II. Buch
Die Planeten-Ingenieure
1.
Drei Jahre später auf Morcos …
Für einen Morconen war Giri bel Tarman ein Koloß. Wer ihn sah, hielt ihn für einen Preisringer, nicht für einen Wissenschaftler von Format. Er hielt sich im Erfrischungsraum des unterirdischen Forschungszentrums auf und schlürfte mit Genuß eine Tasse jenes merkwürdigen, braunen Getränks, das die Erdmenschen in riesigen Quantitäten nach Morcos ausführten. Auch an Erdtabak hatte der Morcone Gefallen gefunden, wie seine kostbare Meerschaumpfeife bewies.
»Setzen Sie sich, meine Liebe«, sagte der Mann leise, als er hinter sich Schritte vernahm. »Darf ich Ihnen einen Kaffee spendieren?«
»Gern«, antwortete Sirghia Khanmar, während sie sich auf dem Stuhl gegenüber Giri niederließ. »Woher wußten Sie, daß ich näher kam – schließlich konnten Sie mich nicht sehen?«
»Aber hören«, trumpfte Giri auf, während er einen Robotkellner herbeiwinkte. »Und auch riechen – Ihr Parfüm ist in der Galaxis wahrscheinlich einmalig.«
Sirghia wußte nicht, wie sie die letzte Bemerkung zu werten hatte; vorsichtshalber schwieg sie. Die Morconin war fünfzehn Zentimeter kleiner als Giri und für Erdenmenschen vermutlich von erschreckender Hagerkeit. Als Gravo-Technikerin war sie kaum zu schlagen, und ihre spitze Zunge war in den Labors gefürchtet – lediglich Giri konnte ihr Paroli bieten.
»Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, bemerkte die junge Frau nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr.
»Ha?« machte Giri verständnislos.
»Die Regierungsdelegation«, erklärte Sirghia sanft. »Sie wollen den ersten Probelauf des Generators miterleben.«
Erde und Morcos hatten drei Jahre lang alles Verfügbare aufgeboten, um diese Anlage zu erstellen, die die frühere Bahnabweichung des Planeten Morcos wieder rückgängig machen sollte. »Muß das sein?« seufzte Giri laut.
»Es muß«, erklärte Sirghia entschlossen. »Schließlich ist dies nicht irgendein Forschungsprogramm – es ist die letzte Hoffnung des morconischen Volkes.«
»Weniger Pathos!« bat Giri. »Auf letzte Hoffnungen pflegen meist noch etliche allerletzte Hoffnungen zu folgen.«
»Mag sein«, räumte Sirghia ein; sie hatte im Eingang zum Erfrischungsraum bereits den ersten erwarteten Besucher erkannt. Sie gab Giri ein Zeichen und stand auf, um den Männern entgegenzugehen. Der Morcone aber blieb auf seinem Platz, zündete sich mit peinlicher Sorgfalt eine Pfeife an und wartete darauf, daß man ihn ansprach.
»Wenn ich nicht wüßte, daß Sie Giri bel Tarman sind«, sagte einer der vier Männer, ein kleiner, dicklicher Erdmensch, »würde ich Sie für den Einschläfer einer Matratzenfabrik halten. Sind Sie immer so phlegmatisch?«
»Meistens«, gab Giri zu. Er stand umständlich auf und betrachtete aus einer Höhe von mehr als zwei Metern das Schädeldach des Terraners, der nur knapp 190 Zentimeter maß. Die Gesichtszüge des Erdmenschen drückten beträchtliche Verlegenheit aus, als der Mann seine Rechte in die Höhe hob, um Giris ausgestreckte Hand zu schütteln.
»Jetzt weiß ich endlich«, sagte der Terraner grinsend, »wie sich ein normaler Terraner mittlerer Größe bei meinem Anblick fühlt. Mann, sind Sie lang!«
Die drei anderen Männer, die den Terraner begleiteten, waren Morconen; höflich erwiderten sie Giris Händedruck.
»Würden Sie uns jetzt bitte die Anlagen zeigen?« bat ein Morcone. »Wir möchten Ihre Zeit nicht länger als nötig in Anspruch nehmen.«
An der Spitze der sechsköpfigen Gruppe marschierte Giri durch die unterirdischen Korridore der Forschungsanlagen. Von Zeit zu Zeit wurden sie von bewaffneten Wächtern aufgehalten, die gründlich die Ausweise prüften, die offen an der Brusttasche der Laborkittel getragen werden mußten. Neben einem Foto des Trägers enthielten die kleinen Karten aus urkundenechtem Plastik auch das vollständige Fingerlinienmuster des Besitzers; an jeder Kontrollstelle wurden die Männer aufgefordert, ihre Fingerabdrücke einem Vergleichscomputer anzuvertrauen, der die Werte mit den Angaben auf den Karten verglich. Bei der geringsten Unstimmigkeit heulten Sirenen auf und fuhren Schotte zu; lediglich die Wachen, die besonderen Kontrollen unterworfen wurden, konnten dann noch in die einzelnen Räume eindringen.
