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Dieser Schmerz war blitzartig gekommen und ebenso schnell wieder verschwunden, wie ein Meteor, der eine Spur aus zerrissenen und neu verknüpften Verbindungen im Kopf hinterlassen hatte. Sie stand auf, ging an ihm vorbei und zur Siedlung zurück. Es gab im Moment nur eine Person, von der sie etwas wollte, eine Sache, die sie zu erledigen hatte.

Sauer war in der Behausung, einem primitiven Unterstand aus Palmwedeln, und machte Siesta.

Mutter stellte sich über sie. In den Händen hielt sie einen großen Stein, den sie gerade noch zu tragen vermochte. Sie wiegte ihn, wie sie einst Still gewiegt hatte.

Mutter hatte nie den Tag vergessen, an dem Still krank geworden war. An jenem Tag hatte sich für sie alles geändert, als ob das Land sich um sie gedreht hätte, als ob die Wolken und Felsen die Plätze getauscht hätten. Und sie hatte auch Sauers Grinsen nicht vergessen. Wenn ich schon kein Kind bekommen kann, hatte sie gesagt, freue ich mich wenigstens darüber, dass du deins verlierst.

Nun fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Stills Tod war kein Zufall gewesen. In Mutters Universum geschah nichts zufällig: nicht mehr. Alles war verbunden, alles hatte eine Bedeutung. Sie war die erste Verschwörungs-Theoretikerin.

Und die erste Person, die sie anklagte, war ihre nächste überlebende Verwandte.

Mutter wusste nicht, wie Sauer das Verbrechen verübt hatte. Vielleicht durch einen Blick, ein Wort, eine Berührung – heimlich, mit einer unsichtbaren Waffe, die den Jungen so unerbittlich wie ein hölzerner Speer ums Leben gebracht hatte –, aber auf das wie kam es auch nicht an. Es kam nur darauf an, dass Mutter nun wusste, wen sie zur Verantwortung ziehen musste.

Sie hob den Stein.

Im letzten Moment wurde Sauer durch Mutters Bewegung geweckt. Und sie sah den Stein, der ihr auf den Kopf fiel. Ihre Welt ging so gründlich und plötzlich unter, wie die Erde der Kreidezeit vom Teufelsschweif ausgelöscht worden war.

Das Hominiden-Gehirn war, durch die Anforderung steigender Intelligenz befeuert und durch die neue fettreiche Nahrung der Leute genährt, schnell gewachsen. Es war jetzt schon größer als jeder Computer, den die Menschen jemals bauen sollten. In Mutters Kopf befanden sich hundert Milliarden Neuronen, wechselwirkende biochemische Schalter, deren Zahl mit der Anzahl der Sterne in der Galaxis vergleichbar war. Und jeder dieser Schalter vermochte hunderttausend verschiedene Stellungen einzunehmen. Und diese geballte Ladung schwamm in einer mit über tausend Chemikalien angereicherten Flüssigkeit, die in Abhängigkeit von Zeit, Jahreszeiten, Belastung, Ernährung, Alter und hundert anderen Einflüssen variierte, die alle sich auf die Funktion der Schalter auswirkten.

Vor Mutter war das Bewusstsein der Leute segmentiert und das schwach ausgeprägte Unterbewusstsein für soziale Zwecke reserviert, während die spezialisierten Module für solche Funktionen zuständig waren wie Werkzeugherstellung und Umweltverständnis und für grundlegende physiologische Funktionen wie das Atmen. Die verschiedenen Funktionen des Gehirns hatten sich bis zu einem gewissen Grad voneinander isoliert entwickelt, wie Subroutinen ohne integrierendes Master-Programm.

Dennoch war dieser hochkomplexe biochemische Computer sehr störanfällig. Und er neigte zur Mutation.

Der physikalische Unterschied zwischen Mutters Gehirn und denen ihrer Artgenossen war geringfügig: Er war das Resultat einer winzigen Mutation, einer kleinen Änderung in der chemischen Zusammensetzung des Fetts im Schädel und einer leichten Neuverdrahtung der neuronalen Schaltkreise, die ihrem Bewusstsein zugrunde lagen. Doch genügte das bereits, um ihr eine neue Flexibilität des Denkens zu verleihen und das Einreißen der Bewusstseins-Barrieren zu ermöglichen – und eine enorm verstärkte Wahrnehmung.

Indes hatte die Neuverdrahtung eines so komplizierten organischen Computers zwangsläufig Begleiterscheinungen, die nicht alle erfreulich waren.

