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Die anderen schienen seine Stimmung zu spüren. Sie mieden seine Gesellschaft, kämmten ihn nicht mehr und schauten ihn nicht einmal mehr an. Seine Niederlage war durch den Tod von Finger zwar hinausgezögert worden, aber sie war dennoch unvermeidlich. Capos Werk war vollbracht, sein Leben fast vorbei. Sein Imponiergehabe hatte er abgelegt.

Doch dann kam Blatt zu ihm. Sie legte sich neben ihm ins Nest und kämmte ihn sanft, wie sie es getan hatte, als sie beide jung gewesen waren. Plötzlich war die Welt wieder schön und voller Möglichkeiten.

Wedel hatte kein Interesse an Capo, weder auf die eine noch auf die andere Art. Er hatte etwas anderes im Sinn.

Auf den Knöcheln ging er ein paar Schritte hinaus ins von der Sonne beschienene Grün. Wie immer war er unsicher auf den Füßen. Jedoch hatte er durch den langen Hals eine Plattform, von der aus er das Land sondierte und Räuber und andere Gefahren zu erkennen vermochte.

Wedel duckte sich wieder ins Gras und pirschte sich vorsichtig an den Kadaver des Gomphotheriums heran. Die Hyänen hatten ganze Arbeit geleistet. Der Körper sah aus, als sei er explodiert: Gliedmaßen und Rippen waren auf dem Boden verstreut, blutige Knochen glänzten, ein fleischloser Kopf schaute ihn aus leeren Augenhöhlen anklagend an, und zerbrochene und angenagte spatenartige Stoßzähne lagen herum. Er durchwühlte die Hautfetzen und von den Hyänen übrig gelassene Fleischbrocken, aber die Ausbeute war gering. Die ›Putztruppen‹ der Savanne hatten das Fleisch des Rüsseltiers effizient verwertet. Die Hyänen hatten sogar die weichen Rippen geknackt. Doch dann fand er einen langen, dicken Schenkelknochen, der in einem großen Klumpen auslief. Er war unversehrt. Versuchsweise klopfte er mit einem anderen Knochen dagegen – er klang hohl.

Im Schmutz fand er einen Stein, der gerade in die Faust passte. Er hob den Stein und schlug damit auf den Knochen. Der Knochen splitterte, und leckeres Mark quoll heraus. Das war eine Ressource, die dem Zugriff der Hyänen-Zähne und Aasgeier-Schnäbel entzogen war – aber nicht für Wedel. Er hob den Knochen und schlürfte gierig das Mark.

Die anderen, die Capo und seine Horde aus dem Wald vertrieben hatten, würden dort bleiben und sich mit dem begnügen, was sie hatten. Aus solchen Horden sollten sich schließlich die Schimpansen entwickeln, die sich kaum von dieser urzeitlichen Art unterschieden. Sie würden nicht nur überleben, sondern sogar einen Aufschwung nehmen: Obwohl die Wüste sich ausbreitete und die Wälder zu einem Gürtel um den Äquator schrumpften, würden die großen Flüsse den Schimpansen Korridore eröffnen, durch die sie ins Herz von Afrika wanderten.

Die Nachfahren von Capos Horde gingen jedoch einem ganz anderen Schicksal entgegen. Dieses Häuflein Menschenaffen, das durch das Verschwinden des Waldes heimatlos geworden war, würde einen Weg finden, hier draußen zu überleben. Der Abschied von einer Ökologie, an die sie sich über Jahrmillionen angepasst hatten, fiel ihnen aber schwer: Solang die Menschenaffen nicht über große Entfernungen zu gehen und zu rennen vermochten, solange sie nicht zu schwitzen und solange sie nicht einmal Fleisch zu verdauen vermochten, würden noch sehr viele sterben. Aber ein paar würden überleben: nur ein paar, aber das genügte schon.

Wedel hatte das Mark ausgesaugt. Aber es warteten noch viel mehr Knochen darauf, geknackt zu werden. Er schaute zur Horde zurück und rief sie herbei.

Dann drehte er sich wieder zur Savanne um. Er war ein Zweibeiner, Werkzeugnutzer, Fleischfresser, Fremdenfeind, dabei hierarchisch, kämpferisch und wettbewerbsorientiert – alles Eigenschaften, die er im Wald erworben hatte. Und zugleich verfügte er über die besten Qualitäten seiner Vorfahren: Purgas Zähigkeit, Noths Elan, Streuners Mut, sogar Capos Weitblick. Erfüllt mit den Möglichkeiten der Zukunft und dem Erbe der Vergangenheit ließ das aufrecht stehende junge Männchen den Blick über die Savanne schweifen.

