»Ist das alles?« fragte ein Morcone schließlich zaghaft.
Giri seufzte leise auf, dann sagte er mit mühsam unterdrückter Wut: »Ja, das ist alles! Dieses Gerät zeigt an, um welchen Wert ich die normale Schwerkraft des Planeten verringert habe – um fünf Tausendstel. Das genügt für diesen Probelauf.«
Er unterbrach sich, als ein Vid summte. Giri nahm das Gespräch an, und mit jedem Wort, das der unbekannte Gesprächsteilnehmer sagte, hellte sich sein Gesicht auf.
»Wir haben es tatsächlich geschafft!« sagte er strahlend. »Der Anruf kam von einem Observatorium – die Astronomen haben eine nachweisbare Bahnveränderung festgestellt und gemessen. Morcos hat sich ein Stück bewegt.«
»Und wie hat sich die Bahn verändert?« erkundigte sich einer der Morconen.
»Um ein paar Kilometer«, sagte Giri schulterzuckend. »Es beweist, daß unsere Arbeit erfolgreich war.«
»Die Bevölkerung wird langsam ungeduldig«, sagte der Anführer der kleinen Delegation nachdenklich. »Immerhin setzten wir seit drei Jahren alle Kraft und Arbeit in dieses Projekt – die Menschen wollen endlich etwas sehen, eine spürbare Veränderung.«
Giri grinste unverschämt. »Hoffen wir, daß es dazu nicht kommt. Wenn wir nicht sehr behutsam vorgehen, dann wird es zu ähnlichen Katastrophen kommen wie damals. Oder sollte Ihnen entfallen sein, unter welchen Begleiterscheinungen sich der Bahnwechsel vollzog – Stürme, Erdbeben und dergleichen?«
»Das heißt, daß …«
»… noch Jahre vergehen werden, bevor Morcos wieder auf seiner alten Bahn ist – wir werden den Planeten ganz allmählich zu seinem Platz zurückführen.«
Auf den Gesichtern der drei Morconen war deutlich zu erkennen, woran sie bei diesen Worten dachten. Im nächsten Jahr fanden Parlamentswahlen statt, und nur zu gern hätte die Regierungspartei diesen Erfolg noch in dieser Amtszeit gehabt. Der kleine, fette Terraner schien mit ähnlichen Überlegungen beschäftigt – er grinste die bleich gewordenen Morconen diabolisch an. Die Männer sahen sich an und verabschiedeten sich hastig – wahrscheinlich würde es im Anschluß an die wissenschaftliche Demonstration zu erregten Diskussionen kommen.
Giri sah den davoneilenden Besuchern nach und lächelte still, dann drehte er sich zu Sirghia um. »Wie wäre es jetzt mit einem kleinen Drink – dieser Erfolg muß gefeiert werden!«
Der Wissenschaftler hatte sich nur schwer dazu bereitgefunden, seinen ständigen Wohnsitz in die hermetisch abgeriegelten Räumlichkeiten des Forschungsbunkers zu verlegen, aber letztlich hatte er nicht widerstehen können. Immerhin ließ es sich abseits der großen Wohnblocks gut leben.
Giri bel Tarman bewohnte zwei Zimmer, die wie auf Morcos üblich nicht abschließbar waren. Auf eine private Hygienezelle hatte er verzichtet – Wasser war auf Morcos so knapp, daß eine eigene Dusche zu den höchstbesteuerten Luxusgütern zählte. Die Räume waren sehr einfach möbliert – ein hartes Bett, ein Tisch, mehrere Stühle und einige Bücherregale bildeten die Einrichtung seines Schlafzimmers. Im Wohnzimmer befand sich als Ausgleich zum Bett ein Schreibtisch aus schmutzfestem Kunststoff; auch hier quollen die Regale über von Ton- und Bildspulen, Bandkassetten und dickleibigen Folianten. Das Ganze sah ein wenig unordentlich aus, da Giri die Angewohnheit hatte, seinen gesamten Besitz alphabetisch zu ordnen – ob es sich um Musikaufnahmen handelte, Unterhaltungsliteratur oder Fachbücher. Mitten im Wohnzimmer hing von der Decke ein Kugellautsprecher der oberen Preisklasse – seit seiner ersten Bekanntschaft mit der terranischen Musik war Giri barocken Klängen verfallen; auch einige hochwertige Reproduktionen an den Wänden bewiesen, daß er das Kunstschaffen der Erdmenschen zu schätzen wußte.