Es war nicht nur die Migräne. Mutter litt an etwas, das vielleicht als eine Art Schizophrenie zu diagnostizieren gewesen wäre. Die Symptome waren durch den Tod ihres Sohns ausgelöst worden. Schon im ersten Aufflackern menschlicher Kreativität stand Mutter stellvertretend für die vielen defizitären Genies, die die Menschheitsgeschichte in zukünftigen Generationen erhellen und zugleich verdüstern sollten.

Es gab hier keine Polizei. Aber unberechenbare Killer waren in einer so kleinen, eng verwobenen Gemeinschaft nicht tragbar. Also kam man sie abholen.

Aber sie war schon weg.

Allein wanderte sie durch die Savanne, zurück zu dem Ort, wo sie zuletzt gelagert hatten – zur ausgetrockneten Schlucht. Die Grabstelle war inzwischen so verwittert und überwuchert, dass wohl nur sie noch imstande war, sie zu identifizieren.

Sie riss die Pflanzen aus, das Gras und die Sträucher. Dann nahm sie einen Grabstock und grub ein Loch, wie der lang tote Kieselstein nach dem Maniok gegraben hatte.

Schließlich fiel ihr Blick in etwa einem Meter Tiefe auf das Weiß von Knochen. Das erste Fragment, das sie barg, war eine Rippe. Im grellen Sonnenlicht schimmerte es weiß, bar von Fleisch und Blut; sie staunte über den Fleiß der Würmer. Aber sie hatte es nicht auf die Rippen abgesehen. Sie ließ den Knochen fallen und stieß die Hände in den Boden. Sie wusste, wo sie suchen musste – denn sie erinnerte sich an jede Einzelheit des furchtbaren Tages, als sie Still in dieses Loch geworfen hatten, wie er mit wackelndem Kopf und schlaffen Gliedern hineingefallen war, wobei die dünnen Beine noch mit dem Kot verschmiert waren, den er im Todeskampf abgesondert hatte.

Bald schlossen ihre Hände sich um seinen Kopf.

Sie holte den Schädel heraus und schaute in die Augenhöhlen. Der Kiefer wurde noch von einem Knorpelfetzen festgehalten, doch dann riss das verwesende Gewebe, und der Mund öffnete sich, als ob das tote Kind ihr noch etwas sagen wollte. Doch der Mund klaffte grotesk immer weiter auf, und ein fetter Wurm krümmte sich, wo die Zunge gewesen war. Und dann löste der Kiefer sich und fiel in den Schmutz.

Das machte aber nichts. Er brauchte schließlich keinen Mund mehr. Was waren schon ein paar Zähne? Sie spuckte auf den Schädel und wischte mit der Handfläche den Schmutz ab. Dann wiegte sie den Schädel summend.

Als sie zum See zurückkehrte, warteten die Leute schon auf sie. Sie waren alle da, außer den kleinsten Kindern, und die Mütter mit Kindern. Ein paar der Erwachsenen waren mit Steinmessern und Holzspeeren bewaffnet, als ob Mutter ein bösartiger Elefantenbulle sei, mit dessen Angriff sie jederzeit rechneten. Genauso viele Leute aus der Gruppe waren jedoch eher betrübt als feindselig. Da war zum Beispiel Schössling. Er hatte sich die Speerschleuder an einer Schnur aus Sehnen auf den Rücken gehängt und betrachtete mit umflorten hellblauen Augen die Frau, die ihn so viel gelehrt hatte. Viele von ihnen trugen sogar noch die Zeichen auf der Haut oder auf der Kleidung, zu denen sie sie inspiriert hatte.

Sauers einziges überlebendes Kind war ein dreizehn Jahre altes Mädchen. Sie war immer schon pummelig gewesen, und diese Veranlagung hatte sich noch verstärkt, wo sie nun zur Frau heranreifte; sie hatte schon große, hängende Brüste. Und ihre Hautfarbe war ein seltsames Gelbbraun wie Honig – das Erbe einer zufälligen Begegnung mit einer umherstreifenden Gruppe aus dem Norden, die vor ein paar Generationen stattgefunden hatte. Nun starrte dieses Mädchen, Honig – Mutters Cousine – Mutter verständnislos und zornig zugleich an. Ihr schmutziges Gesicht war tränenüberströmt.

Ob feindselig, traurig, mitleidig oder verwirrt, sie waren alle unsicher. Als sie diese Unsicherheit bemerkte, verspürte Mutter eine innere Wärme. Ohne zu schreien, ohne Gewalt anzuwenden, auch nur ohne eine Geste hatte sie die Lage unter Kontrolle.