ZWEI

Menschen

Zwischenspiel

Alyce und Joan schlurften in der Menge der Passagiere auf das Flughafengebäude zu. Sie waren nur für ein paar Minuten in der dichten Rauchwolke gewesen, und doch musste Joan sich auf den Arm von Alyce Sigurdardottir stützen. Sie hatte das Gefühl, zu schmelzen.

Das Erste, was Joan nach dem Verlassen des Flugzeugs gespürt hatte, war ein Erdbeben. Eine außergewöhnliche Wahrnehmung, eine traumartige Verschiebung, die schon zu Ende war, kaum dass sie begonnen hatte.

Das Beben war natürlich vom Rabaul verursacht worden.

Unter der Insel Papua Neu-Guinea war Magma in Wallung geraten – geschmolzenes Gestein mit einem Volumen von tausend Kubikkilometern. Diese große Aufwallung war mit einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Monat durch Spalten in der dünnen Erdkruste zur riesigen alten Caldera namens Rabaul emporgestiegen. Das war eine erstaunliche Geschwindigkeit für ein geologisches Ereignis und kündete von gewaltigen Energien. Die aufsteigende Masse hatte das darüber liegende Gestein aufgewölbt und das Land unter eine enorme Spannung gesetzt.

Rabaul hatte schon viele kataklysmische Ausbrüche zu verzeichnen. Zwei dieser Eruptionen waren von menschlichen Wissenschaftlern datiert worden: eine vor fünfzehnhundert Jahren und die andere ungefähr zweitausend Jahre zuvor. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis es wieder geschehen würde.

Die anderen Passagiere, die durch die rauchige Luft zum kleinen Flughafen-Terminal gingen, schienen das Beben gar nicht mitzubekommen. Bex Scott war von ihrer Mutter Alison und ihrer Schwester abgeholt worden – die goldene Augen und grünes Haar hatte. Unter einem Himmel, der von fernen Feuern erhellt wurde, und über einem Land, das unbemerkt von ihnen sich schüttelte, plauderten die genmodellierten Kinder fröhlich mit ihrer eleganten Mutter. Joan bemerkte, dass sie die silbernen Ohrhörer noch in den Ohren stecken hatten. Es war, als ob sie in einem Neonnebel umherliefen.

Joan erinnerte sich zerknirscht an ihren beiläufigen Ausspruch, dass Bex schon ein ausgesprochener Pechvogel sein müsste, wenn Rabaul just in dem Moment ausbrach, wenn sie in der Nähe war. Hier draußen auf dem schwankenden Boden wurde sie Lügen gestraft. Aber vielleicht würde der Berg sich auch wieder beruhigen. Wie dem auch sei, die meisten Leute dachten gar nicht darüber nach. Es war eine überfüllte Welt mit vielen Problemen, die akuter waren als ein grummelnder Vulkan.

Der Weg zum Flughafengebäude schien endlos. Es war ein trister Schuppen, trotz der Firmenlogos, mit denen jede freie Fläche zugepflastert war. Die intervallartigen Erschütterungen des Bodens waren eine urzeitliche Störung, und das laute Wimmern der Düsentriebwerke klang wie das Stöhnen enttäuschter Tiere.

Und dann hörte Joan ein fernes Bersten, als ob feuchtes Holz in ein Feuer geworfen würde. »Shit. War das etwa ein Schuss?«

»Da stehen Demonstranten am Flughafenzaun«, sagte Alyce Sigurdardottir. »Ich habe sie schon beim Landeanflug entdeckt. Es ist eine große Zusammenrottung, wie damals bei den Atomkraftgegnern.«

»Nur für uns?«

Alyce lächelte. »Man kann keine große Konferenz über die Globalisierung veranstalten, ohne dass Demonstranten sich ein Stelldichein geben. Aber was soll’s, das hat Tradition; sie machen bei diesen Konferenzen schon so lang Rabatz, dass die Veteranen bereits Wiedersehentreffen veranstalten. Sie sollten sich geschmeichelt fühlen, dass die Sie so ernst nehmen.«

»Dann werden wir uns noch mehr anstrengen müssen«, sagte Joan grimmig, »sie von unsrem neuen Angebot zu überzeugen… ich habe den Eindruck, dass Sie Alison Scott nicht mögen.«

»Scotts ganzes Leben und ihre Arbeit ist Show-Business. Sogar ihre Kinder hat sie für ihre kommerziellen Zwecke eingespannt – nein, sie hat sie eigens dafür erschaffen. Sehen Sie sie sich doch nur mal an.«