Der Nachbar ist verrückt, ein Flegel

Und Umsturzmann, so frech wie roh;

Sitzt immerfort beim Glas Bordeaux;

Vergißt vor Fraun die Anstandsregel;

Brummt weiter nichts wie ja und nein, Der Tropf!« So hieß es allgemein.

VI

Dortselbst erschien in jenen Tagen

Ein neuer Gutsherr auf dem Land,

An dem mit gleichem Unbehagen

Die Nachbarschaft zu kritteln fand:

Wladimir Lenski, ein im Busen

Göttingisch freier Sohn der Musen,

Von jugendfrischem Hauch umweht,

Anhänger Kants, dazu Poet.

Er brachte aus Germaniens Nebeln

Die Früchte reifer Wissenschaft:

Verstand, sehr tief, doch rätselhaft,

Freiheitsbegeisterung, kaum zu knebeln,

Beredsamkeit, höchst wunderbar,

Und langes, schwarzes Lockenhaar.

VII

Noch rein und unberührt geblieben

Vom Lastertreiben dieser Welt,

War noch von Freundschaft, treuem Lieben

Sein ahnungsloses Herz geschwellt.

Noch stand es holdem Irrtum offen,

Noch wiegte ihn ein süßes Hoffen,

Und gläubig gab sein Schwärmersinn

Sich noch dem Trug des Lebens hin.

Den Zweifel, wenn er leis erwachte,

Verscheuchte seiner Träume Spiel,

Wobei er sich des Daseins Ziel

Als abgrundtiefes Rätsel dachte,

Sich oft den Kopf darum zerbrach

Und von der Zukunft Wundern sprach.

VIII

Er glaubte, eine Seele wäre

Für ihn bestimmt, durch Sympathie,

Die trostlos sich in Harm verzehre

Und seiner harre spät und früh;

Er glaubte, treue Freunde ließen

Sich gern für ihn in Ketten schließen

Und seien hilfreich jederzeit

Zu Beistand in Gefahr bereit;

Daß Menschen leben, die in Gnade

Erwählt vom Schicksal ...

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IX

Sein Mitleid mit der Not auf Erden,

Sein Wahrheitstrieb und Edelmut

Sowie der Wunsch, berühmt zu werden,

Erregten früh sein junges Blut.

Die Welt durchschwärmend mit der Leier,

War ihm an Schillers, Goethes Feuer

In deren Himmel seine Brust

Emporgeloht in Sangeslust.

Und seiner Muse holde Gaben

Entweihte er, der Reine, nie:

Der Hochflug seiner Poesie

War über Erdenstaub erhaben,

Von träumerisch naivem Schwung

Und schöner, keuscher Mäßigung.

X

Er sang von demutsvoller Liebe,

Und harmlos war sein Lied und rein

Wie eines Mägdleins Unschuldstriebe,

Wie Kindestraum, wie Mondenschein,

Dem, wenn er nachts so friedlich leuchtet,

Die Sehnsucht ihren Kummer beichtet;

Er sang von Wehmut, Trennungsharm,

Von Nebelduft und andrem Schwarm,

Von Rosen, die romantisch sprossen;

Er sang von Ländern fern und weit,

Wo in verschwiegner Einsamkeit

Einst bitter seine Zähren flossen;

Er sang von frühem Tod sogar –

Ein halbes Kind von achtzehn Jahr!

XI

In dieser Wüste, wo von allen

Ihn nur Eugen nach Wert bemaß,

Empfand er wenig Wohlgefallen

An seiner Nachbarn derbem Spaß

Und ihren lauten Trinkgelagen;

Auch ihr Gespräch von Wirtschaftsfragen,

Heuernte, Dung und Ackerfrucht,

Familie, Wein und Hundezucht

Gebrach zu sehr an Geistesblüten,

Poetisch reiner Harmonie,

Verstand, Gefühl und Phantasie,

Um für den Ton Ersatz zu bieten;

Das Schlimmste freilich war dabei

Der bessern Hälften Klatscherei.

XII

Als hübscher Bursch mit viel Vermögen

Kam Lenski als ein Freiersmann

Den Landfamilien sehr gelegen:

Jedweder Mutter lag daran,

Den »halben Russen« einzufangen.

Er kommt: gleich wird drauflosgegangen,

Wie öde doch das Einerlei

Des Hagestolzenlebens sei;

Zum Samowar wird herbefohlen,

Schön-Dunja macht den Tee geschwind,

Man flüstert: »Sei recht lieb, mein Kind!«

Dann läßt man die Gitarre holen,

Und Dunja flötet (wehe dir!):

»Komm auf mein güldnes Schloß zu mir!«

XIII

Doch Lenski schien aus guten Gründen

Solch zarte Fesseln noch zu scheun

Und wünschte, statt sich schon zu binden,

Vorerst Onegins Freund zu sein.

Es glückte. Zwischen Fels und Fluten,

Gesang und Prosa, Eis und Gluten

Gab's eher noch ein Bindeglied.

Auch schuf der Wesensunterschied

Den beiden anfangs viel Beschwerden;

Doch man gefiel sich, wurde warm,

Ritt täglich aus, ging Arm in Arm,

Um schließlich eng vertraut zu werden.

Wie denn (mir selber ist's passiert)

Faulenzerei zur Freundschaft führt.

XIV

Zwar ist auch solche Freundschaft selten,

Weil unser blinder Dünkel meint,

Daß andere bloß für Nullen gelten,

Wodurch man selbst als Eins erscheint.

Uns dünkt, wir seien Bonaparte,

Und blicken von der steilen Warte

Auf die zweibein'ge Kreatur:

Für uns ist sie ein Werkzeug nur.

Da war Eugen noch gut zu leiden;

Denn eben, weil er ganz und gar

Kein Freund der lieben Menschheit war,

Verstand er scharf zu unterscheiden,

So daß er manchen gelten ließ

Und seinem Herz Respekt erwies.

XV

Drum ließ er Lenski ruhig schwärmen,

Begeistert in den Himmel schaun,

Sich an der Rede Glanz erwärmen

Und arglos seinen Sinnen traun;

Ihm war's so neu, so ungewöhnlich.

Auch hielt er, von Natur versöhnlich,

Mit kühlem Widerspruch zurück

Und dachte: soll ich ihm dies Glück