»Große Galaxis!« stöhnte der Terraner nach der achten Kontrolle. »Ist dieser ganze Unfug eigentlich nötig?«
»Leider ja«, erwiderte Sirghia gelassen. »Hat man Sie nicht über die Distributionisten unterrichtet?«
»Nein!« lautete die Antwort; Sirghia schüttelte verwundert den Kopf.
»Also«, begann sie, »es gibt auf Morcos eine Gruppe uneinsichtiger Menschen, die sich fanatisch gegen eine Zusammenarbeit mit der Erde wehrt, weil wir Morconen dabei angeblich betrogen würden. Diese Fanatiker haben schon einigen Unfug angerichtet. Die meisten ihrer Anschläge sind ausgesprochen dilettantisch, aber es steht zu befürchten, daß diese Organisationen im Falle des Großen Generators etwas entschlossener und radikaler vorgehen werden. Ihre Zahl ist nicht sehr groß, aber wir wollen nicht riskieren, daß die Arbeit dreier Jahre durch einen Sabotageversuch vernichtet wird.«
Die Gruppe hatte inzwischen die letzten Kontrollen hinter sich gebracht und befand sich jetzt im streng geheimen Abschnitt der Forschungsstation, der unter anderem von zahlreichen Posten besetzt war. Stellenweise waren mehr Uniformen zu sehen als Laborkittel; der kleine Raum, in den Giri die Gruppe führte, war nur von Wächtern bevölkert. Neugierig sahen sich die Morconen und der Terraner um; an den Wänden waren nur Tausende Skalen und Instrumente zu erkennen, sowie einige Bildschirme, die gewaltige Maschinen zeigten – mehr nicht.
»Ist das alles?« fragte der Terraner sichtlich enttäuscht.
Giri lächelte schwach. »Was hatten Sie erwartet? Was Sie hier in diesem Raum sehen, ist die Kontrolleinrichtung für den Großen Generator, dessen einzelne Teile sich in verschiedenen anderen Räumen dieser Forschungsanlage befinden.«
»Warum getrennt?« erkundigte sich ein Morcone, der sich über ein mysteriöses Instrument gebeugt hatte und sich enttäuscht wieder abwendete.
»Es erschien uns sicherer«, erklärte Sirghia an Giris Stelle. »Sollte wider Erwarten ein Bauteil versagen oder gar detonieren, dann werden wenigstens die anderen Teile nicht beschädigt. Keine Angst«, fügte sie hinzu, als sie das erschrockene Gesicht des Erdmenschen sah, »es wird nichts detonieren. Die ersten Generalproben der einzelnen Geräte verliefen ohne jede Störung.«
»Was soll eigentlich bei diesen Versuchen herauskommen?« wollte der Terraner wissen.
»Wir wollen Morcos wieder auf seine ursprüngliche Umlaufbahn zurückbringen«, erklärte Sirghia schnell, bevor Giri eine bissige Bemerkung machen konnte. »Während der Katastrophe vor 2500 Jahren hat ein ähnlicher Generator die Massenanziehung von Morcos so vergrößert, daß sich der Planet förmlich an seine Sonne heranzog. Wir planen die genaue Umkehrung – wir wollen die Schwerkraft so weit verringern, daß der gesamte Planet in seine alte Bahn zurückkehrt. Bildlich gesprochen wollen wir versuchen, die Schnur, an der Morcos um seine Sonne kreist, ein wenig zu verlängern.«
»Ein buchstäblich weltbewegender Versuch also«, sinnierte der Terraner. »Und was machen wir jetzt?«
Nun übernahm Giri die Aufgabe, seine Arbeiten den Besuchern zu erklären. Peinlich genau sprach er über die Funktion und Arbeitsweise jedes einzelnen Gerätes – und nicht ohne Genugtuung bemerkte er, daß sein endloser Vortrag die Besucher unglaublich langweilte.
»Bitte, sehen Sie hierher!« bat er schließlich.
Die Männer beugten sich vor und beobachteten einen unscheinbaren Zeiger, der von Null auf 0,005 emporgewandert war; die Morconen sahen sich ratlos an und zuckten mit den Schultern.