Das erste, was Giri am Morgen nach dem ersten Probelauf von sich gab, war ein klägliches Stöhnen, dann folgten einige Flüche. »Dieser elende Importschnaps!« stöhnte der Wissenschaftler. Natürlich war es bei dem einen Drink nicht geblieben, und Giri hatte in Unkenntnis der Standfestigkeit von Sirghia des Guten ein wenig zuviel getan. »Bei Morcoy!« jammerte er. »Das Weib kann mörderisch viel vertragen.«
Er konnte sich nicht erinnern, wie er am gestrigen Abend überhaupt in sein Bett gefunden hatte; die einzigen Dinge, die ihm noch einfielen, waren Sirghias schrilles Lachen und ihre scheinheilige Frage, ob er noch einen Drink wolle. Ächzend und schimpfend stand Giri auf, zog sich einen alten Morgenmantel an und tappte über menschenleere Gänge zur nächsten Gemeinschaftsdusche. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, war der erste Teil des Katers bereits gewichen.
Starker Kaffee und ein gutes Frühstück stellten dann sein inneres Gleichgewicht wieder vollständig her. Wie aufs Stichwort erschien Sirghia, die geradezu herausfordernd frisch und heiter wirkte. »Wir stehen in der Zeitung«, verkündete sie fröhlich; dann sah sie Giri aufmerksam an: »Fehlt Ihnen etwas?«
Der Mann schüttelte den Kopf und goß für sich und die Frau Kaffee ein, dann griff er nach dem Nachrichtenausdruck. »Wo?« fragte er einsilbig.
Sirghia blätterte die richtige Seite auf und deutete mit dem Finger auf eine kleine, rot eingerahmte Meldung. Rasch überflog Giri die wenigen Zeilen, die in dürren Worten und ohne Orts- oder Personennennung über den Versuch berichteten. Noch etwas erregte Giris Aufmerksamkeit – eine sehr kurze Meldung handelte von einem starken Erdbeben auf dem Nachbarplaneten Mainares, der bis auf wenige Forschungsstationen mit geringer Besatzung unbewohnt war.
»Sehr gut«, lobte Giri, als er den Ausdruck weggelegt hatte. »Warten Sie auf die Schlagzeilen über unseren ersten Großversuch – dann sind wir auf der ersten Seite! Was steht für heute auf dem Programm?«
Sirghia zählte auf, und Giri machte sich Notizen, die er anschließend sofort in den Abfallvernichter warf. Sein akustisches Gedächtnis war miserabel, sein optisches hingegen fast perfekt – Dinge, die er gelesen hatte, vergaß er so gut wie nie.
»Gut!« sagte er endlich, nachdem Sirghia ihren Rapport beendet hatte. »Machen wir uns an die Arbeit. Ich stelle hier noch ein paar Materialien zusammen; wir treffen uns dann im Labor.«
Sie verabschiedete sich und ging. Giri sammelte noch einige Unterlagen und wollte sich dann ebenfalls auf den Weg zu den Laboratorien machen. Zwei freundliche, aber energische Herren, die draußen vor der Tür auf ihn gewartet hatten, hinderten ihn an diesem Vorhaben.
»Wir sind angewiesen, Sie abzuholen«, sagte einer der beiden. »Bitte folgen Sie uns.«
Giri zog die Brauen hoch und sah sich die beiden sehr durchschnittlichen Männer genau an.
»Was ist los?« fragte er dann ungeduldig. »Ich habe zu tun.«
»Wir auch«, meinte der Sprecher mit einem säuerlichen Lächeln. »Unsere Arbeit besteht darin, Leute wie Sie von der ihren abzuhalten und mitzuschleppen. Bitte, kommen Sie mit – sonst müßten wir ein wenig nachhelfen, und das würde Aufsehen erregen.«
Das klang für Giris Geschmack ein wenig zu unfreundlich; er wußte nicht, ob er folgen sollte. Kamen die beiden wirklich von einer vorgesetzten Dienststelle, war alles in Ordnung. Was aber, wenn sie zu den Distributionisten gehörten – Ausweise zu fälschen war zwar schwer, aber keineswegs unmöglich. Giri knurrte etwas Unverständliches, dann trottete er folgsam hinter den beiden her. Mit großer Spannung wartete er auf die erste Kontrolle, aber seine Erwartungen wurden enttäuscht. Offensichtlich waren die Ausweise der beiden Männer mehr als nur in Ordnung – vor Wissenschaftlern hätten die Wächter sicherlich nicht salutiert.
Vor dem großen Haupttor des Forschungsbunkers wartete ein Gleiter mit laufendem Motor. Höflich wurde Giri aufgefordert, auf der hinteren Sitzbank Platz zu nehmen. Kaum hatte der Wissenschaftler sich gesetzt, als sich die Tür klatschend hinter ihm schloß und Giri die Feststellung machen mußte, daß sein Sitzplatz eher einem lichtundurchlässigen Käfig glich. Nur eine kleine Lampe an der Decke erhellte das enge Gefängnis.